Rezension: Heinz-Werner Kubitza – „Der Dogmenwahn“, Tectum Verlag (2015)


Gastbeitrag von G.Hergenröther

Der Autor, Heinz-Werner Kubitza, selbst gelernter und promovierter Theologe, befasst sich nach seinem Werk „Der Jesuswahn“ in einer weiteren Publikation mit dem Titel „Der Dogmenwahn“, erschienen im selben Verlag, in weiter ausgreifender Form wieder mit dem Hintergrund und der Sinnhaltigkeit der christlichen Theologie. Mit der Vehemenz des Abtrünnigen holt er dieses Mal zu einem Rundumschlag aus gegen die behauptete Wissenschaftlichkeit der Theologie, den Offenbarungs- und Absolutheitsanspruch der Bibel, die Schöpfungslehre, die theologische Anthropologie und zum Schluss gegen die Dogmen über die Sendung und das Wesen Jesu und seine Stellung in der Trinität.

Wenn er der Theologie überzeugend jeden Anspruch als Wissenschaft abspricht, werden ihre Aussagen über das Heilsgeschehen und den Wahrheitsgehalt der biblischen Offenbarung freilich bereits von vornherein per se unhaltbar. Die anschließende detaillierte Darstellung der Absurdität der einzelnen christlichen Dogmen liefert eigentlich nur ein Zubrot, nachdem der Theologie als Wissenschaft bereits zuvor jede Basis entzogen worden ist. Die Aussagen zur Natur und Erlösungsauftrag Jesu sind weitgehend eine Wiederaufnahme entsprechender Ausführungen im oben bereits erwähnten früheren Werk des Autors; deshalb sei hier auch auf die Rezension des Bandes „Der Jesuswahn“ verwiesen. Auch den dort getroffenen Aussagen über die intendierten Adressaten der Titel ist hier nichts weiter Erhellendes hinzuzufügen.

Wenn der Autor die Bibel „das am meisten überschätzte Buch der Weltliteratur“ (s. Jesuswahn, S. 29) und Jesus als „die am meisten überschätzte Person der Weltgeschichte“ (s. Dogmenwahn, S. 357) nennt, fragt man sich aber doch nach den Referenzentsprechungen. Ist es das Gilgameschepos, in dem ja auch mythische Ereignisse (Sintflut und der Ur-Noah Utnapischtim) und Göttergestalten (Ischtar) auftauchen? Ist es die Ilias mit Weissagungen und diversen Göttern, die ebenso wie Jahwe in der Bibel direkt in das Geschen eingreifen?

Und die Weltgeschichte ist wahrlich bevölkert von wunderlichen, skurrilen, brutalen, größenwahnsinnigen aber auch beeindruckenden Gestalten. Verdient Jesus die Apostrophierung „überschätzt“ eher als Pol Pot, Freud, Mohammed, Rudolf Steiner oder Richard Wagner? Die Schriften Steiners sind abstrus und faschistoid, die von Freud heute völlig überholt, doch kann man diesen Gestalten eine beträchtliche Wirkung in ihrer Zeit und teilweise darüber hinaus schlechthin kaum absprechen. Das gilt aber auch für das Bibel-Potpourri von Dutzenden von Autoren und die Wirkung der Worte Jesu, seien sie nun ex posteriori überhöht oder entstellt kolportiert worden oder mit Abstrichen im Tenor korrekt wiedergegeben. Hier schiene mir eine Untersuchung sine ira et studio in ihrer Wirkung auf die Leser jedenfalls wesentlich überzeugender.

Informativ ist die Darstellung auf alle Fälle für ein Publikum, das sich ein Urteil über die exegetischen und dogmatischen Verrenkungen von Theologen, die ausgehend von einem religiösen Postulat ein hoch ausgefeiltes daraus abgeleitetes Gedankengebäude über das Wesen und die Natur ihrer Luftnummern und deren Beziehungen zueinander errichten, das lediglich im Spekulativen und Imaginären verortet ist. Verdienstvoll, weil einem wissenschaftlichen Anspruch genügend, erscheint hier nur die historisch-kritische Herangehensweise der Alt- und Neutestamentler an den Text der Bibel.

Interessant dürfte das Werk auch für Skeptiker sein, die wenig bewandert in theologischen Feinheiten sind und sich damit einen Überblick über ein Lehrgebäude verschaffen können, mit dem sie sich argumentativ näher auseinandersetzen wollen. Auch einen aufgeschlossenen Gläubigen, der sich einen Überblick verschaffen möchte über den ganzen religiösen Überbau, der über der Gestalt des historischen Jesus durch die schwurbelnde Zunft der Theologen errichtet wurde, könnte der Titel vielleicht zum Nachdenken anregen.

Die Darstellung des Themas, wenn auch ex negativo, durch den „abtrünnigen“ ehemaligen Theologen Kubitza ist in jedem Fall umfassend, interessant zu lesen und in seinem Detailreichtum beeindruckend.

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5 Gedanken zu “Rezension: Heinz-Werner Kubitza – „Der Dogmenwahn“, Tectum Verlag (2015)

  1. Es wäre interessant, vom Verfasser dieses Beitrages zu erfahren, welchen Einfluss das Gilgamesch Epos auf die Entstehung der Bibel – vor allem, was das Alte Testament anbetrifft – hatte. Es gibt ja die These, dass Teile der Bibel (z.B. die Texte über die Genesis und die Sintflut) aus diesem Epos in verfremdeter Form übernommen und somit „abgekupfert“ wurden. Das Gilgamesch Epos soll in der Zeit von 600 bis 2100 Jahren vor der Geburt des „Gottessohnes“ entstanden sein. Die der sumerischen und akkadischen Kultur zugeschriebenen Tontafeln wurden erst 1853 von Hormut Rassam gefunden und 1872 von George Smith übersetzt.

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    • Das Gilgameschepos wird hier nur als Vergleichspunkt erwähnt, um auf die steile These, die Bibel sei „das am meisten überschätzte Werk der Weltliteratur“ Bezug zu nehmen.- Es stammt in seiner vollständigsten Fassung (12 Tafeln) aus der Zeit nach 1200 v. Chr.. Gilgamesch wurde in der sumerischen Königsliste als 5. König der ersten nachsintflutlichen Dynastie von Uruk erwähnt und figuriert als ein Mensch auf der Suche nach der Unsterblichkeit. Bereits vor der genannten Fassung sind viele auch wesentlich ältere Bruchstücke erhalten. Die Sintflutgeschichte wurde später in das Epos integriert. Der älteste „Noah“ trägt noch den Namen Ziusudra.
      Die Geschichte von der Erschaffung der Welt stammt aber aus dem Enuma Elisch, das bemerkenswerte Parallelen zur biblischen Schöpfungsgeschichte aufweist. Der Schöpfer ist freilich der Gott Marduk.
      Aber, wie gesagt, das ist eigentlich für den Text irrelevant.
      Dass diese Texte Vorlagen der biblischen Erzählungen sind, ist wissenschaftlich eigentlich kaum strittig. Wahrscheinlich haben die Israeliten sie aus Babylon (Gefangenschaft!) mitgebracht.

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      • http://m.youtube.com/watch?v=rMlXUkyjyW4

        hier gehts zum video einer artedokumentation – gilgamesh

        zurückliegend wurde auch in der mittlerweile geschlossenen akademie house of shaman (otto reil), einer esoschmiede in berlin, auf das epos bezug genommen, hier in der ausbildung zum sogenannten ardetpriester.
        heute betreibt otto c. reil die arcturus masteracademy in berlin zur hirnröstung esoterikmarktabhängiger.

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  2. als – freier– Diskussionsbeitrag eine Äusserung des Atheisten Pier Paolo Pasolini über seinen Film „La Ricotta“

    (ich habe so wörtlich wie möglich übersetzt, im Italienischen klingt es nach mehr, IST da mehr, 2000 Jahre …):

    „Nichts stirbt jemals in einem Leben. Alles überlebt. Wir, zusammen, leben und überleben. So ist auch jede Kultur immer aus den Überleben gewebt. In dem Fall, den wir gerade untersuchen [„La Ricotta“], ist das, was überlebt, diese berühmten 2000 Jahre der ‘Imitatio Christi’, dieser religiöse Irrationalismus. Sie haben keinen Sinn mehr, sie gehören zu einer anderen Welt, verneint, zurückgewiesen, überholt: und doch überleben sie. Es sind Elemente, die historisch tot, aber menschlich lebendig sind, die uns zusammensetzen. Mir scheint es naiv, oberflächlich, sektiererisch, ihre Existenz zu verneinen oder zu leugnen. Ich, für meinen Teil, bin antiklerikal (ich habe keine Angst es zu sagen!), aber ich weiß, daß in mir 2000 Jahre des Christentums sind: Ich und meine Ahnen haben die romanischen Kirchen gebaut, und dann die gotischen Kirchen, und dann die barocken Kirchen: sie sind mein Reichtum [kulturelles Erbe], im Inhalt wie im Stil. Es wäre verrückt, wenn ich diese starke Kraft leugnete, die in mir ist: wenn ich den Priestern das Monopol des Guten überliesse.“

    Original-Text:

    „Nulla muore mai in una vita. Tutto sopravvive. Noi, insieme, viviamo e sopravviviamo. Così anche ogni cultura è sempre intessuta di sopravvivenze. Nel caso che stiamo ora esaminando [La ricotta] ciò che sopravvive sono quei famosi duemila anni di „imitatio Christi“, quell’irrazionalismo religioso. Non hanno più senso, appartengono a un altro mondo, negato, rifiutato, superato: eppure sopravvivono. Sono elementi storicamente morti ma umanamente vivi che ci compongono. Mi sembra che sia ingenuo, superficiale, fazioso negarne o ignorarne l’esistenza. Io, per me, sono anticlericale (non ho mica paura a dirlo!), ma so che in me ci sono duemila anni di cristianesimo: io coi miei avi ho costruito le chiese romaniche, e poi le chiese gotiche, e poi le chiese barocche: esse sono il mio patrimonio, nel contenuto e nello stile. Sarei folle se negassi tale forza potente che è in me: se lasciassi ai preti il monopolio del Bene“.

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  3. Pingback: Der Dogmenwahn « Omnium Gatherum

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