Krebs als Geschäftsidee – Teil I: Nahrungsergänzungsmittel


Krebs ist neben der Demenz die meist gefürchtetste Krankheit in Deutschland, gleichzeitig konnte jetzt festgestellt werden, dass die Überlebenschancen nach einer Krebsdiagnose bei uns besonders hoch sind. Die Angst vor der Krankheit ist natürlich trotzdem verständlich und nicht wenige fürchten sich wahrscheinlich mehr vor den konventionellen Therapien (Chemo, Bestrahlung, Hormone) als vor der Diagnose selbst.

Somit muss es nicht verwundern, dass hier im „Alternativ-Bereich“ ein uferloser Markt entstanden ist, sowohl zur Prophylaxe als auch zur Behandlung –  und riesige Gewinne damit erwirtschaftet werden, da die Leichtgläubigkeit bzw. die Hoffnung auf Hilfe hier extrem ausgeprägt sind. Angst essen Verstand auf, könnte man sagen und abgesehen von Patienten die medizinisch austherapiert sind, kann man jeden nur warnen, denn „einfache Lösungen“ schmälern nicht nur den Geldbeutel, sondern bergen oft Risiken oder können sogar den Schaden anrichten, den man eigentlich vermeiden wollte.

Das fängt bereits bei Nahrungsergänzungsmitteln an. Viele ältere Menschen schlucken zu viele davon, wobei Tageshöchstmengen dabei häufig überschritten werden. Und laut Spiegel WISSEN (4/2013) schluckt generell jeder vierte Deutsche Vitaminpräparate, dafür werden 900 Millionen Euro ausgegeben. Ausgerechnet die, die am besten ernährt sind, greifen auch hier am meisten zu.

Nur leider haben die besten und neusten Studien ergeben, dass Vitaminsupplemente entweder gar keinen Nutzen haben, oder eben schaden. Dieser „Irrtum der Medizingeschichte“ wird sich als solcher jedoch nicht durchsetzen, denn dafür laufen die Geschäfte für Industrie, Wiederverkäufer und selbsternannte Experten viel zu gut. Man denke nur mal an Mathias Rath, seine gemeingefährlichen Versprechungen und die  „Orthomolekulare Medizin“ (Megavitamine).

Um das gesamte Vitamin-Zeug nachhaltig anzubringen wurde schon immer mit Lug und Trug gearbeitet und die Verschwörungstheorien werden jetzt eben noch lauter um sich greifen. Allein die Aussage, dass heutige Lebensmittel weniger Nährstoffe enthielten als früher ist ein Mythos, denn die gezielte Düngung in der Landwirtschaft bringt genau das Gegenteil. Bei Vitamin A, E, B1, B2, B12 und C werden die Tagesdosen eher überschritten. Eine Unterversorgung, ausgenommen bei bestimmten Krankheiten und im Individualfall (auch Veganer), ist nahezu nicht möglich. Wer sich von März bis Oktober nur 15 Minuten täglich ohne Sonnencreme und nicht extrem verhüllt im Freien aufhält und das erste Lebensjahr überschritten hat, braucht sich auch keine Gedanken um das Vitamin D zu machen. Für alle Ausnahmen ist der konventionell behandelnde Arzt des Vertrauens zuständig und genau hier wird es sicher zunehmend schwierig, denn wer zusätzlich Quacksalbermethoden anbietet, dürfte auch in dieser Beziehung nicht der richtige Berater sein.

Bitte auch nicht vergessen, dass alle Nahrungsergänzungsmittel (NEM) zu den Lebensmitteln zählen. Außer der Lebensmittelkontrolle ist hier niemand zuständig. Eine extra Zulassung ist nicht nötig und hätten sie eine arzneiliche Wirkung, wären es Arzneimittel!

Es gibt zwar seit Ende 2006 die sogenannte Health-Claims-Verordnung, die nährwert- und gesundheitsbezogene Aussagen bei allen Lebensmitteln verbietet, die nicht ausdrücklich und nach anerkannten wissenschaftlichen Erkenntnissen zugelassen wurden (auch krankheitsbezogene Aussagen und Indikationen stehen unter Strafe), was jedoch nichts daran geändert hat, dass weiterhin ein riesiger NEM-Lügen-Markt existiert. Gerade im Internet haben sich Werbestrategien entwickelt, die eine Ahndung geschickt umgehen und den Verbraucher rigoros täuschen. Allein gegen Krebs werden in Deutschland über 600 verschiedene Substanzen als NEM angeboten.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hält Nahrungsergänzungsmittel für gesunde Personen, die sich normal ernähren, für überflüssig[7]. Bei dieser Ernährung bekomme der Körper alle Nährstoffe die er brauchte. Eine zusätzliche Zufuhr einzelner Nährstoffe sei deshalb nicht notwendig. Eine einseitige, unausgewogene Ernährungsweise könne nicht durch den Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln ausgeglichen werden. Nur in bestimmten Situationen, die in Deutschland aber selten seien, könne eine gezielte Ergänzung der Nahrung mit einzelnen Nährstoffen sinnvoll sein. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung sind Nahrungsergänzungen dagegen nur bei Jod in Form von jodiertem Speisesalz und bei Folsäure für Schwangere sinnvoll.

In einer Auswertung verschiedener Metaanlysen und randomisierter Studien wurde der Stand der Kenntnis zum Einfluss der als Antioxidantien angepriesenen Vitamine A, C und E sowie von Betakarotin auf Behandlung oder Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Augenerkrankungen und Erkältungen zusammengefasst. Das Fazit daraus: Ein klarer klinischer Nutzen lässt sich aus den vorliegenden randomisierten Studien nicht ableiten. Darüber hinaus steigert Betakarotin vor allem bei Rauchern Lungenkrebsrate und Gesamtsterblichkeit.[8]

Antioxidanzien werden häufig auch von Krebspatienten eingenommen, um unerwünschten Effekten einer Chemo- oder Strahlentherapie vorzubeugen. Experimentelle und klinische Daten unterstützen jedoch Befürchtungen, dass sie zu einem gewissen Grad Tumorzellen sogar schützen könnten. Vor allem die gleichzeitige Anwendung hochdosierter Antioxidanzien mit einer Bestrahlung verschlechtert in einigen randomisierten Studien das Ansprechen und verkürzt die Überlebenszeit der Patienten …

…Frei verkäufliche Nahrungsergänzungsmittel können die Leber schwer schädigen, insbesondere solche, die über das Internet bezogen wurden. Sie enthalten häufig Verunreinigungen oder wegen ihrer leberschädigenden Wirkung in Deutschland verbotene Substanzen. Das betrifft neben Kurkuminextrakten, Johanniskraut und Schlankmachern vor allem auch Präparate der Firma Herbalife.[12][13][14]

Mehr zum Thema:

Wann Vitamintabletten schaden
Künstliche Vitamine können schaden
Leere Versprechen um Vitaminpillen
Nahrungsergänzung mit Nebenwirkungen
Was die Deutschen für ihre Gesundheit schlucken
Entzauberte Antioxidanzien
Das Märchen vom Schutz durch Nahrungsergänzung

2 Gedanken zu “Krebs als Geschäftsidee – Teil I: Nahrungsergänzungsmittel

  1. Von diesem Scharlatan fand ich vor geraumer Zeit ein Flugblatt in meinem Briefkasten. Es war dies eine Einladung für den 19. Oktober 2011 in die Stuttgarter Liederhalle. In diesem Flyer ist zu lesen, dass die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 1. März 2011 die folgende Headline gedruckt hätte: „Seriöse Heilverfahren werden salonfähig.“ Diese FAZ-Meldung habe ich allerdings nicht auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft. Rath behauptet im Flyer des weiteren, dass die weltberühmte Mayo Klinik (USA) der es erstmals überhaupt gelungen sei, den Blutkrebs (Leukämie) auf natürliche Weise aufzuhalten, und mit Hilfe von Mikronährstoffen, wie sie am Dr. Rath Forschungsinstitut jahrelang untersucht wurden, sogar wieder umzukehren.

    Kein Zweifel, mit solchen und ähnlichen Behauptungen, Lügen und Halbwahrheiten sind medizinische Laien leicht zu beeinflussen. Die von diesem Scharlatan aufgestellte Behauptung, dass ihm ein „medizinischer Durchbruch für die ganze Menschheit“ gelungen sei, ist somit nichts anderes als eine dreiste Propagandalüge.

    An der Veranstaltung nahm auch Dr. Aleksandra Niedzwiecki, Leiterin des Dr. Rath Forschungsinstituts, teil.

    Gefällt mir

  2. Pingback: Wunderkur bei Haarausfall durch Chemo- und Strahlentherapie – Alles Humbug, Frau Mally-Blank! | Ratgeber-News-Blog

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s