Andreas Kilian: „Die Logik der Nicht-Logik“


Andreas Kilian (Dr. rer. nat, geboren 1963, studierte Chemie und Biologie. Zahlreiche Forschungstätigkeiten, u.a. zur Ausbreitungsdynamik von AIDS/HIV in heterosexuellen Populationen, zur Komplexität menschlichen Verhaltens und zu Fragen der theoretischen Biologie. Neben allgemeinen biologischen Fragen arbeitete er in der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) sowie an dem Fraunhofer Institut AIS (Autonome Intelligente Systeme) schwerpunktmäßig an ethologischen und soziobiologischen Themen.) bringt es auf den Punkt:

„… Aus der Sichtweise der Biologie ist Egoismus der Antrieb jeglichen Handelns. Altruismus bedeutet lediglich, dass es sich für ein Gen mehr lohnt auf eine seiner Kopien – sprich Verwandten – zu setzen. Auch für reziproken Altruismus und Kooperationen mit Nicht-Verwandten gibt es eine subjektive Kosten-Nutzen-Schwelle, ab der es sich eher lohnt zusammen zu arbeiten. Geht die Rechnung nicht auf, wird die Kooperation abgebrochen.

Vollkommene Selbstlosigkeit gibt es in der Natur nicht. Das würde ja den Verzicht auf Vererbung bedeuten. Und letztendlich will ein frommer Mensch für seine Bemühungen auf Erden doch auch eine Belohnung haben. Er will in den Himmel und das Paradies. Und dies möglichst alleine. Für seine Feinde ist doch die Hölle vorgesehen. Frömmigkeit und Religiosität sind also keine Selbstlosigkeiten, sondern der Gipfel des Egoismus, der sich die Unsterblichkeit, die Unendlichkeit und die Unbegrenztheit des himmlischen Genusses wünscht.

Asketismus ist dabei nur ein Weg zum versprochenen höheren und unendlichen Genuss. Er wird zum Problem, wenn er anderen vorgeschrieben wird. Oder um es mit Oscar Wilde zu sagen, er ist keine Selbstverwirklichung, sondern ein Relikt der Barbarei. Wir sind ja nicht auf Erden, um das Leben zu verneinen und uns auf den Himmel vorzubereiten. Die Sinnesfreuden, wie zum Beispiel ein Orgasmus, sind evolutiv entstandene kleine Belohnungen für biologisch richtiges und meist erfolgreiches Verhalten. Ein gesunder maßvoller Hedonismus ist also ganz im Sinne der Natur.

Religionen sind zur Befriedung des Egoismus Einzelner entwickelt worden: In einer Welt, in der alle Teilnehmer logisch denken können und sich logisch verhalten, ist das Verhalten anderer vorhersagbar. Will ich mir Vorteile erschleichen, ohne durchschaut zu werden, so muss ich meine Absichten verschleiern. Dies gilt auch für die Argumentation und Rechtfertigung von Verhalten. Religionen liefern als Argumentationsebenen hierfür nicht-überprüfbare und nicht-widerlegbare Argumente.

„Deus vult“ ist ein Totschlagargument, mit dem jeder Egoismus auf Kosten anderer zu rechtfertigen ist. Um diese unredliche Argumentationsebene benutzen zu können, muss ich zunächst dafür sorgen, dass sie als gegeben akzeptiert wird. Dies geschieht durch Indoktrination im Kindesalter. Innerhalb der Argumentationsebene kann ich mit, für oder gegen andere arbeiten. Je nachdem, wovon ich mir gerade mehr verspreche. Und wer meine Argumente als Ungläubiger und Ketzer nicht akzeptiert, der verdient die Todesstrafe …

Religiosität und Religion sind im biologischen Bauplan nicht vorgesehen und wir haben auch keine speziellen Fähigkeiten dazu, die extra dafür entwickelt wurden. Religiosität und Religion können nur an uns herangetragen werden, wenn uns die Über- und Fehlinterpretationen der Umwelt als gesichertes Wissen in der Kindheit verkauft werden. Sie sind rein kulturell bedingt und basieren auf unserer Fähigkeit zur Kommunikation. Wir diskutieren und einigen uns ja auf Glaubensinhalte.

Hierdurch wird deutlich, dass Religion keine unterentwickelte biologische Stufe der menschlichen Geistestätigkeit darstellen kann. Sie ist biologisch gar nicht notwendig und auch nicht vorgesehen. Es ist eine kulturelle Argumentationsebene, basierend auf Fehlinterpretationen, deren Komplexität und Wahrheitsgehalt mit dem Fachwissen der jeweiligen Epoche mitwachsen muss. Es gibt allerdings so etwas wie eine „Evolution“ von Glaubensinhalten zwischen dem Wunschdenken der Gläubigen und dem, was den gebildeten Gläubigen gerade noch verkauft werden kann. Nicht umsonst bemühen sich die Kirchen, den Einklang von Glauben und Wissenschaft zu betonen. Sie verschweigen dabei aber die permanente Aktualisierung ihrer Glaubensinhalte hin zu den Light-Versionen.

Seit Entstehung der Menschheit hat es vielleicht bereits eine Millionen Religionen auf dieser Erde gegeben. Fragt man die Vertreter der Religionen höchstpersönlich, so sind alle Überzeugungen falsch bis auf eine einzige: nämlich ihre eigene. Sie sprechen selber von Ungläubigen, Ketzern, Lügnern sowie Irrlehren und versuchen sich gegenseitig zu missionieren. Rein statistisch gesehen darf man also bei der Entstehungsgeschichte der Religionen und ihrer Glaubensinhalte wohl eher von einer Evolution der Lügen sprechen. Und diese Evolution der Lügen geht hin zur der Verfeinerung und Vervollkommnung des letzten egoistischen Argumentes, dem nicht widersprochen werden kann. „Deus vult“ dient der kindlichen Allmachtphantasie mit seiner Interpretation der Welt recht zu haben und den anderen den Weg diktieren zu können.

Religionen helfen somit nicht dem Menschen bei seinem Herausschälen aus dem unmittelbaren Naturzusammenhang. Dies schafft nur die Erkenntnis, dass alle Annahmen über die Umwelt und unseres Daseins nur vorübergehenden Charakters sind, und dass wir weiter lernen müssen. Für diesen kontinuierlichen Prozess brauchen wir die Methode der Wissenschaft. Religionen halten uns mit ihren fundamentalistischen Glaubensinhalten in einer kindlichen Welt des angeblichen „Wissens“ fest. Es wird Zeit, aus dieser Sackgasse der menschlichen Entwicklung herauszutreten …“

Zum langen Artikel HIER (jeder Satz ist ein Genuss)

„Die Logik der Nicht-Logik: Wie Wissenschaft das Phänomen Religion heute biologisch definieren kann“

Passend dazu, Ambrose Bierce: „Die Religion ist eine
Tochter der Furcht und der Hoffnung, die den Nichtwissenden das Wesen
der Unerkennbarkeit erklärt.“

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2 Gedanken zu “Andreas Kilian: „Die Logik der Nicht-Logik“

  1. Jeder Satz ein Volltreffer !

    Ich meine: Die Menschheit hat sich in technologischer Hinsicht innerhalb von knapp 100 Jahren von Fußgängern zu Fliegern entwickelt. Nicht zu vergessen die enormen Fortschritte in anderen Wissenschaftsdisziplinen, wie z.B. der Medizin. In philosophischer Hinsicht hingegen ist die Menschheit im tiefsten Mittelalter stehen geblieben. Der Beweis: Es werden noch immer Kriege geführt, weil die Menschheit es noch nicht gelernt hat, Konflikte unblutig und friedlich zu lösen.

    Die christliche und die islamische Religion waren zu allen Zeiten Ursache und Auslöser von Kriegen. Dazu zählen z.B. die von christlichen Missionaren vorbereiteten und angeführten Eroberungskriege, die ganze Völker in Afrika und Südamerika (aber auch anderswo) ihrer Kultur beraubt oder sie gar ausgerottet haben. So kann man mit Fug und Recht feststellen, dass die Religionen zu allen Zeiten die Entwicklung der Menscheit verhindert haben. Religion ist und bleibt ein nützliches Machtinstrument in den Händen der Herrschenden. Insbesondere die christlichen Politiker werden den Teufel tun und dieses Beherrschungsinstrument nicht kampflos aus der Hand geben. Die Forderung nach strikter Trennung von Religion und Politik muß deshalb unser aller Anliegen sein. Soll doch jedermann/frau seiner Religion anhängen, sofern er dies privat tut und seine Religion nicht in die Politik hineinträgt und mit ihr vermischt.

    Wenn es hierzulande immer noch Politiker gibt, die von der christlichen Tradition des Abendlandes faseln, dann muß man diesen verbohrten Religioten klipp und klar sagen, dass es keinen Grund gibt, auf diese Tradition stolz zu sein und sich gar etwas darauf einzubilden. Es ist schließlich historisch erwiesen und in den Geschichtsbüchern nachzulesen, dass die Geschichte der christlichen Kirchen geradezu von Blut trieft. Die sog. christlichen Politiker sollten sich abgrundtief schämen, dass sie sich zu dieser blutigen Tradition bekennen.

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