Heilpraktiker- und Coaching-Pfusch an der Psyche von Kindern und Jugendlichen im Trend


Was für ein Alptraum …

„Eltern von heute wollen ihre Kinder tragen – vom Freischwimmer bis zum Doktorhut. Jeden Tag des Lebens gilt es effizient zu nutzen, um Weichen für den Erfolg zu stellen. Jeder Rat von Experten ist recht, koste es, was es wolle. Bloß keine Chance verpassen. Bloß kein Problemchen übersehen und unbehandelt lassen. Kurse über Kurse flankiert durch Therapie, Beratung oder Coaching – mit diesem Drehbuch starten viele Kinder und Jugendliche in Deutschland in ihr Leben. Ob sie dabei glücklich werden, steht auf einem anderen Blatt.“

Wenn verunsicherte Eltern in Förderwut verfallen

Einen regelrechten Boom gibt es bei den Heilpraktikern. 2011 waren deutschlandweit 35.000 registriert, fast dreimal so viele wie noch im Jahr 2000. Wachsende Klientel für sie alle sind Kinder und Jugendliche. „Die Zahl der Eltern, die Hilfe für ihre psychisch belasteten, psychosomatisch erkrankten und verhaltensauffälligen Kinder beim Heilpraktiker und Heilpraktiker für Psychotherapie suchen, in den letzten Jahren enorm gewachsen ist“, bestätigt Werner Weishaupt, Präsident des Verbandes Freier Psychotherapeuten (VFP). Immer mehr Familien seien bereit, für diese Behandlungen in die eigene Tasche zu greifen.

Die Stundensätze liegen irgendwo zwischen 30 und 100 Euro. Eine verbindliche Gebührenordnung für Heilpraktiker gibt es nicht. Eine geregelte Ausbildung auch nicht. Denn „Heilpraktiker“ ist in Deutschland kein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf. Voraussetzung für die Berufserlaubnis sind das Mindestalter von 25 Jahren, ein Hauptschulabschluss, ein ärztliches Attest und ein polizeiliches Führungszeugnis. Beim Schwerpunkt Psychotherapie wird – je nach Landesrecht – zusätzlich Basiswissen über psychische Krankheiten und Persönlichkeitsstörungen abgefragt. Welche Kurse ein Heiler belegt, wie verantwortungsvoll er gerade mit seinen jungen Patienten umgeht und wann er sie an einen Profi verweist, ist also Glückssache …

… Richerzhagen lernte um zum Kinder- und Jugendcoach. Eine Woche Intensivkurs, zwei Monate zum Lesen von Unterlagen und noch einmal ein Langes-Wochenend-Seminar – dann war die Ausbildung am Institut für Potenzialentfaltung (IPE) absolviert. Seit drei Jahren nun unterstützt sie, wie sie sagt, „Kinder und Jugendliche auf dem Weg in ein positives, selbst bestimmtes Leben“.

Es sind Kinder wie Sarah (Name geändert). Die Sechsjährige fürchtet sich vor der Schule. Noch mehr fürchtet sich ihre Mutter. Kirsten Richerzhagen coacht gleich beide. Die kleine Sarah will sie mitnehmen auf eine Fantasiereise, „damit sie zur Ruhe kommt“. Mit der Mutter spricht sie über ihre Ängste und darüber, ob die Befürchtungen wirklich eingetreten sind. In der Regel kostet ein Einzelcoaching 105 Euro die Stunde. Üblich sind vier bis sechs Stunden pro Coachee. Dann, so Richerzhagen, sollten sich die Dinge spürbar verbessert haben.

Coaching für Kinder liegt im Trend

„Mit kleinen Tricks lassen sich wunderbare Potenziale freisetzen“, davon ist auch Richerzhagens Ausbilder überzeugt. Er heißt Daniel Paasch, ist Fachwirt für Betriebsmanagement, hat an der Universität Kurse in Psychologie belegt – ohne Abschluss – und Zertifikate für unterschiedliche Coachtechniken gesammelt. Nach Jahren in Marketing und Vertrieb bei einem Textildiscounter gründete er das „Institut für Potenzialentfaltung“. Knapp 600 Kinder- und Jugendcoachs hat er in den vergangenen fünf Jahren deutschlandweit in Blockseminaren ausgebildet. Kosten pro Teilnehmer: rund 2000 Euro …

… Hurrelmann [Bildungswissenschaftler] fordert deshalb, dass es an jeder Schule Familienzentren als Ansprechpartner geben müsse. Sie sollten den Eltern den Weg bahnen zwischen Logopädie und Ergotherapie, Nachhilfe und Psychotherapie, Heilpraktikern und Coaches. Daneben brauche es dringend staatliche Qualitätskontrollen für all diese Anbieter. „Es kann doch nicht sein, dass es für Kinder Glückssache ist, ob sie mit ihren Problemen bei einem echten Profi oder einem Scharlatan landen“, findet Hurrelmann … zum ARTIKEL

Vorsicht Coaching – Psycho-Physiognomik und weiterer esoterischer Unsinn

5 Gedanken zu “Heilpraktiker- und Coaching-Pfusch an der Psyche von Kindern und Jugendlichen im Trend

  1. Arzt wird man nach einem 6jährigen Regelstudium. Daran schließt sich eine Facharztausbildung an, die – je nach Fachrichtung – nochmals zwischen einem bis zu sechs Jahren dauern kann. Heilpraktiker wird man schon nach sechswöchiger „Ausbildung“. Ein Hauptschulabschluss ist die Voraussetzung.

    Somit stellt sich die Frage: Wessen Fachkompetenz ist höher einzuschätzen ?

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  2. ich erinner mich zu gut an eine heilpraktikerin, welche als schamanin trancereisen an einem tag der gesundheit in einer schule angeboten hatte – trancereisen im akkort um alle schüler an diesem tag zu „bespassen“. die einwilligungserklärungen der eltern für dieses esoterische happyness lagen jedoch nicht vor.
    der zugang zur schule wurde auch durch deren leitung geebnet, die schamanische kindergruppe wurde als entspannungs-ag umdeklariert und aus geldern des schulfördervereins, aus dem quartiersmanagement des stadtteils und aus elternbeiträgen finanziert.
    angeboten wurden unter anderem pendeln und steinewerfen als wahrsagetechniken, trancereisen, das energetische besprechen von lebensmitteln, …….
    bildungsoffensive deutschland sag ich dazu nur.

    ich erinner mich noch an jene tv-nanny des abendprogrammes eines freien senders, welche zu „problemkindern“ gerufen wurde. zu jener zeit bevölkerten wir gelegendlich den selben spielplatz. dabei war oft zu beobachten, das jene oft genug mit den eigenen kindern überfordert und jenseits des limits war. soweit zur professionalität einiger anbieter, eine episode.

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  3. Lieber BSR,

    tu uns bitte den Gefallen und nutze die Groß- und Kleinschreibung für deine Kommentare. Wenn alles nur klein geschrieben ist, wird das Lesen zu einer Plage. Vielen Dank für dein Verständnis.

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    • Lieber Argus 7,
      dies ist mir aus persönlichen Gründen leider nicht immer möglich. Versuch jene Kommentare von mir einfach zu ignorieren und plag Dich damit nicht rum. Das Leben wäre dafür leider nur allzu schade. Alternativ könnte ich natürlich auch auf Kommentare in dieser Form verzichten, es wäre für mich eine Option um Deinen Petitessen zu entsprechen.

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  4. Zufällig bin ich über diesen Bericht „gestolpert“ und muss sagen, dass ich teilweise der gleichen Meinung bin (zu viel Druck auf Kinder, voller Kinder-Terminkalender, kaum Bewegung dafür angeblich „ADHS“). Anders sehe ich allerdings die Beurteilung von Daniel Paasch. Wer die Ausbildung zum Kinder- und Jugendcoach bei Daniel Paasch absolviert hat oder ihn persönlich kennengelernt hat, wird sehen, dass es sich beim Coaching des Kindes darum geht, den Druck raus zu nehmen und eben NICHT darum, ein Kind noch „schneller, besser, toller“ zu „machen“. Und was hat das mit einem Abschluss zu tun? Hier in Deutschland ist es wichtiger einen Abschluss und Zertifikate vorzuweisen anstatt Wissen und Empathievermögen zu besitzen und die Dinge „richtig“ zu übertragen. In der Kita und in der Schule habe ich Pädagogen MIT ABSCHLÜSSEN erlebt, wo ich mich frage, wie sie diese erworben haben. Und dann gibt es diese „Coaches“, „Berater“ o.Ä., die es einfach „drauf haben“ mit Kindern super umzugehen, weil sie das Gespür dafür besitzen, weil sie zuhören und verstehen und dem Kind Raum geben! Und das OHNE ZERTIFIKAT. Daniel Paasch ist im Übrigen auch mehrfacher Vater. Haben Sie denn ein Coaching bei ihm schon einmal erlebt? Ich kann nur urteilen, wenn ich selbst etwas erfahren habe… Negative Bewertungen sind schnell geschrieben. Leider! Ich habe Positives erlebt und gesehen, wie sich Themen bei unterschiedlichen Altersgruppen aufgelöst haben! Ich habe erlebt, wie Leute über Jahre Therapien gemacht haben und nichts passiert ist. Aber nach Anwendung der Methoden in kurzer Zeit bestimmte Blockaden gelöst wurden. Dann stellt sich für mich die Frage der Effektivität und nicht wie lange eine Ausbildung dauert und ob oder welche jemand hat, sowohl zum Wohle des Kunden/Coachees gehandelt wird.

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