„Die SEELEN-Pfuscher“ von Heike Dierbach


Heike Dierbachs Sachbuch Die SEELEN-Pfuscher ist ein sehr gelungenes Werk im Zuge der Esoterik-Aufklärung. Klar formuliert und für jeden gut verständlich zu lesen, bringt Sie es unverblümt auf den Punkt, woran es in der Branche krankt und dass das Risiko für alle Nutzer von Pseudo-Therapien, selbst krank zu werden, nicht zu unterschätzen ist. Mit viel Sachverstand erläutert und analysiert sie Psycho-Methoden und zeigt auf, dass es sich um nichts anderes als Scharlatanerie handelt. Dabei geht sie auch fachlich darauf ein, was wissenschaftliches Arbeiten bedeutet, welche konkreten Fehlerquellen den einzelnen „Möchtegern-Alternativwissenschaften“ anzulasten sind und stellt dadurch sauber heraus, warum es sich lediglich um Esoterik, bzw. Pseudowissenschaften handelt. Zur Konkretisierung nimmt sich die Autorin neun gängige Pseudo-Therapien vor, die sie im Einzelnen zerlegt: Rebirthing, Festhaltetherapie nach Prekop, Familienaufstellung nach Hellinger, The Secret, Hoffmann-Quadrinity-Prozess, Reinkarnationstherapie, The Work, Channeln/Engeltherapie und Fernheilung.

Der Unterschied in der Bewertung der einzelnen Richtungen bewegt sich zwischen gefährlicher Scharlatanerie und besonders gefährlicher Scharlatanerie. Allen gemeinsam ist sowieso die Grundlage, dass Misserfolge immer dem Klienten/Patienten anzulasten sind, woraus sich eine Art „survival of the fittest“ ergibt mit im schlimmsten Fall fatalen Folgen für die Nutzer. Obwohl sich Dierbach als Fachfrau ganz gezielt dem Pfusch an der Seele von psychisch Kranken widmet, die von den „Pseudos“ behandelt werden, gelten Ihre Ergebnisse auch für alle mit körperlichen Gebrechen, die sich den „Wunderheilmethoden“ aussetzen, da das esoterisch-ganzheitliche Prinzip hinter jeglichem Symptom eine geistig-seelische, also psychische Ursache sieht. Alle Pseudo-Therapien sind auf das Finden und die Auflösung dieser Ursachen ausgelegt und dabei ist es nachrangig, welche Symptomatik mitgebracht wird. Nicht umsonst geht es immer darum, dass der Medizin eine reine Symptombekämpfung vorgehalten wird, die lediglich zu einer Syptomverschiebung, aber nie zur Heilung führen könne. Somit ist es klar, warum Scharlatane ihre Methoden als Hilfe für viele verschiedenste Krankheiten anpreisen. Unter vorgehaltener Hand gibt es in der Branche jedoch niemanden, der behaupten würde, dass man bestimmte Gebrechen ausschließen müsse, denn das würde die „Allmachts-Systeme“ aushebeln und allen ihren Prinzipien widersprechen. Festzuhalten bleibt, dass die Klienten dabei erhebliche seelische Beeinträchtigungen erleiden können, da allen diesen „Therapien“ das unsachgemäße Herumdilettieren mit der Psyche gemeinsam ist.

Besondere Freude bereitet mir die Ursachenanalyse der Autorin zur entsprechenden Pfuscherei. Was längst bekannt ist und bis heute in den öffentlichen Medien völlig untergeht, spricht Dierbach schonungslos an, vor allem die mangelhafte Qualifikation der selbst-stilisierten “Therapeuten“, die im besten Fall den Heilpraktiker-Schein erworben haben. Der Besuch von einigen wenigen Wochendseminaren oder lediglich die Selbsteinschätzung, heilende Kräfte zu besitzen, reichen schon völlig aus, um Behandlungen anzubieten, für die ein Psychiater, Psychotherapeut oder Psychologe ein mehrjähriges Studium (Theorie und Praxis) absolvieren muss. Mit dem Heilpraktiker, der im gesellschaftlichen Mainstream als gleichwertig kompetente Alternative zum Mediziner gilt, wird abgerechnet. Dabei vernachlässigt Dierbach jedoch nicht, dass es im fachlichen Psychotherapeuten-Bereich Mängel/schwarze Schafe gibt und eine Qualitätssicherung von Nöten sei.

Ein ungemein wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang ist auch die Erläuterung der rechtlichen Lage. Abgesehen von der eklatanten Haftungsdiskrepanz zwischen seriösen Fachbereichen und „Pseudos“ sind zwar Heilpraktikergesetz, Heilmittelwerbegesetz und Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb vorhanden, diese sind jedoch sehr geduldig. Bereits die Überwachung lässt zu wünschen übrig, sodass in der Praxis die Übertretung dieser Gesetze Usus ist. Aus Erzählungen weiß ich persönlich, dass selbst Anzeigen, die sich auf Verstöße gegen das Heilmittelwerbegesetz beziehen, sehr oft von Staatsanwaltschaften als zu geringfügig abgelehnt werden. Strafrechtliche Konsequenzen sind somit eine Seltenheit. Konkret findet man deswegen allerorts in Selbstdarstellungen illegale Heilungsversprechungen und positive Erfolgsberichte von angeblichen Klienten, die den Zweck verfolgen, Neukunden anzulocken und deren Geldbeutel zu erleichtern.

Neben der konventionellen Medizin gehören auch Psychotherapien zu den Leistungen der Krankenkassen, demzufolge muss ein „Pseudo“, der je nach angebotener Methode bestenfalls von einigen Privatkassen bezahlt wird, Besonderes bieten. Zum Besonderen gehört auch, dass mit Begriffen wie: „natürlich“, „sanft“, „alternativ“ viel Schindluder getrieben wird und die „Schulmedizin“ zum negativen Kampfbegriff mutiert.

Dierbach stellt jedoch auch klar, dass der Erfolg der Szene mannigfaltige Ursachen hat und dass die vielen verschiedenen Wegbereiter, die die Branche unreflektiert thematisieren, zu kritisieren sind. Medien, Volkshochschulen und Universitäten, wissenschaftliche und öffentliche Bibliotheken und zu guter Letzt examinierte Fachtherapeuten und Ärzte dienen als Wegbereiter der Scharlatanerie, ob nun aus Unkenntnis oder Schlamperei oder reinem Profitdenken heraus, jede unkritische Widmung verleiht Pseudo-Therapien völlig unverdiente Seriosität. Die Vortäuschung hat Methode und seit Erscheinen des Buches kann man beobachten, dass diese Tendenz mehr und mehr wächst.

Das letzte Kapitel des Buches widmet sich dann noch ganz praktischen Ratschlägen. Neben der Auflistung und Erläuterung der seriösen Psychotherapien, die von den Krankenkassen anerkannt werden, findet man Richtlinien und Kriterien, welche man an die verschiedenen Behandlungsangebote anlegen sollte. Dierbach gibt auch einige Tipps, die dem Leser helfen sollen, die für ihn passende Therapie oder den zu ihm passenden Therapeuten zu finden.

Fazit: Ich kann jeden Satz, den Frau Dierbach zu den einzelnen Pseudo-Methoden schreibt, und auch ihre Analyse zur Branche voll und ganz aus eigener Erfahrung unterstreichen. Es bleibt ihr Verdienst, diese Methoden dort anzusiedeln, wohin sie in Wahrheit gehören und was die Anbieter oft zu verschleiern versuchen: zur hard-core Esoterik. Die weit verbreitete Überzeugung, die Unterscheidung, hier der seriöse Heilpraktiker, dort der wundergläubige Heiler/Guru oder Gesundbeter trägt also nicht. Die gewichtigsten Vorwürfe, die die Autorin der Szene macht, sind die mangelnde Ausbildung und Kompetenz der Anbieter, das gefährliche Dilettieren mit der menschlichen Gesundheit und Psyche, die verbreitete Beutelschneiderei, die vielfachen Gesetzesverstöße und die unhaltbaren Grundlagen der gesamten Behandlung. Gewichtig außerdem: die unkritische Darstellung oder Anpassung an die Szene durch seriöse Institutionen, Bildungseinrichtungen oder Berufsstände in der Gesellschaft, die viel dazu beitragen, dem Irrsinn einen kompetenten Anstrich zu verleihen.

5 Gedanken zu “„Die SEELEN-Pfuscher“ von Heike Dierbach

  1. gefährlicher Scharlatanerie und besonders gefährlicher Scharlatanerie

    Alles andere hätte mich auch verwundert, da allein der Aspekt ‚Glauben vor Wissen‘ das Leben in der Realität beträchtlich behindert, in keiner Weise zur letztendlichen Gesundung beiträgt und imho somit als ‚gefährlich‘ einzustufen ist.

    „Schulmedizin“ zum negativen Kampfbegriff mutiert

    *ähem* das geht doch gar nicht. Weil es schon einer ist.

    praktische Ratschläge

    ok, das reicht, ich geh dann mal bestellen 😉

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    • @Rolak

      „Schulmedizin“ zum negativen Kampfbegriff mutiert
      *ähem* das geht doch gar nicht. Weil es schon einer ist

      Wissen wir ja, aber Frau Dierbach verwendet den Begriff „Schulmedizin“ in ihrem Buch im Positiven. Dem Inhalt ihres Textes verschafft es aber keinen Abbruch und in der Rezension bin ich der Begriffsübernahme sowieso nicht gefolgt.

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  2. Hallo Elke,

    hier gerne noch ein kleiner Abriss aus Justizias Fundus dazu – Esoterik und Pseudotherapien sind keineswegs ein rechtsfreier Raum >> http://www.statt-schamanen.de/index.php?option=com_content&view=category&layout=blog&id=36&Itemid=56
    Bei einigen behandelten Fällen schnürt sich einem mitunter der Hals zu – Urteile die hinter die bunte Fassade heilsversprechender Puplikationen und Webseiten greifen und die häßliche Fratze der Angebote hervorzerren. Leider haben Opfer dieser Pseudotherapien nicht immer die Kraft derartige Übergriffe zur Anzeige zu bringen.
    „… Nur selten lässt sich der zu beurteilende Sachverhalt leicht feststellen.
    Oft genug ist es der schwierigere Teil der Sache, diesen Sachverhalt einigermassen konkret zu ermitteln. Wer zur Rechtsberatung gehen will, sollte den Sachverhalt vorher zusammentragen und möglichst tabellarisch aufschreiben: Wer, was, wann, wo, wie lange?… „

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  3. Hey
    dieses Buch ist wirklich toll! Es hat mir sehr geholfen, über die BEziehung mit meinem Ex hinwegzukommen, der selbst zweimal den Hoffman Prozess gemacht hat. Die Beziehung war äußerst ungesund, geprägt von Esoterik und seinen Versuchen, mich davon zu überzeugen, das Zeug ebenfalls zu machen.
    Mittlerweile kenne ich mich sehr gut aus, was Esoterik betrifft, ich habe ein Jahr damit verbracht zu verstehen, was Menschen dorthin treibt und naja… es ist immer wieder von neuem erstaunlich und erschreckend..
    Nja… diese Webseite ist übrigens auch sehr toll!
    Gefällt mir sehr gut! Alles Liebe

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