Pseudo-Diagnosetests – das gute Geschäft mit angeblichen Nahrungsmittelallergien


Gerade Heilpraktiker hätten keinerlei Chance, ihre Existenz zu sichern, gäbe es nicht unzählige unwissenschaftliche Diagnoseverfahren, die es zudem erst möglich machen, wirklich jedem einen alternativen Behandlungsbedarf zu attestieren.

Ganz in sind aktuell Bluttests, die Nahrungsmittelallergien angeblich nachweisen können. Der sogenannte IgG-Lebensmittel-Allergietest zählt zu den umstrittenen diagnostischen Verfahren in der Medizin und sorgte zuletzt für viel Aufregung, weil ausgerechnet Sabine Paul, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Giordano Bruno Stiftung, Marketing Director einer Firma ist, die einen entsprechenden Test unter dem Namen Evomed ImuPro300 für 450 Euro vertreibt. Eine reine und lukrative Abzocke.

In der Schweiz kauft man den gleichen Schmarrn unter Allergo-Screen, Imuscan oder Food Detective und von dort kommt jetzt heftige Kritik:

Dubiose Spurensuche im Blut

Ärzte warnen vor Diagnosetests, die Patienten weismachen, dass sie zahlreiche Lebensmittel nicht essen sollten. Denn die Weglassungsdiäten schaden häufig mehr, als dass sie helfen.

Ein kleiner Pikser in den Finger genügt. Der Heilpraktiker entnimmt etwas Blut, mischt es behutsam mit einer Lösung und lässt das Ganze in einer Plastikschale miteinander reagieren. Später giesst er weitere Flüssigkeiten hinzu, und nach gut vierzig Minuten beginnen am Boden der Plastikschale zahlreiche Punkte blau zu schimmern. Jeder Punkt bedeutet ein Nahrungsmittel, mit dem das Blut reagiert.

Das Resultat des Selbstversuchs ist so deutlich wie vernichtend: «Einen so dunklen Fleck wie bei der Kuhmilch habe ich noch selten gesehen», sagt der freundliche Herr, der den Test durchgeführt hat. Das Lebensmittel sei künftig zu meiden. Auch Weizen und Ei sollten nur noch selten gegessen werden. Verdächtig sind ausserdem Hafer, Reis, Mais, Hartweizen, Gluten, Hülsenfrüchte, Mandeln und Erdnuss.

Food Detective heisst der Test, der im Blut eine Intoleranz auf Nahrungsmittel nachweisen soll. Dem Allergiearzt Brunello Wüthrich ist er ein Graus: «Das Diagnoseverfahren ist nach wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht geeignet für den Nachweis von Nahrungs­mittelintoleranzen», sagt der emeritierte Professor und langjährige Leiter der ­Allergiestation am Universitätsspital ­Zürich (USZ). Food Detective ist einer von verschiedenen Intoleranztests, vor denen Allergiespezialisten seit Jahren warnen. Ähnliche Untersuchungsmethoden, die in der Schweiz angeboten werden, heissen Allergo-Screen und Imuscan. Sie messen sogenanntes Immunoglobin G (IgG-Antikörper) im Blut, das mit Nahrungsmitteln reagiert. Bei all diesen Tests gilt: Der Antikörpernachweis ist zwar meist zuverlässig, die Interpretation der Resultate jedoch falsch. Denn mit dieser Methode lässt sich eine Intoleranz gegen Nahrungsmittel gar nicht nachweisen.

«Erhöhte IgG-Werte sind eine normale Folge davon, dass sich das Immunsystem mit den Antigenen der aufgenommenen Nahrung auseinandersetzt», sagt Wüthrich. Oft richten sich die IgG-Antikörper gegen Nahrungsmittel, die vorher gegessen wurden. Kein Wunder also, dass entsprechende Tests häufig Unverträglichkeiten gegen Weizen, Milch und Ei anzeigen. Beim Food Detective sollen rund drei Viertel der getesteten Personen positiv auf diese Nahrungsmittel reagieren, heisst es beim Schweizer Vertrieb Komstar.

Mangelernährung als FolgeWEITER

Nahrungsmittel: Abzocke mit Allergietests
Allergie-Hysterien
SWR-Odysso, 2010: “Scharlatane und Pseudowissenschaftler”
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