Rezension: „Karl der Große – Die Korrektur eines Mythos“ von Rolf Bergmeier


Gastbeitrag von Walter Müller

Karl der Große – Die Korrektur eines Mythos

Autor: Rolf Bergmeier (Jg. 1940)
Tectum Verlag Marburg (2016)
ISBN 978-3-8288-3661-7

Aus dem Geschichtsunterricht dürfte Karl der I. – oder „Karl der Große“, wie er schon zu Lebzeiten genannt wurde – in historisch interessierten Kreisen hinlänglich bekannt sein. Ob das von einigen Historikern gezeichnete Bild Karls des Großen allerdings mit der Realität übereinstimmt, ist nicht nur unter Historikern höchst umstritten.

Der Autor Rolf Bergmann liefert mit seinem Buch gut recherchierte Ansätze zu dieser Kritik, die nicht übersehen werden können. Er weist außerdem fundiert nach, wie es dazu kommen konnte, dass Karl der Große zu einem Mythos hochstilisiert wurde; ein Mythos, der einer Überprüfung nicht standhalten kann. Dass dieser Herrscher darüber hinaus zu einer Symbol- und Lichtgestalt für ein geeintes Europa werden konnte, dem Zeitgenossen gar den Titel „Vater Europas“ verliehen, erinnert doch stark an eine nicht ganz ernst zunehmende Glosse.

Was hat denn Karl der Große, dem man auch den Beinamen der Sachsenschlächter verliehen hat, für Europa getan, dass er von den Honoratioren in Aachen zu einem „Leuchtturm Europas“ erhoben wurde und sogar zum Namensgeber des alljährlich an Himmelfahrt an verdiente Europäer verliehenen Karlspreises erkoren wurde?

Fakt ist nämlich, dass Karl der Große während seiner gesamten Regierungszeit keine einzige Schule gegründet, keine öffentliche Bibliothek gefördert und kein einziges Theater eröffnet hat. Karl der Große zeichnete sich zudem als Förderer eines unversöhnlichen Christentums aus, welches nach dem Prinzip agierte: „Sterben soll, wer Heide bleiben will!“ Nicht zuletzt deshalb führte er in seiner gesamten Regierungszeit Kriege. So z.B. die Sachsenkriege, (772 bis 804) welche die Eroberung und Christianisierung Sachsens zum Ziele hatten. 774 eroberte er das Langobardenreich. Sein Feldzug gegen die Mauren scheiterte hingegen. Die ihm zugeschriebene Bildungsreform bestand in der Gründung von Lateinschulen, die nur der katholischen Kirche, nicht aber dem gemeinen Volk einen Nutzen brachte. Tatsache ist, dass die Kultur zur Zeit Karls der I. danieder lag. Die Menschen verrichteten ihre Notdurft auf der Straße und hausten in armseligen Hütten.

Dass ausgerechnet Papst Franziskus in 2016 mit dem Karlspreis geehrt wurde, ist nicht weiter verwunderlich, denn die Verstrickungen Karls des Großen mit der katholischen Kirche sind nicht zu übersehen. Erkennbar wird dies insbesondere auf Grund der Heiligsprechung Karls des Großen, die im Jahre 1165 auf Veranlassung  Kaiser Friedrich I. Barbarossa durch den Erzbischof von Köln, Rainald von Dassel, mit Billigung des Gegenpapstes Paschalis III., aber gegen den Willen von Papst Alexander III. erfolgte. Es war schließlich Papst Leo III., der Karl I. im Jahre 800 – wohl als Dank und Gegenleistung für dessen Unterstützung im Streit zweier Päpste – zum Kaiser krönte. Vor Papst Franziskus erhielt auch schon Papst Johannes Paul II. im Jahre 2004 den Karlspreis „in Würdigung seines herausragenden Wirkens für Europa und die Wahrung seiner Werte und die Botschaft des Friedens.“

Dem Autor Rolf Bergmeier – aber auch mir – ist beim besten Willen nicht ersichtlich, welchen außergewöhnlichen Beitrag der diesjährige Preisträger, Papst Franziskus, für die Einheit Europas denn geleistet haben sollen? Nach wie vor verkündet dieser Papst doch die Mär von einer armen Kirche, die sich gerade mal dazu durchgerungen hat, 12 syrischen Flüchtlingen einen Aufenthalt in Rom zu gewähren.

Ich teile auch die Wertung des Autors, dass Karl der Große ein denkbar ungeeignetes Vorbild und Symbol für unser Europa sein kann. Dass europäische Politiker alljährlich gerne nach Aachen – in diesem Jahr gar nach Rom – zur Preisverleihung eilen, um Personen, die sich um Europa verdient gemacht haben, zu ehren, wirkt geradezu absurd, wenn man sich ernsthaft mit dem unheiligen Leben und dem von Blut – viel Blut! – gekennzeichneten Wirken Karls des Großen auseinander setzt, der zum Namensträger dieses Preises erkoren wurde. Wer auch immer auf diese Idee kam, verfügte zweifellos über eine höchst eingeschränkte, unwissenschaftliche Sicht auf die Historie und die Entwicklung in Europa.

Unter diesem Aspekt komme ich nicht umhin, diesem Buch das Prädikat „unbedingt lesenswert“ zu verleihen. Den Begründer dieses Preises (den Aachener Textilkaufmann Dr. Kurt Pfeiffer) mögen hehre Gründe zur Stiftung dieses Preises bewogen haben. Bei der Wahl des Namensgebers für diese Stiftung hat er sich allerdings einen völlig abwegigen Fehlgriff geleistet.

25 Gedanken zu “Rezension: „Karl der Große – Die Korrektur eines Mythos“ von Rolf Bergmeier

  1. Danke, dass mal jemand diese Tatsachen deutlich gemacht hat.
    Und der heilige Karl hat ja auch nach der alten Tradition der Frankenherrscher dafür gesorgt, dass aus seiner zahlreichen Verwandtschaft nur die möglichen Thronfolger am Leben blieben, die ihm genehm waren.
    Heilig geht anders…

    Ähnlich wie mit Karl geht es mir auch bei anderen hoch verehrten Persönlichkeiten – Julius Caesar, Alexander, Napoleon, um mal einige zu nennen. In einer zivilisierten Umgebung wären sie als Raubmörder angeklagt worden.

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  2. @ Walter Müller

    Sie schreiben: „Die ihm zugeschriebene Bildungsreform bestand in der Gründung von Lateinschulen, die nur der katholischen Kirche, nicht aber dem gemeinen Volk einen Nutzen brachte.“

    – Latein war im Europa der damaligen Zeit die Kultursprache. Um an der Kultur teilzuhaben, mußte man Latein beherrschen. Wer Lateinschulen einrichtete, hat zweifelsohne etwas für die Kultur getan.

    – wo wurden im Europa der damaligen Zeit die Interessen des „gemeinen Volkes“ beachtet? Welcher Herrscher hat sich damals für das „gemeine Volk“ eingesetzt? Hat damals irgendein Herrscher Schulen für das „gemeine Volk“ eingerichtet?

    ( könnte sein, dass es im arabischen Spanien anders war, aber darüber weiß ich nicht genug – vielleicht Sie? )

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  3. @ Andreas Lichte

    Sie sollten sich schon etwas eingehender über das Bildungsproblem unter Karl dem Großen informieren, bevor Sie sich ein nicht haltbares vorschnelles Urteil über dieses Thema erlauben. Für die Öffentlichkeit war mit der Einrichtung dieser reinen Religionsschulen leider rein gar nichts gewonnen. Die offenbar weit verbreitete Annahme einiger Historiker und Bildungsforscher des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, dass Karl der Begründer von Land- und Volksschulen gewesen sei, beruht eindeutig auf falschen Annahmen und Fehlinterpretationen. In seinem Buch geht der Autor Rolf Bergmeier ausführlich auf diese Thematik ein und widerlegt diese falschen Annahmen.

    Die von Karl initiierten Klosterschulen waren lediglich Religionsschulen für eine kleine Minderheit. Von einer karolingischen Bildungsreform kann somit keine Rede sein. Ich empfehle Ihnen deshalb, insbesondere das Kapitel „Karl, Mäzen des klösterlichen Schulsystems“ ab Seite 100 und folgende aufmerksam zu lesen.

    Ihre Frage: „Wo wurden im Europa der damaligen Zeit die Interessen des ‚gemeinen Volkes‘ beachtet?“ ist schnell beantwortet: „Nirgendwo in Europa und schon gar nicht im Reich Karls des Großen!“ Auch diese Erkenntnis ist ein weiterer Hinweis dafür, dass Karl der Große zu Unrecht zu einem Mythos hochgejubelt wurde.

    In einer seiner Schriften (Admonitio generalis) ordnete Karl an, dass die „Jungen Psalmen, Schriftzeichen, Gesänge, Zeitrechnung, Grammatik zur Förderung der Erkenntnis Gottes und der Menschen erlernen sollten. Karl begründete dies mit der Notwendigkeit, dass Psalmen in korrektem Latein gesungen werden müssten! Aus dieser „Admonitio generalis“, die 80 Kapitel umfasst, sind 59 direkt und der Rest mehr oder weniger kirchlich orientiert. Aus einem einzigen Wort in einem Nebensatz eines Textes der 80 Kapitel umfasst, auf ein karolingisches Schulsystem schließen zu wollen, wie dies einige Historiker hinein interpretieren wollten, ist schlichtweg absurd.

    Latein ist zur Zeit Karls weder die Sprache des Volkes noch die der Herrschenden. Es ist die Sprache des Katholizismus. Während z.B. im arabischen Reich eine gemeinsame Sprache an zahllosen Schulen gelehrt wird, schottet sich der Klerus im lateinsprachigen Mittelalter vom gemeinen Volk ab. Durch den Verzicht auf öffentliche Schulen verkümmert nicht nur das Lesen und Schreiben, sondern auch die Sprachfertigkeit. Die verschiedenen Volksdialekte werden zu vulgären Nebensprachen der eigentlichen Hauptsprache Latein. Somit sind sie für die staatspolitische, wissenschaftliche oder künstlerische Entwicklung im Reich Karls ohne jegliche Bedeutung. Es ist eben nicht das Anliegen der katholischen Kirche, den Bildungsstand im Volk zu heben. Das Anliegen der Kirche ist es einzig und allein, die Herrschaft Gottes und seiner Kirche über die Welt zu erhalten. Je mehr man sich diese Fakten bewusst macht, umso offensichtlicher wird, dass Karl der Große alles andere als ein Vorbild oder gar als ein Vater Europas bezeichnet werden kann.

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    • @ Argus7

      haben Sie meinen Kommentar überhaupt gelesen? Daran zweifele ich …

      Zitat „Argus7“: „Die von Karl initiierten Klosterschulen waren lediglich Religionsschulen für eine kleine Minderheit.“

      Natürlich für eine Minderheit. Hab’ ich das nicht auch gesagt/gefragt? Aber besser, eine Minderheit bekommt Bildung, als niemand, oder?

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  4. @ Andreas Lichte

    Was veranlasst Sie zu der Annahme, dass ich Ihren Kommentar nicht gelesen hätte? Ich bin doch auf alle Ihre Kritikpunkte eingegangen. Das Problem ist nur, dass ich das zur Diskussion stehende Buch gelesen habe und Sie offensichtlich (noch) nicht. Sie würden dann nämlich nicht weiter darauf bestehen, dass Karl der Große einen nennenswerten Beitrag zur Volksbildung geleistet oder beigetragen habe.

    Einigen wenigen Mönchlein Latein beigebracht zu haben, kann man beim besten Willen nicht als nennenswerten Beitrag zur Volksbildung hochjubeln. Ein weiteres Beispiel für die Überbewertung Karls angeblichen Verdienstes um die Förderung der Minuskelschrift ist letztendlich ebenfalls weitaus weniger aufregend als vielfach behauptet wird. Der Historiker Johannes Fried (Jg. 1942) kommentiert den Wert der neuen „karolingischen“ Minuskel in seiner Karl-Biografie wie folgt: „Sie setzte in klarer Graphie Groß- und Kleinbuchstaben mit Ober- und Unterlängen in ein Vierlinienschema und trennt deutlich die einzelnen Worte voneinander – eine unendlich wertvolle Lese- und Verstehenshilfe für jeden Text.“ Fried lässt zwar offen, wer die Schrift tatsächlich entwickelt hat, verwendet jedoch den Begriff „karolingische“ Minuskel. So konnte der Eindruck entstehen, Karl habe für die Einführung gesorgt. Aber welcher Analphabet – so Rolf Bergmeier – der noch nicht einmal die alte Schrift wenigstens rudimentär beherrscht, hat jemals eine neue Schrift gefördert?

    Die Wahrscheinlichkeit liegt nahe, dass sich diese Schrift ohne jede höhere Weisung von mehreren Skriptorien (Schreibstuben) aus verbreitet hat. Dessen ungeachtet halten einige Leute Karl den Großen für den Kreator bzw. Auftraggeber dieser Schrift. Im Mittelalter wurde eine Schrift garantiert nicht – wie heute – kreiert, sondern mussten sich erst in Schreibwerkstätten, sog. Skriptorien, entwickeln.

    Zur Verdeutlichung: Die Karolinger haben im Bildungsbereich im Vergleich mit anderen Kulturen vollkommen versagt. Mögen die arabischen Herrscher auch noch so zerstritten gewesen sein, aber sie zögerten nicht, Arabisch als identitätsstiftende Sprache an zahlreichen öffentlichen Schulen lehren zu lassen. Arabisch wurde dadurch zur Volks- und Wissenschaftssprache, während Karl und das fränkische Reich sich unter dem unheilvollen Einfluss des Katholizismus einer reichsweit gepflegten Volkssprache verschlossen.

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  5. @ Walter Müller

    Sie schreiben: „Sie würden dann nämlich nicht weiter darauf bestehen, dass Karl der Große einen nennenswerten Beitrag zur Volksbildung geleistet oder beigetragen habe.“

    Darauf habe ich NIE bestanden. Im Gegenteil, weil es zur Zeit Karls des Großen nämlich überhaupt keine „Volksbildung“ im heutigen Sinne gab – wie verstehen Sie denn meine Fragen von oben:

    „Welcher Herrscher hat sich damals für das „gemeine Volk“ eingesetzt? Hat damals irgendein Herrscher Schulen für das „gemeine Volk“ eingerichtet?“

    Das sind doch – offensichtlich – rhetorische Fragen: wenn niemand – kein einziger Herrscher – Schulen für das „gemeine Volk“ eingerichtet hat, wie sollte es dann eine „Volksbildung“ geben?

    Etwas anderes ist die Einrichtung von, Ihre Formulierung, „Lateinschulen“: Latein war die Sprache der Gelehrten, auch der Philosophie (Scholastik), und – so vermute ich –, die Verkehrssprache der Gebildeten der damaligen Zeit, im Prinzip so etwas wie die elitäre Variante des Englisch von heute …

    Ich betrachte es als Verdienst, wenn jemand dafür gesorgt hat, dass mehr Menschen Latein beherrschen, auch wenn es sich weiter – natürlich – nur um eine kleine Minderheit handelte.

    Die „Karolingische Minuskel“:

    die wird sich Karl wohl kaum selber ausgedacht haben – man muss nicht nur lesen und schreiben können, sondern auch Kalligraphie beherrschen …

    und trotzdem könnte – könnte – man riskieren, zu sagen: Karl hat für die Entwicklung der „Karolingischen Minuskel“ gesorgt, da in den von ihm gegründeten Lateinschulen so viel geschrieben, Texte kopiert wurden …

    Den Hinweis zu den „arabischen Herrschern“ habe ich selber gegeben („arabisches Spanien“): da konstruieren Sie einen Konflikt zwischen uns. Aber die arabische Welt ist auch eine ANDERE Welt.

    Die Verdienste der arabischen Welt können Sie gerne einmal in einem eigenen Artikel – im Detail – herausarbeiten: das würde mich interessieren, und wäre in den heutigen, fremdenfeindlichen Zeiten vielleicht ein wertvoller Diskussionsbeitrag.

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  6. In vielen Punkten stimme ich dem Eingangstext zu – wenngleich mit einer Einschränkung.

    Es gibt ein schiefes Bild, wenn über eine historische Distanz von gut 1200 Jahren gefragt wird, was denn eine bestimmte Persönlichkeit für „Europa“ getan habe, oder für die Volksbildung oder über den Frieden oder was noch. Einen Begriff von „Europa“ hatte damals niemand. Die Idee, einen Kontinent als Einheit zu begreifen, der mehr als nur geographische Bedeutung zukommt, war im Grunde nicht einmal zu Napoleons Zeiten angemessen. Plausibel wurde das streng genommen erst: mit der Einführung von Eisenbahn und Telegraph. Selbst die Römer interessierte „Europa“ nicht die Bohne, selbst als sie einer vereinheitlichten kontinentalen Herrschaft und Verwaltung ziemlich nahe kamen – sie interessierte das Römische Reich als Herrschafts- und Handelsgebiet unter Einschluss von Nordafrika und Vorderasien.

    Richtig ist deshalb an Buch und Rezension, dass die Verhältnisse einmal gerade gerückt werden. Das Europa Karls des Großen ist weder materiell noch ideell mit dem Europa unserer Zeit identisch noch auch nur zu vergleichen. Mein Eindruck – ohne das Buch gelesen zu haben, also nur auf der Grundlage der Rezension – ist aber, dass man dazu die als finster und rückständig dargestellten Seiten Karls gar nicht gebraucht hätte. Jeder andere Herrscher dieser Epoche hätte in der gleichen Position genauso gehandelt; vielleicht nicht so erfolgreich, aber im Kern ohne den ganzen Überbau, mit dem unsere moderne, Post- WW II-Europavorstellung befrachtet ist. Man wird einem Kaiser des frühen Mittelalters nicht vorwerfen können, ein Kind seiner Zeit gewesen zu sein.

    Das gilt dann natürlich auch für den in dieser Diskussion hochgekochten Streit über den Stand der Kulturförderung unter Karl dem Großen. Öffentliche Schulen wurden nicht gefördert, so viel ist unstrittig. Nur: in der gleichen Epoche gab es so etwas wie „öffentliche Schulen“ oder gar eine allgemeine Beschulung genau nirgends. Es gab sie weder in der griechischen noch in der römischen Antike, es gab sie nicht unter der Maurenherrschaft, es gab sie in keinem mittelalterlichen Reich. Weltliche Herrscher – Ritterstand, Adel – hatten ihre Hofmeister, der Klerus hatte seine Klosterschulen, und das Ziel von Schulung wurde wie selbstverständlich in der Rekrutierung des Nachwuchses für die eigenen Stände gesehen. Die Beschulung eines ganzen Volkes ist die Frucht ein humanistisches Bildungsideals, das erst mit der Aufklärung Fuß fassen konnte – viele Jahrhunderte nach dem mehr oder weniger großen Karl. Heute wird in den Industriestaaten übrigens selbst dieser Grundgedanke abgelöst – durch den internationalen Wettbewerbsgedanken.

    Mein Eindruck nach alledem: lassen wir einerseits dem Karl Gerechtigkeit widerfahren als eine Frucht seiner Zeit (am Rande: auch der gemeine Mensch dieser Zeit hatte Umgangsformen, die wir heute unannehmbar finden würden). Man mache sich aber auch klar, dass mit zunehmendem geschichtlichem Abstand solche Schutzpatrone immer unpassender werden für das, was man in ihrem Namen würdigen möchte. Besser, man ließe es sein.

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  7. Einen unwürdigeren Namenspatron hätte man sich für einen Preis, mit dem verdiente Europäer, oder solche, die sich um die Einigung Europas verdient gemacht haben, geehrt werden sollen, nicht auswählen können. König Karl I., auch bekannt unter dem Namen „der Sachsenschlächter“ ist die denkbar schlechteste Wahl für einen Europa-Preis.

    Erklären müsste man mir noch, welcher Art denn die Verdienste sind, die sich Papst Franziskus und sein Kollege Johannes Paul II. um Europa erworben haben sollen? Wurden sie eventuell als Vertreter des größten Grundbesitzers Europas und des gesamten Planeten mit diesem Preis geehrt? Franziskus erhielt diesen Preis 2016, Johannes Paul II. in 2004. Den seit 1950 verliehenen Preis erhielten übrigens immerhin fünf Frauen, darunter unsere Kanzlerin.

    Hat sich denn kein einziger der bisherigen Preisträger darum bemüht, die Historie des Namensgebers dieses Preises zu hinterfragen? Wenn sie’s denn getan hätten, hätten zumindest einige von ihnen die Annahme dieses Preis bestimmt abgelehnt!

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  8. In 2008 habe ich als Hobby-Autor einen Roman im Helios-Verlag, Aachen, 1068 Seiten, herausgegeben mit dem Titel: Karl der Große – Visionär und Reformer. Anlässlich des Andenkens an den Tod Karls des Großen im Jahre 814 habe ich nach 1200 Jahren diesen Roman um Personen- und Sachregister gekürzt im Jahre 2014 erneut im Kern-Verlag mit der IBSN 9783957160-010 veröffentlicht.
    Wie der Titel meines Romans schon aussagt habe ich Karl als Visionär und Reformer in seinem Regierungswirken derart überhöht dargestellt, dass es selbst dem Unkundigen mittelalterlicher Geschichte in weiten Teilen unglaubwürdig erscheinen muss.
    Mit dem Wissen der heutigen Zeit habe ich in meinem Roman die Kühnheit besessen, Karl den Großen fantasievoll nicht nur als Reformer eines allgemeinen Bildungs- und Schulwesens zu würdigen…sondern darüber hinaus lasse ich Karl das Verkehrswesen zu Land und zu Wasser, das Münzwesen, die Finanzen, den Handel, die Landwirtschaft und Tierzucht in Verantwortungsbereiche (Ministerien) übergeben. Karl ordnet daüber hinaus Kurierdienste und diplomatische Vertretungen mit entsprechenden Sprachkenntnissen an den Höfen Bagdads, Konstantinopels, Cordobas, den angelsächsischen Königreichen, den Handelsplätzen Haithabu, Nowgorod, Venedig und selbst bei Awaren, dem Bulgarenfürst Krum und Alfonso von Asturien an. Einen besonderen Stellenwert genießt bei Karl der ständige theologische Kontakt zum Papst in Rom.
    Karl modernisiert das Heerwesen, die Waffenproduktion, den Bergbau und die Metallverhüttung.
    Karl führt neue Maßeinheiten, Zölle und Steuern ein. Selbst in Medizin, der Wirksamkeit von Heilpflanzen setzt Karl Maßstäbe.
    Mit einem neuen fränkischen Erbrecht versucht Karl auf einer Reichsversammlung im Tessin mit dem Erbverzicht seiner eigenen gesamten Nachkommenschaft und neuen Nachfolgeregelungen den Zerrüttungen und Erbstreitigkeiten der Vergangenheit vorzubeugen.
    Am 3. Juni 2016 stellt nun der Althistoriker Rolf Bergmeier im Forum der Mayerschen Buchhandlung Aachen sein Buch: „Karl der Große. Die Korrektur eines Mythos“ vor. Ich gehöre neben dem Redakteur Werner Czempas von den Aachener Nachrichten zu den bescheidenen 25 Zuhörern.
    Werner Czempas würdigt in einem Artikel der Aachener Nachrichten vom 6.6.2016 mit der Überschrift: „Die schauerliche Mär von Karl dem Großen“ die Arbeit des Buchautors Bermeier.
    Ich stelle sehr schnell fest, dass Rolf Bergmeier stichhaltige Argumente ins Feld führt. Ich werde ganz kleinlaut als ich merke wie Bergmeier „meinen Karl“ gerade entzaubert hat. Als „Hobby-Historiker“ muss ich mit meiner „Geschichtsfälschung“ leben… können das aber auch angesehene Mediavisten und Pseudo-Mediavisten die Karl in ihren Veröffentlichungen über Gebühr hochgejubelt, als Leuchtturm Europas bezeichnet haben?
    „Harte Kost“ aber auch für die Stadt Aachen und ihre Honoratioren. Beim Stichwort Europa kommt es noch ärger: „Karls Denken und Handeln stehen im krassen Gegensatz zu allem, was Europa Farbe verleiht. Dieser Hardcore-Katholik hat mit einem Europa, wie wir es heute verstehen, mit der Fähigkeit zum demokratischen Diskurs, mit Kritik und Kompromiss, mit Toleranz, mit kultureller Vielfalt und freiem Denken so viel am Hut wie Kaiser Wilhelm mit der Demokratie.“
    Sein Buch versuche, sagt der Autor, „einem Monument das das Fundament wegzuziehen“, das unbestritten seit Jahrhunderten getragen habe. Stürze das Monument, sei auch dem Karlspreis das Fundament entzogen. Bergmeier: „Es ist besser, ihn Lessing- oder Sokrates- oder Platon-Preis zu nennen.“
    Ich habe den Spiegel-Verlag und andere Zeitschriften zu dieser Thematik informiert. Nur überall eisiges Schweigen!

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  9. Sehr geehrter Herr Ferdinand,

    es ehrt Sie, dass Sie sich hier so selbstkritisch zu Ihrem eigenen Buch äußern. Sie sind eben offenbar falschen Informationen über Karl den Großen aufgesessen, wie dies bei historischen Personen schon mal vorkommen kann. Spontan fällt mir dazu die Person des Martin Luther ein, der von der evangelischen Kirche ebenfalls in einem Lichte dargestellt wird, welches mit der Realität wenig bis gar nichts gemein hat. So war Luther nachweislich ein ausgewiesener Judenhasser, eine Tatsache, die die evangelische Kirche aber nach wie vor beharrlich ignoriert oder schön redet.

    Dass solche Fakten von der Welt „übersehen“ und ignoriert werden, ist eine leider nicht weg zu diskutierende
    Tatsache. Es ist schwer einzuschätzen, aus welchen Gründen Teile der Öffentlichkeit diese Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Unangenehme Dinge zu verdrängen ist offenbar eine menschliche Eigenschaft, die für an der geschichtlichen Wahrheit interessierten Menschen unerklärlich und nur schwer nachvollziehbar ist.

    Wie es dazu kam, dass ein Bürger der Stadt Aachen, der Textilhändler Dr. Kurt Pfeiffer, im Jahre 1949 den Karlspreis begründete, muss man als lokalpatriotischen Akt einstufen. Dr. Pfeiffer war offenbar kein ausgewiesener Geschichtskenner sonst hätte er nicht ausgerechnet Karl den Großen als vorbildlichen Europäer zum Namensgeber eines Preises ausgewählt.

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    • Sehr geehrter Herr Müller,
      in Ihrem Beitrag zu meinem Buch: „Karl der Große, Visionär und Reformer“ lassen Sie auch religionskritische Töne, hier ganz speziell zu Martin Luther einfliesen. Ich möchte ergänzend hierzu das Vorwort zu meinem Büchlein: „Karl und die Frauen – Die Begierden Karls des Großen“ aus dem Jahr 2015 vortragen, um die verschrobene, in meinen Augen verbrecherische Sexualethik der katholischen Kirche deutlich werden zu lassen:
      Wetti, ein Mönch des Klosters Reichenau am Bodensee, der bereits im Jahre 824 verstorben ist, gilt als Verfasser des sogenannten „Reichenauer Traumgesichts“, eine Jenseitsvision, die scharfe Kritik an kaum ins Jenseits abberufenen Zeitgenossen übte. Auch an Karls des Großen ausschweifendem Sexualleben wurde heftig Kritik geübt.
      Der Mönch Wetti hatte nach Karls Tod eine Vision: Ein Engel führte ihn durch den Himmel und in die Hölle hinab, da sah er im Fegefeuer einen Fürsten, der einst das Zepter über das Frankenreich geschwungen hatte.
      Des Kaisers Geschlechtsteile wurden durch die Bisse eines Tieres zerfleischt, welches ihn ansonsten an keiner anderen Stelle verletzte. Der Mönch Wetti wunderte sich über die Maßen, dass ein Mensch, der so Großes für die Verteidigung des katholischen Glaubens geleistet hat, die Qualen einer so grausamen und hässlichen Strafe erleiden müsse. Der Engel aber sprach: „Dieser Fürst hat viel Lobwürdiges getan und Gott sehr Wohlgefälliges, doch den Lockungen des Fleisches hat er nie widerstehen können…“
      Es gilt nicht, über Karls animalische Triebhaftigkeit die Nase zu rümpfen, sondern seine im Zeichen des Kreuzes vollzogene Zwangschristianisierung der Nachbarvölker zu verurteilen…und hier im Besonderen sein an den Sachsen ausgeübtes Blutbad anno 782 in Verden an der Aller.
      Die Verblendung der katholischen Kirche bezüglich der menschlichen Sexualität wird hier sehr deutlich – aber leider hält sie bis in unsere doch weitgehend aufgeklärte Zeit offensichtlich noch an.
      Ich habe die stille Hoffnung, dass der Leser in der Sexualunterdrückung durch die Kirche sehr deutlich erkennt, was damit bezweckt wird: Nämlich nichts anderes als sich die Hörighaltung des Menschen zu erleichtern, was nicht selten bei Menschen eine seelische Kastration auslöst.
      Die bedeutendste negative Leistung des Christentums war die Problematisierung der Sexualität – und das kranke, so leibfeindliche Gehirn des Apostel Paulus hat hierzu einen schändlichen Beitrag geleistet.
      Wir brauchen eine Geisteshaltung, die in der Sexualität kein Problem, sondern ein Vergnügen sieht. Den meisten Menschen fehlt dazu leider die Sicherheit – und oft auch die Liebe.

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  10. @ Walter Müller

    ich habe ungefähr 30 Sekunden mit google gesucht, um das folgende zu finden – Text der „EKD“, „Evangelische Kirche in Deutschland“:

    „Beschlüsse

    Kundgebung „Martin Luther und die Juden – Notwendige Erinnerung zum Reformationsjubiläum“

    2. Tagung der 12. Synode der EKD, 8. bis 11. November 2015 Bremen

    11. November 2015

    „Martin Luther und die Juden –
    Notwendige Erinnerung zum Reformationsjubiläum“

    Im Jahr 2017 feiert die Evangelische Kirche 500 Jahre Reformation. Dabei fragen wir mit Blick auf unser historisches und theologisches Erbe nach wesentlichen Einsichten für heute. Bei aller Dankbarkeit und Freude verschließen wir die Augen nicht vor Fehlern und Schuldverstrickungen der Reformatoren und der reformatorischen Kirchen.

    Bedrängende Einsichten

    Die Reformation zielte auf eine Reform der Kirche aus der Kraft des Evangeliums. Nur in wenigen Fällen kam es dabei zu einer neuen Sicht auf die Juden. Die Reformatoren standen in einer Tradition judenfeindlicher Denkmuster, deren Wurzeln bis in die Anfänge der Kirche zurückreichen.

    Wir tragen dafür Verantwortung zu klären, wie wir mit den judenfeindlichen Aussagen der Reformationszeit und ihrer Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte umgehen. Wir fragen, inwieweit sie eine antijüdische Grundhaltung in der evangelischen Kirche gefördert haben und wie diese heute überwunden werden kann. Der Auseinandersetzung mit der Haltung Martin Luthers gegenüber Juden kommt dabei exemplarische Bedeutung zu.

    Luther verknüpfte zentrale Einsichten seiner Theologie mit judenfeindlichen Denkmustern. Seine Empfehlungen für den konkreten Umgang mit Juden waren widersprüchlich. Sie reichen vom Plädoyer für einen freundlich werbenden Umgang bis hin zu Schmähungen und Forderungen, die auf eine vollständige Entrechtung und Vertreibung der Juden zielten.

    Im Vorfeld des Reformationsjubiläums können wir an dieser Schuldgeschichte nicht vorbeigehen. Die Tatsache, dass die judenfeindlichen Ratschläge des späten Luther für den nationalsozialistischen Antisemitismus in Anspruch genommen wurden, stellt eine weitere Belastung für die evangelische Kirche dar.

    Belastendes Erbe

    Zwischen Luthers frühen Äußerungen und seinen späten Schriften ab 1538 mit ihrem unverhüllten Judenhass besteht eine Kontinuität im theologischen Urteil über die Juden. Im Judentum seiner Zeit sah er eine Religion, die ihre eigene Bestimmung verfehlt. Sie lasse sich von der Verdienstlichkeit der Werke leiten und lehne es ab, das Alte Testament auf Jesus Christus hin zu lesen. Das Leiden der Juden sei Ausdruck der Strafe Gottes für die Verleugnung Jesu Christi.

    Luthers Urteil über die Juden war eingebunden in die abendländische Tradition der Judenfeindschaft. Zunächst wies er verbreitete Verleumdungen wie den Vorwurf der Hostienschändung und des Ritualmords als Lügengeschichten ab. Später kehrte er jedoch zu überkommenen Stereotypen zurück und blieb in irrationalen Ängsten und Ressentiments befangen.

    Ein Zusammenleben von Juden und Christen konnte es für Luther nur auf Zeit und in der Hoffnung auf Bekehrung der Juden geben. In deutlicher Kritik an der üblichen Judenhetze hoffte er 1523, dass, „wenn man mit den Juden freundlich handelt und aus der heiligen Schrift sie säuberlich unterweist, es sollten ihrer viel rechte Christen werden …“ („Dass unser Herr Jesus ein geborener Jude sei“). 1543 verfasste er die Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“. Aus Angst, die Duldung der jüdischen Religion könne den Zorn Gottes auch über das christliche Gemeinwesen heraufbeschwören, empfahl er am Ende dieser Schrift der weltlichen Obrigkeit u.a. die Verbrennung der Synagogen, die Zerstörung jüdischer Häuser, die Konfiszierung von Talmud und Gebetbüchern, Handelsverbot und Zwangsarbeit. Wenn das nicht helfe, riet er, solle man die Juden „wie die tollen Hunde ausjagen“.

    Auf Luthers Ratschläge konnte Jahrhunderte lang zurückgegriffen werden. Zum einen hat man sich unter Berufung auf die bedingt judenfreundliche Haltung von 1523 für die Duldung der Juden, aber auch für eine intensivierte Judenmission ausgesprochen. Zum andern hat man sich auf Luthers Spätschriften zur Rechtfertigung von Judenhass und Verfolgung berufen, insbesondere mit dem aufkommenden rassischen Antisemitismus und in der Zeit des Nationalsozialismus. Einfache Kontinuitätslinien lassen sich nicht ziehen. Gleichwohl konnte Luther im 19. und 20. Jahrhundert für theologischen und kirchlichen Antijudaismus sowie politischen Antisemitismus in Anspruch genommen werden.

    Erneuernder Aufbruch

    Nach 1945 kam es in Deutschland zunächst zögerlich zu einem bis heute nicht abgeschlossenen Lernprozess der Kirchen bezüglich ihres schuldhaften Versagens gegenüber dem Judentum. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat ihr Verhältnis zum Judentum theologisch neu bestimmt, jede Form der Judenfeindschaft verworfen und zur Begegnung mit dem Judentum aufgerufen. Entsprechende Aussagen sind in die Kirchenverfassungen vieler Gliedkirchen der EKD aufgenommen worden.

    Luthers Sicht des Judentums und seine Schmähungen gegen Juden stehen nach unserem heutigen Verständnis im Widerspruch zum Glauben an den einen Gott, der sich in dem Juden Jesus offenbart hat. Sein Urteil über Israel entspricht demnach nicht den biblischen Aussagen zu Gottes Bundestreue gegenüber seinem Volk und zur bleibenden Erwählung Israels.

    Wir stellen uns in Theologie und Kirche der Herausforderung, zentrale theologische Lehren der Reformation neu zu bedenken und dabei nicht in abwertende Stereotype zu Lasten des Judentums zu verfallen. Das betrifft insbesondere die Unterscheidungen „Gesetz und Evangelium“, „Verheißung und Erfüllung“, „Glaube und Werke“ und „alter und neuer Bund“.

    Wir erkennen die Notwendigkeit eines kritischen Umgangs mit unserem reformatorischen Erbe in der Auslegung der Heiligen Schrift, insbesondere des Alten Testaments. Wir erkennen in der jüdischen Auslegung des Tenach „eine auch für die christliche Auslegung nicht nur legitime, sondern sogar notwendige Perspektive“ (Kirche und Israel, Leuenberger Texte 6, II, 227); denn die Wahrnehmung jüdischer Bibelauslegung erschließt uns tiefer den Reichtum der Heiligen Schrift.

    Wir erkennen, welchen Anteil die reformatorische Tradition an der schmerzvollen Geschichte der „Vergegnung“ (Martin Buber) von Christen und Juden hat. Das weitreichende Versagen der Evangelischen Kirche gegenüber dem jüdischen Volk erfüllt uns mit Trauer und Scham. Aus dem Erschrecken über historische und theologische Irrwege und aus dem Wissen um Schuld am Leidensweg jüdischer Menschen erwächst heute die besondere Verantwortung, jeder Form von Judenfeindschaft und -verachtung zu widerstehen und ihr entgegenzutreten.

    „Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: ‚Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen‘, wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei“ (Martin Luther). Das Reformationsjubiläum im Jahr 2017 gibt Anlass zu weiteren Schritten der Umkehr und Erneuerung.

    Bremen, den 11. November 2015

    Die Präses der Synode
    der Evangelischen Kirche in Deutschland
    Dr. Irmgard Schwaetzer“

    Quelle: https://www.ekd.de/synode2015_bremen/beschluesse/s15_04_iv_7_kundgebung_martin_luther_und_die_juden.html

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    • @ Andreas Lichte

      Die 20 Sekunden lange Suche nach dem von ihnen vorgestellten Text, unterzeichnet von Dr. Irmgard Schwaetzer, Präses der Synode der Evangelischen Kirche, hätten Sie sich ersparen können. Dieser Text reiht sich ein in die diversen Erklärungsversuche, welche die Evangelische Kirche zu Martin Luther und dessen Antisemitismus bisher veröffentlicht hat. Der antisemitischen Erblast abzuschwören hat sich der deutsche Protestantismus auch nach dem Zweiten Weltkrieg stets schwer getan. Man hat sich die Dinge – und damit auch die Reformation – letztlich nur schön geredet.

      Die unsäglichen Anweisungen Martin Luthers zur Vernichtung und Unterdrückung der Juden und die diversen antisemitischen Äußerungen und Verhaltensorientierungen herausragender protestantischer Amtsträger im Gefolge Luthers, die ja auch für Millionen Anhänger des evangelischen Glaubens prägend waren, lasten schwer auf der evangelischen Kirche. Darüber hinaus musste die Kirche mit der Tatsache umgehen, dass Tausende ihrer Mitglieder als Hitlers willige Vollstrecker des Holocaust in diese Verbrechen mit involviert waren. Es gab zwar auch rühmliche Ausnahmen, aber es sind im großen Ganzen gesehen seitens der evangelischen Kirche kaum ernsthafte oder nachhaltige Initiativen ergriffen worden, die Verbrechen der Nazis zu verhindern.

      Hier ein Beispiel: Nach der von Hitler angeordneten Mordaktion gegen den SA Führer Ernst Röhm, am 30. Juni 1934, lud der aus Riga stammende braunschweigische Pfarrer Ernst Brutzer, aus Anlass dieser „Säuberungsaktion“, zu einem „Dankgottesdienst“ ein. Er berief sich dabei auf den Bibeltext in Römer Kapitel 13, und erklärte dazu: …dass Hitler der von Gott bestellte Wächter sei, der über dem Vaterland wache. Er gebe Gott immer wieder die Ehre. Ihm habe Gott beigestanden, ihm Entschluss und Tatkraft verliehen. In Römer 13 steht: „Jedermann soll sich denen unterordnen, die die Regierungsgewalt ausüben. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott kommt; die bestehenden Gewalten sind von Gott eingesetzt.“

      Parallel dazu stellte Pfarrer Grüner von der Braunschweiger Martinikirche in einem Gemeindebrief fest: „In Adolf Hitler ist uns Jesus Christus erschienen.“

      Und – anlässlich der „Nürnberger Prozesse“ erklärte der angeklagte Judenhetzer und Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“ zu seiner Verteidigung: „Wenn Martin Luther heute lebte, dann säße er hier an meiner Stelle!“ Dies bezog er offensichtlich auf den Judenhass, dem sie beide verfallen waren.

      Herr Lichte, fällt Ihnen nicht auf, dass Sie hier einen Mann, den Reformator Luther, verteidigen, der letzten Endes gut nachvollziehbar stark polarisiert und eine mehr als nur fragwürdige Rolle in der Kirchengeschichte spielte!? Luther ist letztlich mindestens so umstritten, wie der Esoteriker und Antisemit Rudolf Steiner, dessen pseudowissenschaftlicher Lehre Sie ja mit großem Eifer bekämpfen.

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      • @ Walter Müller

        Sie fragen: „Herr Lichte, fällt Ihnen nicht auf, dass Sie hier einen Mann, den Reformator Luther, verteidigen, der letzten Endes gut nachvollziehbar stark polarisiert und eine mehr als nur fragwürdige Rolle in der Kirchengeschichte spielte!? Luther ist letztlich mindestens so umstritten, wie der Esoteriker und Antisemit Rudolf Steiner, dessen pseudowissenschaftlicher Lehre Sie ja mit großem Eifer bekämpfen.“

        Mir fällt auf, dass Sie Unterstellungen gebrauchen: Ich verteidige NICHT Luther, sondern habe einen Text der EKD vorgestellt, der eine kritische Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus Luthers dokumentiert.

        Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass Sie die Jahrmarkt-Attraktion „Hau den Lukas“ mit einer ernsthaften Kritik des Christentums verwechseln: Gleichgesinnte werden Ihnen zustimmen, Menschen, die in Ihrer Entscheidung noch frei sind, werden Sie PRO-Christentum stimmen …

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    • @ Andreas Lichte

      Sie haben mir folgendes unterstellt:

      „Mir fällt auf, dass Sie Unterstellungen gebrauchen: Ich verteidige NICHT Luther, sondern habe einen Text der EKD vorgestellt, der eine kritische Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus Luthers dokumentiert.“

      Wenn Sie sich nicht mit dem EKD-Text identifizieren können, was haben Sie denn sonst mit Ihrem Kommentar bezweckt?

      Ich meinerseits habe nichts anderes getan, als diese schön geredete Verteidigung der EKD als solche zu entlarven.

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      • @ Walter Müller

        Sie fragen: „Wenn Sie sich nicht mit dem EKD-Text identifizieren können, was haben Sie denn sonst mit Ihrem Kommentar bezweckt?“

        Diese Frage habe ich beantwortet, Zitat Lichte:

        „[ich] habe einen Text der EKD vorgestellt, der eine kritische Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus Luthers dokumentiert.“

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  11. @ Walter Müller

    Ihre Kritik am Christentum überzeugt mich nicht.

    Vielleicht finden Sie beim Atheisten Pier Paolo Pasolini Anregung?

    Pier Paolo Pasolini über das Christentum (so wörtlich wie möglich übersetzt):

    “Nichts stirbt jemals in einem Leben. Alles überlebt. Wir, zusammen, leben und überleben. So ist auch jede Kultur immer aus den Überleben gewebt.

    Das, was überlebt, sind In dem Fall, den wir gerade untersuchen [“La Ricotta”], diese berühmten 2000 Jahre der ‘Imitatio Christi’, dieser religiöse Irrationalismus. Sie haben keinen Sinn mehr, sie gehören zu einer anderen Welt, verneint, zurückgewiesen, überholt: und doch überleben sie. Es sind Elemente, die historisch tot, aber menschlich lebendig sind, die uns zusammensetzen.

    Mir scheint es naiv, oberflächlich, sektiererisch, ihre Existenz zu verneinen oder zu leugnen. Ich, für meinen Teil, bin antiklerikal (ich habe keine Angst es zu sagen!), aber ich weiß, daß in mir 2000 Jahre des Christentums sind: Ich mit meinen Ahnen habe die romanischen Kirchen gebaut, und dann die gotischen Kirchen, und dann die barocken Kirchen: sie sind mein Erbe, im Inhalt wie im Stil. Es wäre verrückt, wenn ich diese starke Kraft leugnete, die in mir ist: wenn ich den Priestern das Monopol des Guten überliesse.”

    Original-Text:

    “Nulla muore mai in una vita. Tutto sopravvive. Noi, insieme, viviamo e sopravviviamo. Così anche ogni cultura è sempre intessuta di sopravvivenze.

    Nel caso che stiamo ora esaminando [La ricotta] ciò che sopravvive sono quei famosi duemila anni di “imitatio Christi”, quell’irrazionalismo religioso. Non hanno più senso, appartengono a un altro mondo, negato, rifiutato, superato: eppure sopravvivono. Sono elementi storicamente morti ma umanamente vivi che ci compongono.

    Mi sembra che sia ingenuo, superficiale, fazioso negarne o ignorarne l’esistenza. Io, per me, sono anticlericale (non ho mica paura a dirlo!), ma so che in me ci sono duemila anni di cristianesimo: io coi miei avi ho costruito le chiese romaniche, e poi le chiese gotiche, e poi le chiese barocche: esse sono il mio patrimonio, nel contenuto e nello stile. Sarei folle se negassi tale forza potente che è in me: se lasciassi ai preti il monopolio del Bene”.

    Quelle: http://www.pierpaolopasolini.eu/cinema_ricotta.htm

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    • @ Andreas Lichte

      Vorweg der Hinweis, dass Ihre Kritik an meiner Kritik am Christentum mich auch nicht überzeugt.

      Der 1975 ermordete Regisseur Pier Paolo Paolini ist mir dem Namen nach bekannt, Aber Anregungen für meine atheistische Einstellung benötige ich weder von ihm noch von anderen Leuten.

      Sie bezeichnen sich z.B. als antiklerikal, verehren andererseits aber doch religiösen Irrationalismus, wie z.B. romanische, gotische und barocke Kirchen. Nun, ich müsste lügen, wenn mir diese zum Teil herrlichen Bauten nicht auch gefielen. Im Gegensatz zu Ihnen weiß ich aber, dass diese Bauten mit dem Blut und dem Geld der in Abhängigkeit gehaltenen Menschen erbaut wurden. Die Religion hat ihre Unschuld nämlich schon zu Zeiten des Urchristentums verloren. Dafür gibt es hinreichend Erkenntnisse aus der Kirchengeschichte. Religion wird schon seit Urzeiten als ein Instrument zur Beherrschung der Gläubigen eingesetzt und missbraucht.

      Muss ich jetzt hier wirklich auflisten, welche Verfehlungen und Verbrechen die christlichen Kirchen in ihrer ganzen Historie begangen haben? Inquisition, Hexenverfolgung, Blutige Missionierungskampagnen in Afrika und in Südamerika. Und – um nur mal ein exemplarisches Beispiel zu erwähnen: Wussten Sie, dass das erste englische Sklavenschiff den sinnigen Namen „Jesus“ trug? Oder: Wussten Sie, dass die Eltern des Heiligen Sankt Martin, dem späteren Bischof von Tours, in Westungarn ein landwirtschaftliches Gut mit 20.000 Sklaven betrieben?

      Und – dass Jesus im Prinzip nichts anderes als ein gescheiterter Prophet war, ist eine Tatsache, die nicht zu widerlegen ist, denn das von ihm prophezeite Reich Gottes ist bis dato noch nicht gekommen. Seine Anhänger haben aus dieser Niederlage im Nachhinein einen Sieg konstruiert. Die neutestamentliche Bibelforschung hat ferner ergeben, dass das gesamte Johannes-Evangelium eine einzige Fälschung ist. Die Kirchenführer wissen dies, was sie aber nicht daran hindert, für Predigten weiter aus dem Johannes-Evangelium zu zitieren. Diese Texte, so wird erklärt, wollen ja Christus verkünden. Es seien ja keine historischen Zeugnisse, sondern Zeugnisse des Glaubens.

      Wenn es – trotz dieser Fakten und Tatsachen – immer noch Menschen gibt, die die Bibel für die Wahrheit halten, dann kann man nur darüber staunen, was man der Menschheit so alles weismachen und verkaufen kann. Wenn Sie, Herr Lichte, mit dieser 2.000 Jahre alten Legende leben können, ist das einzig und allein ihre Problem. Versuchen Sie aber bitte nicht, mir weiszumachen, dass Ihre Version der Geschichte die Wahrheit sei! Es stellt sich mir jetzt nur noch die Frage, wer von uns hier naiv, oberflächlich oder sektiererisch ist!?

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      • @ Walter Müller

        Sie schreiben: „Sie bezeichnen sich z.B. als antiklerikal, verehren andererseits aber doch religiösen Irrationalismus, wie z.B. romanische, gotische und barocke Kirchen …“

        Ich wußte noch gar nicht, dass ICH „Pier Paolo Pasolini“ heiße … aber Danke!

        Pasolini sagt mir viel, viel mehr als Sie … und mehr „Wirkung“ als Sie, hatte er sowieso:

        https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Weichkäse#Skandal_und_Prozess

        „Skandal und Prozess

        Nach der Premiere von RoGoPaG kam es wegen Pasolinis Episode zu einem Skandal. Sie war vom zuständigen Ministerium Anfang Februar 1963 für den Verleih freigegeben worden, wenn auch mit einer Altersbeschränkung ab 18 Jahren. Doch schon kurz nach dem Kinostart beschlagnahmte die Polizei am 1. März aus einer laufenden Vorführung eine Kopie aufgrund einer Anklage wegen Verunglimpfung der Staatsreligion. Auch die weiteren Kopien wurden eingezogen, der Film durfte nicht mehr gezeigt werden. Schon am 7. März verurteilte das Gericht Pasolini nach einem Schnellverfahren zu 4 Monaten Freiheitsentzug auf Bewährung.

        Im Mai 1964 wurde Pasolini in einem Berufungsverfahren freigesprochen. Das Gericht stellte dabei ausdrücklich fest, dass der Film als Ganzes den Straftatbestand der Verunglimpfung nicht erfülle, die isolierte Betrachtung einzelner Szenen zur Bewertung des Filmes sei nicht zulässig und stelle eine falsche Auslegung des zugrundeliegenden Gesetzes dar. Die Staatsanwaltschaft ging in die Revision, die im Februar 1967 vom Kassationsgerichtshof zurückgewiesen wurde, dabei erging formal kein Urteil mehr, da der Straftatbestand seit 1966 aufgrund einer Amnestie nicht mehr bestand. Das Gericht bestätigte in seiner Begründung jedoch ausdrücklich noch einmal die inhaltliche Position des Berufungsgerichtes.[6]

        Auch Pasolinis letzter Film Mamma Roma (1962) war in der Öffentlichkeit heftig angegriffen worden, vor allem aber hatte sein Début Accatone (1961) einen beispiellosen Skandal verursacht, die öffentliche Aufmerksamkeit für den Prozess war daher groß. Die bisherigen Auseinandersetzungen mit Strafanzeigen, tätlichen Angriffen, scharfen Polemiken bis hin zu einer parlamentarischen Aussprache und der Stürmung von Vorführungen durch militante Kräfte rechter Gruppierungen hatten zu einer Solidarisierung „der gebildeten Schichten, der kulturellen Intelligenz“ (in den Worten des zuständigen Staatsanwaltes Giuseppe Di Gennaro) mit Pasolini geführt, während sich in den Medien und auf der Straße von Seiten der Konservativen und Rechten ein „unbestimmbarer rassistischer Hass“ (Pasolini) äußerte: dass ausgerechnet ein offen homosexuell lebender Kommunist es sich erlaubte, der Gesellschaft „die Leviten zu lesen, das war nicht akzeptabel“ (Bini). Bini und Pasolini vermuteten daher, dass der Film von konservativer Seite zum Anlass genommen wurde, um an Pasolini als einem „Beispiel besonderer Lebhaftigkeit und außergewöhnlicher Bedeutung im Sumpf der italienischen Kultur“ (Di Gennaro) ein Exempel zu statuieren.[7]

        (…)“

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  12. @ Walter Müller

    den Pasolini-Text zum Christentum habe ich hier zitiert und übersetzt, um zu zeigen, dass Pasolini als einer der schärfsten Kritiker des Christentums nicht den Fehler macht, der sich durch alle Ihre Aussagen zieht:

    „Das hat nichts mit mir zu tun!“ – „Ich bin besser!“

    das ist sinngemäss das, was Sie gebetsmühlenartig wiederholen. Beispiel, Zitat Müller:

    „… kann man nur darüber staunen, was man der Menschheit so alles weismachen und verkaufen kann.“

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      • @ Andreas Lichte

        Mir ist aufgefallen, dass Sie es in erster Linie darauf anlegen, Krawall zu stiften. Wenn hier jemand abgewatscht gehört, dann niemand anders als Sie. Es macht den Eindruck, dass Sie mit sich selbst unzufrieden sind und nicht so richtig wissen, ob Sie für oder gegen eine Sache sein sollen. Den hier verlinkten „Hoffmann“-Kommentar fand ich nämlich ziemlich dämlich, nicht überzeugend und unangebracht. Wenn es nämlich keinen Gott gibt, dann bleibt doch gar keine andere Möglichkeit übrig, als dass sich Leben natürlich entwickelt hat. Stichwort: Synergetik. Hoffmann ist doch auch der Ansicht, dass es keinen Gott gibt, weigert sich aber, daraus eine logische Konsequenz zu ziehen.

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