Colin Goldner: „Esoterik, Spiritualität und Heilslehren statt Beratung?“


Lesenswerter Artikel von Colin Goldner aus „Das Handbuch der Beratung: Band 3: Neue Beratungswelten: Fortschritte und Kontroversen“, der im hpd veröffentlicht wurde.

Auszug (Seite 2):

“ … Eine Heerschar selbsternannter Berater maßt sich an, Beratungsarbeit zu leisten, im Einzelfalle ohne auch nur eine einzige Stunde ernstzunehmender Ausbildung hierzu absolviert zu haben. Es spielt dabei keine Rolle, ob sie ihre Dienste unentgeltlich oder gegen Bezahlung feilbieten.

Viele dieser Berater – sofern sie sich nicht gleich selbst bestallt haben – können als Qualifikation allenfalls auf einen absolvierten Fernlehr- oder Wochenendkurs verweisen, wie sie an den zahllosen, staatlich weder anerkannten noch überprüften Heilpraktikerschulen oder an sonstigen, ebenso unüberprüften Einrichtungen der Szene angeboten werden.

Diese „Schulen“ sind durchwegs reine Privatunternehmen und insofern völlig willkürlich und nach Gutdünken der jeweiligen Betreiber strukturiert; die Rahmenbedingungen unterliegen ebensowenig einer öffentlichen Kontrolle wie die Qualifikation der Dozenten und/oder die jeweiligen Lehrinhalte. Konsequenterweise kann man sich an vielen dieser Schulen nicht nur zum „Berater“, sondern gleichzeitig auch zum „Astrologen“ bzw. „Astro-Therapeuten“ ausbilden lassen; von anderen höchst zweifelhaften Angeboten, die sich in den jeweiligen Programmen vorfinden – Geistheilung, Kinesiologie, Reiki und dergleichen mehr –, gar nicht zu sprechen.

Vielfach treten besagte Einrichtungen unter Begriffen in Erscheinung, wie sie im Hochschulbereich üblich sind: sie nennen sich „Akademien“ oder „Institute“, bieten „Seminare“ und „Studiengänge“ an, bezeichnen ihre Teilnehmer als „Studenten“ und verleihen „Diplome“. Es lässt sich indes aus diesen Bezeichnungen weder auf ein höheres Niveau der Ausbildungsangebote schließen noch darauf, dass die einzelnen Einrichtungen irgendetwas mit wissenschaftlicher oder wissenschaftsähnlicher Arbeit zu tun hätten. Die Verwendung dieser (gesetzlich nicht geschützten) Begriffe dient vor allem der Absicht, Seriosität und abgesicherte Lehrinhalte zu suggerieren.

Das Angebot variiert von von ein paar photokopierten Seiten im Fernkursus über Wochenendseminare hin zu „Vollzeitschulungen“, die sich über immerhin zwei Wochen erstrecken. Tatsächlich kann keiner der an Heilpraktikerschulen oder vergleichbaren Szeneeinrichtungen angebotenen Kurse den Erfordernissen einer seriösen Beratertätigkeit Genüge leisten.

Nicht wenige dieser Einrichtungen verleihen den Absolventen ihrer Lehrgänge schulinterne Diplome, was diesen die Möglichkeit eröffnet, auf Briefköpfen und Visitenkarten als „diplomierter Berater“ und insofern unter dem Signet vorgeblich akademischer Qualifikation zu firmieren. Der Trick, mit dem „Diplom“ irgendeiner Privatlehranstalt oder eines Fernlehrinstituts einen akademischen Abschluss vorzugaukeln, ist in der (esoterischen) Beraterszene weit verbreitet. Tatsächlich haben nicht wenige der unter einem „Diplom“ ordinierenden Berater (der Esoterikszene) nie eine Hochschule von innen gesehen. Sie bauen auf die verbreitete Unkenntnis, dass es keine geregelte Ausbildung für diese – in strengem Rechtssinne gar nicht existente – Tätigkeit gibt.

(…) Die Esoterikszene ist durchsetzt von Figuren, die, selbst dem Laien erkennbar, persönliche Störungen dadurch zu kompensieren suchen, dass sie sich zu „Beratern“ und „Lebenslehrern“ aufspielen. Die vermeintlich paranormalen Fähigkeiten, derer viele dieser Berater sich rühmen – Auralesen, Channeling, Hellsehen und dergleichen -, sind, sofern sie ihre paranormalen Fähigkeiten nicht einfach vorgeben (und damit ihre Klientel betrügen), als Symptome eines deliranten Syndroms und/oder (zumindest latenten) psychotischen Wahngeschehens zu werten …

… Auch die Beratungswissenschaft muss sich vorwerfen lassen, in der Auseinandersetzung mit dem Geschehen an ihren Rändern bislang heillos versagt zu haben. Beratend tätige Psychologen, Sozialwissenschaftler usw. und ihre Standesvertretungen halten es nur sehr vereinzelt für angezeigt, sich kritisch dazu zu äußern. Man würde die Esoterikszene samt ihren unwissenschaftlichen Methoden nur ungebührlich aufwerten, so die gängige Argumentation, wollte man sich ernsthaft damit befassen. Das Gegenteil ist der Fall: Es ist mithin dieser weitgehenden Ignoranz des akademischen Establishments zuzuschreiben, dass sich die Scharlatane, Beutelschneider und Volksverdummer im Gewande der Beratung so ungehindert ausbreiten konnten.“

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4 Gedanken zu “Colin Goldner: „Esoterik, Spiritualität und Heilslehren statt Beratung?“

  1. Ha, da verlängert sich der alte Kalauer um einen weiteren Vers:

    Wer nichts wird, wird Wirt.
    Ist auch das misslungen, verscherbelt man Versicherungen.

    Und ist auch das missraten, kann man Deppen noch beraten.

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  2. @ Typee
    Ich schlage eine verbesserung im Versmaß vor:

    Wer nichts wird wird Wirt
    Ist das auch nicht gut gelungen, verscherbelt man Versicherungen
    Und ist uns auch noch das missraten, kann man die Deppen doch beraten

    (Danke, ich nehme kein Ghostwriter-Honorar).

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