Rezension: „Esst doch was Ihr wollt!“ von Uwe Knop


Die FAZ schreibt aktuell:

 
„… Denn immer häufiger wird das Essen als Quelle des Unglücks und Wurzel allen Übels wahrgenommen, als Bedrohung für unsere Gesundheit und Angriff auf unser Wohlbefinden. Allein durch Verzicht und Selektion, so die Suggestion der Heilsversprecher, können wir unsere Haut noch retten. Und viel zu viele Menschen gehen dieser Definition von gutem Essen ex negativo auf den Leim: Ein Gericht ist gut, weil es kein Protein, kein Gluten, kein einziges Kohlenhydrat enthält, weil es unseren Cholesterinspiegel nicht explodieren, unsere Fettzellen nicht wuchern, unsere Darmflora nicht kollabieren lässt. Es ist nicht gut, weil es uns schmeckt und uns glücklich macht. Es ist ein Trauerspiel …“  zum ARTIKEL

 

Mir scheint es, dass das Thema Ernährung heute zu den größten pseudowissenschaftlichen Auswüchsen führt und enorm beliebte Ersatzreligionen liefert, angekommen in der absoluten Masse der Gesellschaft. Davon sind auch jede Menge Skeptiker betroffen, die ansonsten so viel Wert auf Wissenschaftlichkeit legen und deswegen müssen diese Auswüchse thematisiert werden.

In diesem Sinne liefert der Ökotrophologe Uwe Knop wertvolle Anstöße, alteingesessene und angenommene „Wahrheiten“ zu überdenken und sich auch hier mit der Nicht-Wissenschaftlichkeit von allgemein gültigen Ernährungsratschlägen auseinanderzusetzen. Desweiteren hat Knop aufgrund der Datenlage, dass wir eigentlich nichts wissen, nur eine plausible Lösung für das Dilemma, die lautet: „Esst doch, was ihr wollt!“

Knop hat sich die Mühe gemacht und 500 aktuelle Ernährungsstudien analysiert, mit dem Ergebnis, dass es für rein gar nichts wissenschaftliche Belege gibt, weder für Ernährungsformen, noch für einzelne Lebensmittel, die krank, gesund, schlank oder dick machen könnten. Dementsprechend gehören auch offizielle Ernährungsregeln der DGE in den Bereich der Pseudowissenschaft.

Es gibt keine Beweise, dass irgendeine Ernährungsform gesünder ist als die andere. Ernährungsideologien sind Glaubenssache, für manche gar eine identitätsstiftende Ersatzreligion.

Welche Ernährungsform auch immer man sich anschaut, Fakt ist: Wer sich zu einer bestimmten Ernährungsideologie bekennt, der muss einen festen Glauben haben, den Glauben an die «Wirksamkeit», sei es zur Rettung respektive Erhaltung der eigenen Gesundheit oder gleich der ganzen Welt. Denn diesbezügliches Wissen in Form von Belegen existiert: keines.

Das große Problem sind die Beobachtungsstudien, dazu mehr hier ab Mitte des Artikels. Da es dementsprechend keinen wissenschaftlichen Beweis für «gesunde» Ernährung gibt und der eigene gesundheitliche Zustand von einem komplexen und dynamischen Lebensstilgeflecht aus Genen, Umwelt, Arbeit und sozialem Status,
gesellschaftlicher Einbindung und Akzeptanz, sexueller und psychischer Zufriedenheit, Stresslevel und Entspannungsfähigkeit und vielen weiteren, individuellen Faktoren mehr abhängt, stellt sich die große Frage, was man dann denn essen soll und dafür kann es erstmal eigentlich nur eine Antwort geben, dass sich jeder Gesunde nach Geschmack und Verträglichkeit ernährt.

Voraussetzung dafür ist natürlich, dass man einen guten Draht zu seinem Innersten hat, zu seinen Gefühlen Hunger, Lust und Sattheit. Wer diese essenziellen Gefühle zur Lebenserhaltung gut kennt, der kann beim Essen auf sein einzigartiges individuelles Körperwissen über den Wert von Nahrung vertrauen, das mit jedem Essen lebenslang wächst. Diese «Kulinarische Körperintelligenz» ist sozusagen das körpereigene Nahrungsgedächtnis und wird gespeist aus allen Mahlzeiten, die ein Mensch in seinem Leben zu sich nimmt. Für die Speicherung der zahlreichen Informationen in dieser «Nährstoffdatenbank» hat unser Körper zwei eng verschaltete Gehirne zur Verfügung, die ständig miteinander kommunizieren: Das Bauchhirn («enterische Nervensystem») und unser Kopfhirn. Wie fast alles in der Ernährungswissenschaft lässt sich auch die Kulinarische Körperintelligenz, übrigens ein frei erfundener Begriff, nicht nachweisen – von ihrer Existenz weiß man nur aus eigener, gelebter Erfahrung.

Essen nur dann, wenn man echten Hunger hat. Wer meint, nicht zu wissen, was das ist, sollte doch mal auf ein, zwei Mahlzeiten verzichten, dann stellt sich das Gefühl schon wieder ein.

Im Vergleich dazu sollte man auch das «Gegenstück» kennen: den seelischen Hunger, neudeutsch auch Emotional Eating. Dieses Essen dient dazu, die Psyche zu füttern und damit zu beruhigen – also Essen aus Stress, Frust, Einsamkeit, Traurigkeit oder Langeweile oder einer diffusen Mischung verschiedener Gründe. Dieses «Problemfuttern» ist auf Dauer nicht empfehlenswert, denn dadurch kann das Körpergewicht schnell unnötig unnatürlich steigen – und der Frust wird noch größer, ein Circulus vitiosus des Emotional Eating beginnt. Aus diesem Teufelskreis wieder heraus zu kommen, das kann schwer werden. Emotional Eating sollte daher eine seltene Ausnahme bleiben. Wer den Unterschied zwischen echtem Hunger und seelischem Hunger kennt, der kann gegensteuern.

Wer Gewichtsprobleme durch „Frustfressen“, Essen aus Gewohnheit oder Langeweile hat, sollte besser anderes zur Kompensation der Gefühlslage unternehmen und umdenken. Andererseits müssen reine Hungeresser nicht ins aktuelle Modelschema passen, denn dagegen spricht die genetische Veranlagung, die unser Körpergewicht zu 70 bis 90 Prozent festlegt. Problematisch wirkt sich aber eben in der Regel das Essen ohne Hunger aus, dass es zu reduzieren gilt, wenn Abnehmen ansteht.

Da der Mensch evolutionsbiologisch ein Allesfresser ist, sollte er sich grundsätzlich nichts „Essbares“ verbieten, Hauptsache es schmeckt und je höher der bewusste Genuss, desto besser.

Es gibt grundsätzlich weder «gesunde Nahrungsmittel» noch «ungesundes Essen». Allein die Menge ist entscheidend. Alles ist erlaubt. Ihre Kulinarische Körperintelligenz reguliert Ihr Hunger- und Lustempfinden nach den erforderlichen Nährstoffen. Dementsprechend abwechslungsreich und ausgewogen ernähren sich Echte Esser.

Das schmale Ebook von Knop bringt mit viel Fachkompetenz auf den Punkt, dass niemand Ernährungsregeln braucht, da es für nichts wissenschaftliche Belege gibt, um therapeutische Ratschläge erteilen zu können. Der Leitfaden der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ist zudem sowieso mit Vorsicht zu betrachten, denn seit Einführung von fünf mal Obst und Gemüse am Tag „sind die klinischen Fälle diffuser Magen-Darm-Erkrankungen laut Gesundheitsberichterstattung des Bundes seit 2000, dem Beginn der Ernährungskampagne «5-am-Tag», bis 2011 um etwa 80 Prozent angestiegen. Konkret hat sich seit Kampagnenstart auch die Fallzahl bei Symptomatiken mit Verstopfung und Durchfall verdoppelt, beim Symptombild Aufstoßen, Blähbauch und Blähungen sind die klinischen Diagnosen sogar um über 150 Prozent angestiegen“

Dafür gibt es natürlich ebenso wenig Belege, wie für die offiziellen Leitlinien der DGE, aber es gibt zu denken. Knop bietet keinen neuen Ernährungsratgeber, sondern er sieht die momentan einzige Lösung im individuellen Essverhalten, aufgrund von Hunger, Bekömmlichkeit und Genuss und solange es keine gesicherten Daten gibt, ist das zumindest ein Ansatz, den jeder Gesunde praktizieren kann, ohne Einschränkung.

Eine richtig Saure-Gurken-Nachricht für alle, die bisher dachten, dass man genau wisse, dass man nur xy essen müsse , um gesund zu sein, zu bleiben, zu werden und lange zu leben. Hierzu liefert natürlich Knop rein gar nichts, denn man weiß eben nichts dazu, auch wenn es unendliches Indoktrinationsmaterial von allen Seiten gibt, das sich seit vielen Jahren in allen Köpfen verankert hat. Ein riesen Geschäft, das erhalten bleiben muss. Knop ist für die Masse zu ehrlich, denn wer will schon in Zeiten von Homöopathie- und Wunderglauben darauf verzichten, dass es für alles ein einfaches Heilmittel gäbe und man damit nicht mehr dem Zufall ausgeliefert sei???

Der feste Glaube überzeugt zwar in der Regel nicht den Darm, der sich unangenehm meldet, wenn ständig noch so „gesundes“ Essen einverleibt wird, die Ursache wird jedoch niemals dem Einverleibten zugeschrieben, an dessen Heilwirkung man glaubt und hängt. Individuelle Entscheidungen ohne Absegnung eines Propheten sind völlig obsolet und undenkbar, weil sie keine Sicherheit bieten, die man unabdingbar braucht. Zu den Ernährungs-Aposteln wird Knop deswegen nie zählen!

Seine Vorschläge finden sicher eher Gehör bei der großen Fraktion der Suchenden nach Möglichkeiten zur Gewichtsreduktion und auch hier gibt es keine Pauschallösung, um sich ganz einfach von dem Gewichtsfaktor „Emotional Eating“ trennen zu können und für alle, die ihr Wuschgewicht aus genetischen Gründen nur über lebenslanges Hungern erreichen, sind die Fakten eine herbe Enttäuschung.

Und noch am Rande bemerkt: Bewegung und Sport haben mit Ernährungswissenschaft nichts zu tun. Eine völlig andere Baustelle, die trotzdem allseits bemüht wird, wenn es um Ernährungsratschläge geht. Fragt sich doch irgendwie warum???

Für mich ist Knop einer der ganz wenigen, denen man Beachtung schenken kann, wenn es um Ernährung und Wissenschaft geht. Ich sage Danke, wobei ich persönlich Gemüse in allen Variationen liebe und gut vertrage, jedoch niemals auf zumindest Käse verzichten könnte und generell sowieso nach Hunger, Appetit und mit Genuss esse.

Führt Ernährungsstress zu psychischen Krankheiten oder führt zumindest eine psychische Labilität zur zwanghaften Ernährung? Fragen über Fragen!

Das Ebook „Esst doch, was ihr wollt! Warum Ernährung weder gesund noch krank macht“ ist zum Beispiel hier für 1,99 Euro als Kindle Edition erhältlich.

Gut und böse
“Ernährungswissenschaften liefern nur Hypothesen, die niemals überprüft werden können”!
Keine Ernährungsweise schützt vor oder heilt Krebs!
Gefährliche Vollwerternährung und Vollwertkost – die ungesunde Ideologie!
Religionsersatz Orthorexie – Krankhaft gesund!
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4 Gedanken zu “Rezension: „Esst doch was Ihr wollt!“ von Uwe Knop

  1. „Tischt uns nicht auf was Ihr wollt!“ geht einerseits in Richtung selbsernannter Ernährungsgurus und bezieht sich auf deren Weisheiten. Mir ist aufgefallen das denen schon Kinder folgen, natürlich unreflektiert. Woher sollen es Kinder auch wissen, Kinder können lediglich nur vertrauen. Es liegt in der Verantwortung der Erwachsenen hier ein solides Fundament zu legen, Nahrung ist existenziell!!
    Andererseits geht es auch an die Lebensmittelindustrie und in Richtung Politik. Weil Nahrung existenziell ist liegt hier eine besondere Verantwortung. Hier fehl zu handeln befeuert Ernährungsgurus, Verschwörungstheoretiker und andere.
    Ich esse gerne und es gibt richtig geiles Zeugs zwischen die Kiefer – Gaumensex eben. Kochen, immer wieder ein kleines Experiment. All das lasse ich mir von keinem vermiesen. Dabei bin ich auch keine extremistische Ökopflunze, sehe kochen auch oft als Kompromiss.

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  2. Ich habe es mir längst zur Regel gemacht, beim Essen keinen Regeln zu vertrauen. Vertrauen kann man im Grunde niemanden, schon gar nicht den Produzenten von Bio-Lebensmitteln. Wenn ich die Wahl habe zwischen Bio- und dem üblichen, konventionell erzeugten Gemüse, entscheide ich mich garantiert nicht für die Bio-Tomaten. Dies nicht zuletzt aus preislichen Gründen, denn mir ist nicht ersichtlich, dass die unterschiedlichen Produktionsbedingungen einen Mehrpreis rechtfertigen. Teurer produziert garantiert ja nicht zwangsläufig eine bessere (gesündere) Qualität. Qualitative Unterschiede lassen sich zudem kaum feststellen. Erst kürzlich wurde bekannt, dass aus Osteuropa stammendes Gemüse in Italien zu Bio-Ware umgewandelt wurde. Bestimmt nur ein Fall unter vielen, die nicht entdeckt wurden.

    Aber auch die Hinweise von Lebensmittel-Produzenten, dass die Produkte „frei von Gentechnik“ seien, überzeugt mich nicht, denn der Nachweis, dass mit gentechnisch veränderten Lebensmitteln ein wie auch immer geartetes Gesundheitsrisiko verbunden sei, ist bisher nicht nachgewiesen worden. Konkret: Weltweit ist kein einziger Fall mit gesundheitlichen Folgen nachgewiesen, der im Zusammenhang mit gentechnisch veränderten Lebensmitteln steht. Die von Greenpeace seit Jahren geschürte Anti-Gentechnik-Kampagne hat bei den Konsumenten offenbar nachhaltige Wirkung gezeitigt. Diese Kampagne ist aber offenbar bestens geeignet, um den Spendenfluss beim verunsicherten und weitgehend uninformierten Publikum zu befördern. Ängste zu schüren, funktioniert immer ! Kaum jemand ist sich dabei der Tatsache bewusst, dass es ausgerechnet biologisch erzeugtes Bio-Gemüse war, welches im Jahre 2011 53 Tote und über viertausend an EHEC erkrankte Personen zur Folge hatte.

    Weshalb wohl – so frage ich mich – werben inzwischen eine ganze Reihe von Lebensmitteln-Produzenten mit dem Prädikat „frei von Gentechnik“ bzw. „aus gentechnikfreier Fütterung“ ? Nun, es ist erwiesen, dass man auch oder gerade mit Scheinargumenten die Verbraucher ohne großen Aufwand und mit größtmöglicher Wirkung über den Tisch ziehen kann. Man braucht eine Lüge nur häufig zu wiederholen und kann dann darauf vertrauen, dass aus einer Lüge in kürzester Zeit eine allgemein akzeptierten Wahrheit wird ! Die Menschheit legt es ja geradezu darauf an, betrogen zu werden !

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  3. Die Argumentation ist aus meiner Sicht gut begründet und nachvollziehbar. Den Bedürfnissen des Körpers
    ( und der Seele) wirklich zu folgen ist aber gar nicht so leicht, da unser Geschmackssinn durch standardisierte und konfektionierte Lebensmittel und Fertigprodukte schon so stark manipuliert wurde und das über Jahrzehnte, dass das Bewusstsein für das was mir gut tut und was nicht, erst wieder erlernt werden muss. Eine Veränderung die spannend ist, ist einmal für einige Zeit auszuprobieren wirklich nur mit frischen und unverarbeiteten Zutaten zu kochen, also Fleisch zum Grillen selbst marinieren ohne Fertiggewürz, Mayonnaise und Ketchup selbst herstellen, einen Pudding nicht aus Puddingpulver anrühren, sondern aus Eiern,frischer Milch und echter Vanille herstellen, Torten nicht aus der Tiefkühltruhe kaufen, sondern selbst backen usw.
    Wurst selber machen ist schon etwas schwieriger, geht aber auch.
    Wer das einmal ausprobiert hat, wird schnell feststellen, dass das Essen einfach bekömmlicher wird
    (und viel besser schmeckt als die Industrieprodukte)

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  4. Knops Vorschläge haben einen ganz klaren Vorzug. Sie wirken dem Aberglauben an die Heilkräftigkeit von Regeln entgegen. Mit diesem Aberglauben haben die Gesellschaften in den Wohlstandszonen dieser Erde es über zwei, drei Generationen hinweg geschafft, sich die Intuition, die in einem langen evolutionären Prozess geschult wurde, systematisch abzutrainieren. Und so sind wir umgeben von den Devotees der vielen, vielen Essensregeln, die eigentlich nur die Feindschaft gegenüber der Intuition für das eint, was der Mensch gerade am besten gebrauchen kann.

    Eine Regel ließe ich gerne zu: Verbietet das Wort „Ernährung“! Sprecht einfach von dem, was das eigentlich ist: Essen und Trinken! Wir reden schließlich nicht von Magensonden oder von einem intravenösen Vorgang, sondern von einem oralen! Man muss es nur einmal ausprobieren, dann spürt man sofort, wie die Konnotation der Begriffe auf die Inhalte wirkt.

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