Psychopfusch, Pseudowissenschaft und Quacksalberei bei der VHS Soest – Teil 1

Gastbeitrag von RM

Ein wichtiges Instrument der Erwachsenenbildung gerät mehr und mehr ins Fahrwasser des Irrationalen. In einer „Schwarze Serie zum Elend der Volkshochschulen“ widmete sich der Psiram-Blog 2013 diesem Thema.

Jeder leitende Mitarbeiter einer Volkshochschule oder sonstigen Einrichtung der Erwachsenenbildung sollte den Report mal gelesen haben. Aus jüngster Zeit seien noch die Kritik an einem Pendelkurs bei der VHS Mainz sowie die Aufdeckung von Quacksalbereien bei der VHS Bitterfeld angezeigt.

Nachdem das Unterfangen einer Esoterikerin, sich mit einem Lenormandkarten-Seminar in die Tagungsstätte der Evangelischen Frauenhilfe in Soest einzuschleichen, vereitelt werde konnte, bin ich zwangsläufig bei der Volkshochschule Soest gelandet. Unter „Familie, Erziehung, Pädagogik“ wird dort für Ende November ein Wochenendseminar „Familienaufstellung“ angekündigt.

Was soll das sein? Erfinder dieser Abart der Psychoanalyse ist Bert Hellinger. Die AGPF hat mehr Informationen über ihn und seine Abartigkeiten. Es gibt auch einen sehr aufschlussreichen Fernsehbericht aus 3sat den man sich unbedingt anschauen sollte, bevor man zu einer Familienaufstellung geht. Ich will der Seminarleiterin, Frau G., nicht unterstellen, dass sie in der Sache so rabiat vorgeht wie der Erfinder. Aber selbst bei größter Sanftmut ist das die gleiche Methode, mit all ihren magischen Merkwürdigkeiten. Fazit: Ein Psychospiel mit unabsehbaren Folgen.

Schauen wir uns mal die Internetpräsenz von Frau G. an. Unter „Systemisches“ erklärt sie die Familienaufstellung. „Das Stellen Ihrer Familienkonstellation ist ein bewegendes Ereignis, das über lange Zeit seine heilsame Wirkung entfaltet.“ …oder eben genau das Gegenteil, würde jeder seriöse Psychotherapeut dazu sagen. Frau G. setzt dann den Humbug in anderen Bereichen fort, bis hin zu „Krankheiten und Körperteile“. Vielleicht sollte sie noch Kegelclubs dazu nehmen. Da ließen sich nämlich auch alle Neune einbeziehen.

„Schamanisches“ ist zurzeit in der Esoterikszene in Mode. Man kann schon von einem regelrechten Neoschamanismus sprechen. Das hat kaum noch etwas mit indigenem Schamanismus zu tun. Es ist nichts als Geldmacherei auf dem Esoterik- und Psychomarkt, günstigstenfalls ein lustiges Event, aber auch nicht ganz ungefährlich, wenn man die Schwitzhüttenrituale selbsternannter Schamanen kritisch unter die Lupe nimmt.

Was die „Innere-Kind-Arbeit“ bedeutet, wird in Wikipedia erklärt:

Wichtig: „Die Arbeit mit dem Inneren Kind ist eine Form der aufdeckenden Psychotherapie. Sie setzt eine gewisse Stabilität des Patienten zur Bearbeitung voraus und sollte nur mit Begleitung durch einen ausgebildeten Psychotherapeuten im geschützten therapeutischen Rahmen durchgeführt werden.“

Ob Frau G. die Qualifikation dafür besitzt, ist fraglich. Sie gibt in ihrer Vita zwar eine „Ausbildung zur Heilpraktikerin Psychotherapie“ an. Von einer amtlichen Prüfung und Zulassung als Heilpraktikerin ist aber nicht die Rede. Man kann sich vorstellen, dass sie letztere auf ihrer Homepage vermerken würde, wenn sie denn eine hätte. Eine weiteres Indiz, an der Qualifikation von Frau G. zu zweifeln, ist die Tatsache, dass sie so genannte „Russische Heilweisen“ propagiert. Das soll alles wissenschaftlich sein. Sogar die Quantenphysik wird ins Feld geführt. Auf der Seite benennt sie einen Prof. Arcadi Petrov, bei dem es sich offensichtlich um einen Hochstapler und Scharlatan handelt. Was soll man dazu noch sagen?

Auf „Entspannungen/Massagen“ werde ich aus rechtlichen Gründen später noch zurück kommen. Die „Astrologie“, die Königin aller esoterischen Irrlehren, darf bei Frau G. natürlich nicht fehlen. Das passt auch ins Bild. Ich erspare es mir, hier Argumente gegen diesen Unsinn anzuführen. Astrologie wurde schon so oft wissenschaftlich widerlegt, dass man darüber kein Wort mehr zu verlieren braucht. Wer den Quatsch heute noch ernst nimmt, dem ist nicht mehr zu helfen.

Und dann noch die tollen „Energieprodukte“ die Frau G. auf ihrer Website bewirbt. Der Markt an Scharlatanerieprodukten, die das Wasser angeblich energetisieren – was immer das auch sein mag – ist inzwischen nicht mehr zu überschauen. Da wird pseudowissenschaftlicher Humbug verquirlt, dass einem die Tränen kommen. Solche Gegenstände, Gerätschaften und Mittel werden hauptsächlich über MLM-Vertriebe unter leichtgläubige Käufer gebracht und über Internet-Shops verkauft. Was dazu noch zu lesen interessant wäre: Die Rhetorik der Pseudomediziner und Vermarkter zweifelhafter Produkte.

Soweit die Geschäftsideen der VHS-Kursleiterin und Spezialistin für systemische Familienaufstellungen Angelika G. Das war jetzt nur die Reflexion eines Angebotes der Volkshochschule unter Trägerschaft der Stadt Soest. Mehr gibt es im zweiten Teil.

9 Gedanken zu “Psychopfusch, Pseudowissenschaft und Quacksalberei bei der VHS Soest – Teil 1

    • Das wäre dann ein Fall für das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb. Es betrifft Frau G. wie auch die Quellen, wo sie die Dinge her hat. ich habe in Hamburg nachgefragt, ob sie auch ULG bearbeiten, da das sehr oft bei MOMANDA vorkommt, aber noch keine Antwort darauf.

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  1. Heute habe ich als erstes eine Mail an den Bürgermeister der Hansestadt Soest geschrieben und ihn auf diesen Artikel hingewiesen. Vielleicht veranlasst er schon mal die Leitung seiner VHS, den ersten Fall zu überprüfen. Mehr Arbeit gibt es dann später.

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  2. Da scheint sich nichts zu tun. Wieder mal die übliche Ignoranz. Und den Wink mit dem Zaunpfahl versteht dort offenbar auch niemand.

    In dem Artikel habe ich die Einschätzung des Angebotssegments „Entspannungstechniken und Massagen“ zunächst außen vor gelassen. Da gibt es ja auch zumeist nur belangloses Wellness, ob sinnvoll oder sinnlos sei dahingestellt. Frau Gahmann biete allerdings dort auch Reflexzonenmassagen an.
    Screenshot: http://s27.postimg.org/kaauh66ab/Gahmann_FRM.png
    Reflexzonenmassagen sind Heilbehandlungen und man benötigt und man benötigt bei gewerbsmäßiger Ausübung dafür eine Zulassung als Heilpraktiker.
    http://www.psiram.net/ge/index.php/Reflexzonentherapie
    § 1 (1) HeilprG
    Wer die Heilkunde, ohne als Arzt bestallt zu sein, ausüben will, bedarf dazu der Erlaubnis.

    Aus der Homepage von Frau Gahmann geht nicht hervor, ob sie eine solche besitzt. Ich habe deshalb wegen Verdachts des Verstoßes gegen das Heilpraktikergesetzt Anzeige erstattet.

    § 5 HeilprG
    Wer, ohne zur Ausübung des ärztlichen Berufs berechtigt zu sein und ohne eine Erlaubnis nach § 1 zu besitzen, die Heilkunde ausübt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.

    Auch wären solche Fragen zu beantworten wie:
    Hat Frau Gahmann die erforderliche Qualifikation bzw. Erlaubnis für die Ausübung ihrer psychotherapeutischen Angebote und was hat es genau mit den dubiosen „Russischen Heilweisen“ auf sich?
    Das alles wird in nächster Zeit bei der Kreispolizeibehörde des Hochsauerlandkreises (Aktenzeichen 313000-029932-14/4) geklärt werden.

    Das hoffe ich doch sehr.

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    • Die „Sanfte Wirbelsäulenmassage“ riecht nach Dorm-Breuss-Methode. Dafür braucht man ebenfalls den Heilpraktikerschein.
      http://www.dorn-forum.info/artikel/bahn_rechtliches.php
      In der Quacksalbersezene scheint das irgendwie verwässert zu sein. In diese Unsicherheitslücke drängen immer mehr Dilettanten, was für die Behandelten verheerenden Folgen haben kann. Es wäre gut, wenn das mal gerichtlich geklärt werden könnte.

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      • Wer Dorn-Breuss-Anwendungen praktizieren will, aber keinen Heilsusenschein hat, macht das trotzdem und nennt es „sanfte Wirbelsäulenmassage“. Merkt doch sowieso keiner. Woran auch?

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      • Kann gut sein, dass es so etwas in der Art ist.
        http://www.psiram.net/ge/index.php/Dorn-Therapie
        Hier erzählt ein Spezialist, wie einfach das geht. Das kann angeblich jeder.
        http://www.dornmethode.com/Dorn-Breuss-Methode.38.0.html
        Und eine richtige Massage ist das ja auch nicht. Massieren kann man nur Muskeln, Haut und Bindegewebe. Die Wirbelsäule besteht hauptsächlich aus Knochen. Eine Knochenmassage war mir bis jetzt nicht bekannt.

        Wenn also jemand, anstatt richtig zu massieren, sanft an den Wirbeln fummelt, dann dürfte die Sache klar sein. Bringen tut das nichts. Bedenklich wird es nur, wenn so ein Kurpfuscher unsachgemäß an krankhaften Wirbeln herumdrückt. So kann ein Bandscheibenvorfall auch schon mal eine Fall für den Kadi werden.

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  3. Pingback: Pastafarianischer Jahresrückblick 2014 4/5: Bureaucracy | FSMoSophica

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