Update zu: „Alternativmedizin: Die fatale Kurpfuscherei an Krebspatienten – “Stern” berichtet!“


Das Magazin Stern widmet sich in der morgigen Printausgabe dem Geschäft mit der Alternativmedizin. Dazu wurden 20 Heilpraktiker und alternativmedizinisch tätige Ärzte besucht, die von sich behaupten auf Krebs spezialisiert zu sein. Eine Schauspielerin schlüpfte in die Rolle einer Brustkrebspatientin und legte allen ihren Befund eines kleinen, aber aggressiven Tumors vor, der aus medizinischer Sicht nach einer sofortigen Entfernung und entsprechenden Therapien zu über 95% auf lange Sicht heilbar ist. Die Quacksalber wurden mit der Frage konfrontiert: OP ja oder nein – „mit erschütterndem Ergebnis“!!!

Stern.online bietet einen Auszug und auch der GWUP-Blog berichtet.

Sehr interessant auch der Fall Ralf Brosius (dessen damaliger Arzt Dr. med. John Switzer ebenfalls zu den Besuchten zählt), der seit Jahren mit einer angeblichen „Wunderheilung durch Urkost“ durch die Medien und Talkshows tingelt und satt an seiner „Wildkräuter heilen metastasierenden Krebs im Endstadium“ – Propaganda verdient. (Er macht auch Werbung für eine ayurvedische Wildkräuter Mischung, die alles heilen, und auch noch verjüngen soll)

Hier hat Stern auch recherchiert und oh Wunder, was dabei herauskam ist nichts als heiße Luft:

Was an der angeblichen Wunderheilung dran ist

Ralf Brosius vermarktet seine wundersame Genesung: Angeblich hat sich der Ex-Vertriebsleiter selbst vom Lungenkrebs im Endstadium geheilt – mit Wildkräutern. Einer Überprüfung hält das nicht stand.

… In seinem eigenen Youtube-Kanal stellt er sich als Geheilter dar, „allein durch eine Veränderung seiner Ernährungsgewohnheiten“ und das, obwohl er den „aggressivsten Lungenkrebs hatte, den es gibt“. Brosius verkauft Todkranken Hoffnung. Er verkauft seine Geschichte. Er verkauft Nahrungsergänzungsmittel und ganz besondere Gemüsemixer, made in China, Stückpreis 499 Euro. Mit tausenden Krebskranken habe er in den vergangenen Jahren gesprochen. Brosius beschäftigt heute vier Mitarbeiter, auch seine Frau hat ihren Job aufgegeben. Früher hat er Callcenter-Mitarbeiter geschult. Er weiß also, was zu sagen ist, wenn jemand eigentlich schon längst auflegen wollte. In seinem Programm hat der „Coach für neue Ernährungsgewohnheiten“ auch telefonische Beratungen, gegen Gebühr natürlich …

… Aber hatte er wirklich „metastasierenden Lungenkrebs im Endstadium“, wie er es im Fernsehen behauptet und in seinem Buch schreibt, das Spitzenplätze in der Amazon-Bestsellerliste zum Thema Krebs erreicht? Nein, sagt sein Hausarzt. Den aggressivsten, den es gibt? Wieder nein. Er zeigt die Diagnose aus dem Jahr 2006: großzelliges Bronchialkarzinom. Häufig bildet diese Lungenkrebs-Art Metastasen an Leber, Gehirn und Knochen. „Brosius aber hatte Glück, nur zwei Lymphknoten waren befallen, die wurden entfernt.“ Was bedeutet das für die Überlebenswahrscheinlichkeit? …

… Ein entscheidendes Wort sei falsch in Brosius‘ Erzählung. Er sei nicht im Endstadium, sondern in einem deutlich früheren Stadium seiner Krebserkrankung gewesen, er hatte ein lokal fortgeschrittenes Lungenkarzinom, sagt Rudolf Hatz. „Es war die Operation, die ihn geheilt hat. Punkt. Kein Zweifel.“ Hätte er wirklich Lungenkrebs im Endstadium gehabt, so der Chirurg weiter, wäre die OP gar nicht möglich gewesen. Wir holen eine Zweitmeinung von Professor Thorsten Walles ein, Thoraxchirurg am Universitätsklinikum Würzburg. Der bestätigt: „Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Patient dieses Tumorstadium überlebt, das war also keine Wunderheilung.“ Studiendaten, die er uns vorlegt, zeigen: Mehr als jeder vierte Lungenkrebspatient im „Stadium III A“ überlebt die entscheidenden fünf Jahre nach Diagnosestellung. Brosius hatte also einen günstigen Verlauf. Seine Wildkräuter mögen gesund sein, entscheidend aber war die OP. Dass Brosius hinterher die Chemotherapie verweigert habe, falle hier nicht ins Gewicht, deren Einfluss auf die Heilung sei bei dieser Krebsart oft gering. Dass Brosius jetzt nachweislich angreifbare Fakten zu seiner Heilungsgeschichte verbreitet und daraus ein Geschäft macht? „Scharlatanerie“, findet Professor Walles … zum ARTIKEL

Update:

Stern besorgt und Artikel gelesen. Zwölf der 20 Besuchten behaupteten, dass es mit ihren „Alternativen“ keine OP bräuchte. Fünf von zehn Ärzten hatten ein Problem mit der Deutung des Befundes und schätzten den Tumor harmloser ein, ein Arzt drückte sich um das Thema Befund, vier Heilpraktiker wagten keine Bewertung des Befundes, einer deutete ihn völlig fehl und fünf erkannten die Gefahr, was nicht heißen soll, dass diese auch unisono zu einer Operation rieten. Die sechs Nieten unter den Ärzten, zum Thema Befund, boten jedenfalls ein „Sorglos-Alternativpaket“ feil.

Leider gibt der Artikel nicht genau her, wie viele exakt von den jeweils zehn Ärzten und Heilpraktikern contra OP berieten. Es heißt: „Ärzte und Heilpraktiker gemischt“. Man kann jedoch nach genauer Textanalyse davon ausgehen, dass sechs Ärzte und sechs Heilpraktiker gemeint sein müssen. Dann wird noch von sechs Hardlinern gesprochen, die ihre Methoden über die „Schulmedizin“ stellten und teilweise auch als unvereinbar bezeichneten. Die weiteren sechs bewarben ihren Mist mit blumigen Umschreibungen nach dem Motto: „Beide Wege wurden schon beschritten, und zwar erfolgreich“. Hierzu erlaubt der Textinhalt keine Differenzierung zwischen Ärzten und Heilpraktikern.

Generell wurde das Stern-Team bei vielen Alternativheilern mit Erfolgs-Heil-stories von Krebspatienten im Endstadium konfrontiert und es hörte oft davon, dass man von Berufs wegen zwar zu konventionellen Krebstherapien raten müsse, aber wenn man als Mensch gefragt werde, dann … Einige verlangten die Unterzeichnung eines Aufklärungsbogens, um nicht rechtlich belangt zu werden.

Hier fehlen mir persönlich die genauen Zahlen und die strikte Trennung der beiden Gruppen. Ich möchte das genau wissen.

Zudem werden nur vier Anlaufstellen namentlich genannt:

Weiter ist die Rede von:

  • einer schweizer Geistheilerin, die im Test besonders gut abschnitt, weil sie die Dringlichkeit der OP anhand Befund erkannte und auch zur OP riet.
  • einer niedergelassenen Ärztin
  • einem Chefarzt einer Klinik für Naturheilkunde
  • einer Ärztin

Genannte Alternativheilmethoden der Wunderheiler sind:

Von Homöopathie und Ayurveda im Artikel kein Wort???

Von meinen persönlichen Insider-Einwänden abgesehen, ist es ein sehr wertvoller Bericht, der viele aufrütteln sollte, die bisher die „Alternativen“ als wirkliche Alternative betrachteten. Der Autor, selbst Mediziner, berichtet nicht nur, sondern er klärt auch fachmännisch auf und analysiert völlig richtig, wie z.B. hier:

Die Schulmedizin stellt Thesen auf, entdeckt neue Therapien, verwirft sie wieder oder erforscht sie weiter. Alternativmediziner picken sich heraus, was ihnen passt, und ignorieren den Rest. Stattdessen bauen sie ein wolkiges Gebäude aus Verschwörungstheorien, wobei im Zentrum immer die Pharmaindustrie steht – ein dankbarer Gegner, der eine große Angriffsfläche bietet. So schaffen sie gefühlte Einigkeit mit ihren Patienten.

Er ist zwar kein rigoroser Gegner „sanfter Heilmethoden“, kommt jedoch zum Fazit, dass „Alternativmedizin“ stärker reglementiert werden müsse und dann ist es ja wieder egal, wer diese anbietet, ob nun Arzt oder HP.

Auch die Schauspielerin hat sich eine Meinung gebildet:

Das Krasseste ist, dass jeder so tut, als sei das, was er anbietet, das Beste. Und dann sagt: „Es ist Ihre Entscheidung“. Wer als Krebspatient arglos in den Dschungel der Wunderheiler stolpert, spielt Lotterie. Gerät er an den Falschen, riskiert er den frühen Tod.

Somit sollte sich jeder das Stern-Heft kaufen, den Bericht, der lesenswert ist, lesen und einen Leserbrief schreiben und damit den Autor und die Thematik unterstützen, damit der wenige Gegenwind aufrecht erhalten bleibt bzw. auch mehr werden kann.

Update:

Das Ärzteblatt hat anscheinend nachgefragt und berichtet nun Genaueres!

Todesfälle und Schäden bei Kindern durch “Alternativmedizin”
Homöo-Akademie Traunstein – der Größenwahn Krebs mit Homöopathie heilen zu können!
Homöopathie: Krebsbehandlung in Deutschland nur mit Globuli !?
Hamers Ideen zu Krebs beim DZVhÄ?
Krebs als Geschäftsidee – Teil I: Nahrungsergänzungsmittel
Freispruch für Eltern, deren Tochter durch Hamers GNM an Krebs sterben musste!
Walter Last und die GNM: “Krebs natürlich heilen” – Stellvertreter der gefährlichsten Scharlatanerie!
Vorsicht !!! : “Krebs-Selbsthilfegruppe Fränkische Schweiz” und “Die Mutmacher”

5 Gedanken zu “Update zu: „Alternativmedizin: Die fatale Kurpfuscherei an Krebspatienten – “Stern” berichtet!“

  1. Hat dies auf Chiemgau Gemseneier rebloggt und kommentierte:
    Die Zeitschrift „Stern“ hat Alternativ-Heiler getestet, war bei 20 Heilern (Heilweise Heilpraktiker, teilweise „alternativ“-orientierte Ärzte), mit erschreckenden Ergebnissen.
    Die Gefahr, besonders für den Chiemgau in dem das so omnipräsent ist: Krank zu sein, und dann bei einem Kurpfuscher zu landen! Und das sind nicht nur Heilpraktiker: Erschreckend ist auch das Ergebnis bei den studierten Alternativ-Ärzten, die es durch ihr Studium eigentlich besser wissen müssten! Viele sind nicht mal in der Lage, auf Basis der ihnen vorgelegten Untersuchungen die richtige Diagnose zu stellen! Ausflüchte aus diesem Dilemma bietet wie immer die Esoterik…

    Hier der Originalartikel vom Stern, Internetversion in gekürzter Fassung:
    http://www.stern.de/gesundheit/das-geschaeft-mit-der-alternativmedizin-im-dschungel-der-wunderheiler-2118037.html
    „Die Praxis von Dr. med. John Switzer hat nichts mit dem gemein, was man sich unter einer Arztpraxis vorstellt. Eine Sprechstundenhilfe, ganz in rot und mit Goldketten behängt, sitzt in einem Kabäuschen, das mit Postern zugeklebt ist: „Wildkräuter-Jahreskalender“, „quantec – Medizin aus der Zukunft“. Im engen Wartezimmer herrscht Durcheinander, auf dem Boden stapeln sich Pakete mit Gemüsemixern, in der Ecke steht ein Schrank voller Aktenordner, leicht zugänglich für neugierige Blicke, ebenso wie die Rechnungen, die am Fensterbrett gesammelt werden….“

    Und nun die zusätzlichen Informationen von Elke, vielen Dank dafür.

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  2. Es ist unglaublich als Krebspatient solche Artikel zum Thema „Wunderheilung“ und „Kurpfuscherei …“ eines rennomierten Medienblattes wie dem Stern zu lesen, zumal die Recherchen teilweise recht unzureichend sind, was hier auch nicht gerade für Professionalität spricht. Auch erschrecken mich hier die unterschwelligen Anmerkungen über R. Brosius sowie die verharmlosenden Aussagen von Ärzten zum Thema Krebs im Allgemeinen sehr. Krebs, egal in welchem Stadium ist und bleibt eine tödliche Erkrankung – Fakt Nummer 1! Und Ärzte, die zu 100% wissen MÜSSEN, dass ein Krebstumor im Stadium III A wie bei R. Brosius sehr wohl weit fortgeschritten ist (Zitat Arzt: „… Brosius aber hatte Glück, es waren „nur“ 2 Lymphknoten befallen …“) haben nach meinem Ermessen definitiv den falschen Beruf – Fakt Nummer 2! Lymphknotenbefall, egal ob zwei oder mehrere Knoten heißt: DER HAUPTTUMOR HAT BEREITS GESTREUT! In Lymphknoten sitzende Krebszellen metastasieren! Sie wachsen dort weiter oder setzen sich in andere Organe fest, gefährden somit dein Leben! – Diese Angst im Nacken zu haben, wünsche ich niemandem!!
    Die Aussage von R. Brosius, sich im Endstadium befunden zu haben, hat also durchaus seine Berechtigung, bevor er weiterhin dazu degradiert wird, falsche Behauptungen über seine Krebsdiagnose zu verbreiten … – Hier sind also Scharlatanerie und Betrug im Spiel? Ich muss doch sehr bitten, denn wäre es an dem, hätte R. Brosius die Ärzte (für diese unzureichende Stern-Reportage) nicht der Schweigepflicht entbunden – Fakt Nummer 3!
    Dass Menschen, die auf Heilung durch Alternativmedizin setzen schlussendlich doch verstarben, lese ich oft und auch hier wiederholt. Nun frage ich Sie; wieviele sind es nach Tumor-OPs nebst Anschluss-Chemos? Auch darüber sollte man einmal nachdenken …

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  3. „Dass Brosius hinterher die Chemotherapie verweigert habe, falle hier nicht ins Gewicht, deren Einfluss auf die Heilung sei bei dieser Krebsart oft gering.“ Wieso bietet die moderne Schulmedizin bei einem angeblich so vernachlässigbar geringem Einfluss auf Heilung eine im Verhältnis dazu physisch & psychisch für den Patienten sehr anstregende, aufreibende Chemotherapie, die ihrerseits wieder selbst krebserregend ist, denn überhaupt an? Entlarvt sie sich dabei nicht selbst als gewinnorientiertes Kurpfuschereizentrum, das weniger am Wohle des Patienten als an dessen Geldbeutel interessiert zu sein scheint?

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