Immer mehr Esoterik-Geschädigte


Sekten-Info-Büro in Essen verzeichnet sprunghaften Zuwachs an Ratsuchenden

Essen. Um 25 Prozent stieg der Beratungsbedarf im Essener Sekten-Info-Büro im vergangenen Jahr an. Besonders auffällig sei hierbei die Zunahme der Opfer von Geistheilern, Wahrsagern, Kartenlegern und Gurus. Diese nutzen vor allem Notlagen gezielt aus.

Das Essener Sekten-Info-Büro verzeichnete im vergangenen Jahr einen mit 25 Prozent sprunghaften Anstieg der Ratsuchenden. Während Beratungen zur Organisation Scientology wie bereits in den Vorjahren das „Ranking“ anführen, zeigt die Statistik, dass besonders esoterische Gruppierungen auf dem Vormarsch sind. Dabei ähneln sich die Fälle der Esoterik-Opfer, denn meist sind es Verzweiflung und Einsamkeit, die Menschen nach Geistheilern, Kartenlegern, Gurus suchen lassen auf der Suche nach Halt und spiritueller Sinngebung.

Notlagen gezielt ausgenutzt

Konkrete Fälle führt die Sekten-Info-Beraterin Sabine Riede an: Der Enkel hat einen Hirntumor. Die Ärzte geben ihn auf. Das lässt die Familie verzweifeln, lässt zu, dass Angehörige sich an irrige Versprechen als Ausweg klammern. So gerät die Großmutter an eine Geistheilerin. Deren Wohnsitz ist Mallorca, das Medium ein Computer, die guten, die heilenden Wünsche, sie kommen als Schwingungen durch die Luft geflogen – allerdings nicht gratis. 15.000 Euro wird die alte Frau gezahlt haben, ehe ihr klar ist: Leerer Schwindel, der wirkungslos verpufft.

Die Methoden der Esoterik-Branche zielten auf labile Lebenssituationen ab. Frauen, die mit dem Spagat von Familie und Beruf überfordert seien, vereinsamte Menschen, die Orientierung suchten.„Esoterik-Gurus greifen diesen Trend auf, bieten Kuschelgruppen an, in denen sie vordergründig Sehnsüchte der Menschen aufgreifen. Betroffene driften in eine Traumwelt ab.“ Anhänger würden zu Engelwesen stilisiert, Probleme lösen sich in Schwingungen auf durch Bannsprüche, Flüche, Beschwörungen. „Viele Betroffene zeigen dadurch regressive, abhängige Verhaltensweisen“ – und wachen mit einem Berg Schulden auf.

Der Rentner, der mit gezielten Ködermethoden über Stunden an Wahrsage-Hotlines verweilt und dem am Ende des Monats eine Telefonrechnung mit vierstelliger Summe in den Briefkasten flattert, die Frau, die auf der Straße einem simplen Taschenspieler-Trick auf den Leim geht, der Wahrsagerin daraufhin „magische Kräfte“ bescheinigt – und sich deren Bannflüche 10 000 Euro kosten lässt.

Juristische Beratung gewinnt in der Sektenberatung an Bedeutung


Allein in 85 Fällen wurde im vergangenen Jahr zusätzlich zu den Essener Beratungsmitarbeitern eine Juristin tätig. „Oft ist klar, dass es sich schlicht um Betrug handelt“, sagt die Anwältin Anja Gollan. Verspreche jemand, mit einem Liebeszauber eine Beziehung zu kitten, sei selbstverständlich das Geld zurückzufordern. Doch nicht in allen Fällen gelingt das. Die Frau, die der „Taschenspielerin“ in der Essener Fußgängerzone ins Netz ging, stellte nach Erstattung ihrer Anzeige fest, dass man ihr einen falschen Namen und eine nicht registrierte Prepaid-Handy-Nummer gegeben hatte. Auch im Fall der in Spanien residierenden Geistheilerin war der juristische Aufwand zur Rückerstattung der 15 000 Euro hoch.

Und mit dem finanziellen Schaden allein ist es nicht getan. „Je absurder die Geschichten sind, je höher die gezahlten Geldbeträge, umso mehr schämen sich die Opfer, dass sie Gurus und Heilern auf den Leim gegangen sind.“ Entsprechend groß sei die Sorge, bei der Polizei ausgelacht zu werden, wenn man Anzeige erstatte. Gedroht wird zudem häufig, intime Details aus dem Familienleben, die von Gurus und Heilern in ersten Gesprächen abgefragt werden, über das Internet publik zu machen. Klare Organisationsstrukturen wie bei großen Sekten seien im Esoterik-Bereich nicht auszumachen. Zunehmend größer und unübersichtlicher werde auch hier in der Stadt die Szene der „Meister“.

Scientologen werben

Ausgefeilter würden zudem die Methoden der Organisation Scientology, die gerade unter jungen Erwachsenen versuche, neue Mitglieder zu werben, wie Sabine Riede berichtet. „Im vergangenen Jahr hat man ganz gezielt Videos und Broschüren, die zunächst einmal harmlos wirken, an Schulen und Bibliotheken verschickt mit der Bitte, sie dort auszulegen.“ An kleinere Betriebe sei man herangetreten mit dem Vorschlag, sich dem Wirtschaftsverband der Scientologen anzuschließen, um die wirtschaftliche Krise unter dem Dach der Organisation, die sich den Anschein einer religiösen Gemeinschaft gebe, besser überstehen zu können – gegen Gebühr. Und auch in der Essener Fußgängerzone werde verstärkt für Scientology geworben. Ein weiterer Trend sei die verstärkte Internet-Präsenz: „Häufig merkt man erst gar nicht, dass es sich um eine Webseite der Organisation handelt“, so Riede.

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