Plasberg-Sendungen zu Medizin: What the fuck do you know???


Die letzte Plasberg-Sendung hat mich wenigstens an einen nicht unwichtigen Punkt erinnert, der vermehrt thematisiert werden sollte.

Wir haben heute keinerlei Wahrnehmung mehr dafür, dass es eine natürliche Selbstreparaturfunktion des Körpers gibt, die null Komma null Anstöße braucht, um zu funktionieren. Es dauert jedoch, je nach Beschwerden, oft sehr lange, bis wir uns wieder als „geheilt“ bezeichnen können. Die Autoregulation braucht eben oft Zeit auch wenn sie perfekt arbeitet.

ZEIT Wissen: „Die Kraft der Selbstheilung“:

… Tatsächlich regeneriert und repariert sich das System Mensch permanent selbst. Täglich beseitigen Enzyme Defekte in der Erbsubstanz DNA. Immer wieder werden Zellen erneuert, allein in der Haut etwa eine Milliarde pro Tag. Und die innere Schicht des Dünndarms erneuert sich alle drei Tage vollständig. Verletzen wir uns, mobilisiert der Körper zusätzliche Selbstheilungskräfte: Er kittet die Haut oder lässt Knochen zusammenwachsen – die meisten Erkrankungen überwindet der Körper …

(Man sollte den gesamten Artikel lesen!)

Wir sind es aber mittlerweile gewohnt, bei jedem Wehwehchen sofort die Apotheke oder den Arzt aufzusuchen und erwarten, dass wir etwas bekommen, dass das Unangenehme innerhalb weniger Tage wegmacht, weil dadurch Leistung in Beruf und Freizeit beeinflusst werden und wir uns dies nicht leisten können oder wollen und oft auch , weil wir, dem Internet sei Dank, hinter jeder Befindlichkeitsstörung eine ernste Krankheit vermuten. Der moderne Medizin- und Pharmabetrieb hat natürlich einen immensen Beitrag dazu geleistet, dass es heute so ist, wie es ist und die Erwartungen in die Medizin und Medikamente, gerade in Bezug auf den Zeitfaktor bis zur Genesung, sind so überstrapaziert worden, dass eine schnelle Hilfe vorausgesetzt wird. Trifft diese nicht ein, fängt man an zu zweifeln und jede weitere medizinische Therapie wird von diesem Knacks belastet, bis zur Konditionierung, dass Medizin nicht helfe. Der Nocebo-Effekt lässt grüßen! Zudem wird eine natürliche und normale Selbstheilung völlig ausgeblendet, denn sollte diese wirken können, hätte man doch gar nicht medizinisch intervenieren müssen oder?

Ein elendiger Kreislauf, den sich die Quacksalberfraktion nicht nur sehr erfolgreich zunutze gemacht hat, sondern den sie auch wesentlich mit antrieb.

„Wir regen die Selbstheilungskräfte an und stärken das Immunsystem“ – der Werbeslogan der „Alternativen“ schlechthin, der so nachhaltig in den Köpfen steckt und wirkt, ist nichts anderes als das Ausschlachten natürlicher Gegebenheiten und der Vermittlung von Verschwörungstheorien, die Einreden wollen, dass man die biologische Reperaturfunktion anregen könne und müsse und dass das Immunsystem zu wenig arbeite, wofür man Mängel erkennen und ausgleichen könne.

Diese Floskeln geistern seit vielen Jahren durch alle Medien und niemand blieb davon verschont. Somit gab es auch überhaupt keine Rückbesinnung auf die Tatsache, dass es oft einfach Zeit braucht, bis man wieder voll funktioniert und dass der Medizinbetrieb Grenzen hat, die eine natürliche Selbstheilung in keiner Weise beschränken, sondern regelrecht fordern.

Man macht also enttäuschende Erfahrungen und ist frustriert.

Das ist heute vielen zu viel des Schlechten und man vergisst dabei, dass man in der Regel medizinisch so durchgecheckt wurde, dass man ernste und lebensbedrohliche Krankheiten ausschließen konnte, wenn das, was geblieben ist, einfach nicht vergehen wollte.

Dass das Immunsystem von Menschen, die in der westlichen Welt leben, die allerwenigsten Defizite aufweist, abgesehen von genetischen Erkrankungen und Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem überreagiert und gegebenenfalls sogar gedrosselt werden muss, und bei uns z.B.Nahrungsergänzungsmittel viel mehr Schaden als Nutzen anrichten, wissen wir mittlerweile schon, nur ist es noch nicht in den Köpfen angekommen, weil damit ein immenser Markt einbrechen würde, der null Erfolgschancen in Länder der Dritten Welt hat, wo ein berechtigter Bedarf besteht, aber nicht teuer bezahlt werden kann. Unsere Reperaturmechanismen funktionieren dementsprechend generell auch wunderbar, nur eben viel, viel langsamer, als wir es erwarten und wünschen.

Wir könnten jedoch so dankbar dafür sein, dass es heute so tolle Diagnosemöglichkeiten in der Medizin gibt, die uns eine gewisse Sicherheit darüber vermitteln können, ob es ernst ist und schnell gehandelt werden muss, oder ob wir uns keine existenziellen Sorgen machen müssen.

Viele chronische Leiden haben einen langen Verlauf, der Zyklen unterworfen ist, diese Krankheiten können dann auch ganz plötzlich wieder verschwinden, auch von heute auf morgen. Die Regression zur Mitte ist bezeichnend für den ganz normalen Krankheitsverlauf, nur davon will natürlich niemand etwas wissen, der auf Hokuspokus setzt.

„Wählt man beispielsweise im Rahmen einer Reihenuntersuchung (Screening) unter Routinepatienten die Gruppe der Patienten mit den höchsten Messwerten aus, z. B. Blutdruck, und untersucht diese Gruppe zu einem späteren Zeitpunkt erneut, so werden die Patienten meistens einen Wert aufweisen, der näher am Normalwert liegt – unabhängig davon, ob in der Zwischenzeit eine Behandlung erfolgt ist.“

In meiner Familie gab es Heuschnupfen, der in den unterschiedlichsten Jahren plötzlich einsetzte und über einige Jahre blieb, bis er wieder völlig verschwand und sich seit vielen Jahren und Jahrzehnten nicht mehr blicken ließ. Mein Sohn hatte als Kind über einige Jahre hinweg Pseudo-Krupp-Anfälle und dann nie mehr. Er ist längst erwachsen. Ich selbst hatte erst vor kürzerer Zeit über Monate hinweg einige Symptome, darunter eine Rachenentzündung, die mit keiner medikamentösen- und auch keiner Hausmittel-Therapie weggehen wollte. Ich machte natürlich einen medizinischen Voll-Check, der sowieso ewig nicht mehr gemacht worden war, dabei raus kam jedoch nichts und somit hieß es abwarten und Tee trinken. Danach gab es noch einige Spitzen, die mich zum perfekten Klienten der Quacksalber gemacht hätten, denn nach dem letzten richtigen Aufflammen war die Rachenentzündung von heute auf morgen weg.

Bei alternativen Therapien darf es ja nicht umsonst auch Jahre dauern, in denen man viel Zeit und Geld opfern muss, zwar für nichts, aber für den beschränkten Konsumenten nicht umsonst, weil er sich ja so sehr manipulieren lässt.

Ja, ja, da sind uns Quacksalber lieber, die über ausschließlich unwissenschaftliche Pseudo-Verfahren angebliche „Diagnosen“ erstellen, die noch dazu zu den unmöglichsten Krankheiten führen sollen, die dann aber in Eigenregie immer angeblich behandelt werden können, auch wenn es viel Zeit und Geld bedürfe. Abartige Ängste werden dabei geschürt und damit wird dick abkassiert.

Ein genialer Artikel, der in der Printausgabe der Süddeutschen Zeitung am 22.03.2014 von Sebastian Herrmann unter dem Titel „Gift für alle“ erschien, passt recht gut zur Thematik.

Hier aus rechtlichen Gründen nur ein paar Absätze:

Was ist da passiert, was treibt an sich gesunde Menschen in eine Spirale der Sorgen? Die Erwartungen an den Zustand der eigenen Gesundheit haben sich in unrealistischem Maße verschoben. Der Erfolg der modernen Medizin hat die Illusion geweckt, man habe einen Anspruch auf ein Leben frei von jeglichen Symptomen – da ist jeder milde Schwindelanfall eine dramatische Abweichung vom Idealzustand. Die Glücksforschung steuert dazu eine Erkenntnis bei, die vermutlich auch für das weite Feld der Gesundheit gilt: Je mehr Bedeutung ein Mensch seinem persönlichen Glück und Wohlbefinden beimisst, desto eher empfinde er Unglück, berichten etwa Psychologen um Iris Mauss von der Universität Stanford. Das gelte insbesondere, wenn die Umstände allen Grund gäben, glücklich zu sein. Wer zufrieden ist und unbedingt noch glücklicher werden will, scheitert an diesem Anspruch und mindert durch diese Suche sein Wohlbefinden …

… Die kursierenden Ängste haben Mediziner „moderne Gesundheitssorgen“ getauft, und diese sind stark verbreitet. Wissenschaftler um den Mainzer Mediziner Rief und Elmar Brähler von der Universität Leipzig legten dazu eine repräsentative Befragung von knapp 2500 Deutschen vor. Lediglich sechs Prozent der Stichprobe lebte offenbar ein gänzlich sorgenfreies Leben, zumindest was ihre Erwartung und Einstellung zu ihrer Gesundheit anging. Alle anderen berichteten von teils gravierenden Ängsten, die allesamt mit den „Blockbustern der Gesundheitssorgen“ verknüpft waren, wie es Winfried Rief ausdrückte …

… Die Betroffenen konzentrieren die Suche nach einer Erklärung für ihre Leiden fast immer auf physiologische Ursachen: auf ein Molekül, ein Gift, auf elektromagnetische Wellen, auf Schall unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Für die Betroffenen mag das beruhigend sein. Sie finden eine scheinbare Begründung für ihr Leiden und verankern diese an einem äußeren Phänomen. „Wir wollen für alles eine Erklärung haben“, sagt Winfried Rief, „dass gelegentliche körperliche Beschwerden normal sind, akzeptieren wir nicht.“

Genauso wenig akzeptieren die meisten Menschen aber eine Erklärung, die ihr Leiden auf psychosomatische Ursachen zurückführt. Die Studie des Teams um Winfried Rief legt diesen Schluss jedoch nahe: Die Befragung der fast 2500 Probanden zeigte, dass die Neigung zu starken Gesundheitssorgen mit einem Hang zu Depressionen, häufigen Arztbesuchen und somatischen Leiden einhergeht. Und der Umstand, dass nur sechs Prozent der Stichprobe ohne Gesundheitssorgen waren, bedeutet wohl: Wir halten uns alle für kränker, als wir tatsächlich sind – fast jeder.

Bei “hart aber fair” am 31.03.2014: “Heilen, egal wie – welche Medizin darf es denn sein?”

3 Gedanken zu “Plasberg-Sendungen zu Medizin: What the fuck do you know???

  1. Das ist es doch, was ich schon seit langem in nahezu jedem Kommentar zum Thema Homöopathie anführte. Die Selbstheilungskräfte des menschlichen Immunsystems. Ich habe diese Tatsache schon so oft wiederholt, dass ich mich sogar bemüßigt fühlte, mich für das mehrfache Wiederholen dieser Fakten bei den Besuchern dieses Blogs zu entschuldigen. Ich erinnere mich auch daran, dass mir ein Kommentator sogar vorhielt, dass ich mich mit meiner Argumentation wiederhole. Obwohl doch die Selbstheilungskräfte des Immunsystems eine gewichtige Rolle spielen, hatte ich stets den Eindruck, dass diese Tatsache bei Diskussionen über die Homöopathie – auch von den Gegner der HP – eher vernachlässigt und nicht voll gewürdigt wurde. Dabei wäre dieses Argument doch der wohl stärkste und treffendste Beweis gegen den als historisch zu bezeichnenden Irrtum der Globuli-Fraktion.

    Die Tatsache, dass die Spezies homo sapiens nur aufgrund des Vorhandenseins und des Wirkens des menschlichen Immunsystems überhaupt überleben konnte, ist doch wirklich logisch sehr gut nachvollziehbar.
    Es war übrigens ein in der Schweiz lebender, pensionierter deutscher Arzt, der mir vor geraumer Zeit diese Erklärung lieferte. Mich wundert dabei allerdings, dass diese oder eine ähnliche Beweisführung bisher in keiner TV-Sendung jemals vorgebracht wurde. Mit diesem Beispiel wird gleichzeitig auch die Erklärung dafür geliefert, wie sich die Lebenserwartung der Menschen – dank des medizinischen Fortschritts – im Vergleich zu unseren steinzeitlichen Vorfahren immerhin mehr als verdoppelt hat. Zu dieser Steigerung der Lebenserwartung haben aber weder die Homöopathie noch alle übrigen alternativen Heilmethoden etwas beigetragen.

    Zwar reden auch die Homöopathen von den Selbstheilungskräften, die man mittels Globuli anregen könne. Ihnen ist jedoch der Nachweis, dass dies mit Hilfe von Globuli möglich sei trotz gegenteiliger Behauptungen bisher nicht gelungen. Stattdessen führen sie Heilerfolge auf ihr Wirken zurück und unterschlagen, dass ihre „Erfolge“ letztlich ausschließlich einem gut funktionierenden Immunsystems zuzuschreiben sind.

    Man muss sich irgendwann doch die Frage stellen, wie es möglich ist, dass selbst studierte Ärzte auf einem solchen Irrweg landen können !? Liegt dies möglicherweise an der unzureichenden oder verfehlten medizinischen Ausbildung ? Im Verlaufe des sechsjährigen Regelstudiums müsste man vielleicht einem Professor aus der philosophischen Fakultät die Möglichkeit geben, den Medizinstudenten eine Vorlesung über das Thema „logisches Denken“ zu halten. Ein die Disziplinen übergreifendes Studium würde sicher dazu beitragen, dass die späteren Ärzte nicht total blind in die Homöopathie-Falle tappen würden !

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    • Lieber Argus, ich habe das ja auch schon unzählige Male erwähnt, wollte nun aber im Zuge der „hart aber fair“ Sendung ganz ausführlich darüber schreiben. Schlingensiepen pochte z.B. ständig auf ihre hohen Blutdruckfälle, bei denen Globuli angeblich wirksam helfen und das lässt sich eben mit der Regression zur Mitte mehr als erklären.

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