Religion und weltliche Moral


Der Grundkonflikt zwischen Religion und weltlicher Moral

Die moralische Autorität der Religion wird in unserem Kulturkreis mit dem Argument untermauert, die moralischen Werte unserer Gesellschaft seien ja christliche Werte und unsere Moral somit ein Ergebnis und Verdienst des Christentums. Ähnliche Argumentationsgänge finden sich auch bei anderen Religionen. Es wird hier allerdings für unseren Kulturkreis übersehen, daß unsere Werte die der Aufklärung sind, welche großteils gegen den Widerstand der Religion durchgesetzt wurde. Allgemein mißachtet man zudem die Tatsache, daß die Religionen nicht in ein moralisches Vakuum vorgestoßen sind. Moralische Grundregeln leiteten sich aus der Notwendigkeit für ein friedliches Zusammenleben ab und haben durch die Religion lediglich eine Veränderung erfahren. Da aber die Religion ihre Moral nicht allein auf weltlichen Grundsätzen aufbaut, kann es nicht überraschen, wenn sie mit der weltlichen Moral zumindest teilweise in Widerspruch stehen. Die Übergriffe der Religionen sind sattsam bekannt, werden aber meist als Verfehlungen Einzelner dargestellt. Es gibt jedoch gute Gründe anzunehmen, daß die Probleme systemimmanent sind.

Eine Religion verkörpert ihrem Selbstverständnis und dem Verständnis ihrer Anhänger zufolge das absolute Gute. Daß man dem, was man als das Gute in seiner höchsten Form anerkennt, nachzufolgen und es soweit möglich zu verwirklichen hat, ist ein moralischer Imperativ, der in dieser Form wohl schwer bestreitbar ist. Das Problem ist nun, daß das absolute Gute der Religion die Gebote eben jener Religion zwingend an erste Stelle setzt – vor den Prinzipien, die einem allgemeinen Grundkonsens nach bedingungslos sind (z.B. Recht auf Leben, Freiheiten), nun aber bedingt gemacht werden. Auf den Punkt gebracht: Gottesrecht bricht Menschenrecht. Wenn es sich auf irgendeine Art und Weise entpuppt, daß Gott Verstöße gegen das Menschenrecht wünscht, muß dem Folge geleistet werden.
Nun ist diese Information nicht auf empirisch nachprüfbarem Weg erhältlich. Entweder man akzeptiert sie oder man akzeptiert sie nicht. Man muß glauben. Das heißt aber, daß die Information nicht abgesichert zu sein braucht, da sie ja gar nicht abgesichert werden kann. Der Erhalt des Menschenrechtes wird der Willkür ausgeliefert, ob man den Befehl glaubt oder nicht. Glaubt man ihn – es geht ja nicht anders als über den Glauben – wird das Gottesrecht, das sich in diesem Befehl manifestiert, durchgesetzt und alles ist erlaubt.
Fazit: Der Zweck heiligt die Mittel – und zwar alle Mittel.
Religion folgt einem abstrakten Leitbild, das über dem Menschen zu stehen hat und ihn daher entmenschlichen kann, genau wie z.B. Faschismus und Kommunismus das auch tun. Der Mißbrauch des eigentlich propagierten Guten ist keine drohende Gefahr, sondern eine Zwangsläufigkeit. Ein zusätzliches Problem ist in dieser Hinsicht das Scheitern eines jeglichen Theodizee-Versuches.

Eine Religion ist ihrem Selbstverständnis nach im Besitz der absoluten Wahrheit. Diese darf entsprechend nicht angezweifelt, sondern muß geglaubt werden – zumal sie ja das absolut Gute enthält. Ergo ist das Anzweifeln der Religion an sich bereits böse (es wirkt dem Guten entgegen) und muß bekämpft werden. Kritisches Denken ist unzulässig und muß dementsprechend unterbunden werden – vor allem, da die Religion auf Glauben basiert, also auf einem Modell, das man nicht auf Basis einer Wahrscheinlichkeits-kalkulation als wahr annimmt. Das kritische, skeptische Denken ist daher für die Religion äußerst gefährlich, weswegen es ja auch bekämpft wird. Dieses Denken wird aber normalerweise für etwas genutzt, das man als Erkenntnis der Wirklichkeit bezeichnen könnte – die wird also eingeschränkt bzw. als bedrohlich angesehen. Gotteswahrheit steht über Menschenwahrheit – Glauben steht letzten Endes über Wissen. Entweder darf das Wissen nur eingeschränkt angenommen werden und muß sich der Religion unterordnen, oder es muß unterdrückt werden, und mit ihm selbständiges, kritisches Denken. Da ersteres nie umfassend durchgesetzt werden kann, bleibt nur die zweite Alternative. Wahrheit wird sekundär und ist ebenfalls der Willkür ausgeliefert, genau wie die Moral (s.o.). Dementsprechend wird auch die moralische Selbstbestimmtheit des Menschen, also das Recht, die eigenen moralischen Grundsätze zu definieren, verneint. Das Gewissen des Einzelnen hat nicht autonom zu sein, sondern von der Religion bestimmt. Das heißt Hierarchie statt Demokratie und Gehorsam statt Verantwortung. Verstärkt wird dies durch die an sich schon hierarchische Ideologie, derzufolge die Götter oder oft ein Gott zur unabänderlichen Herrschafts-instanz gemacht werden. Aus der Geschichte ist bekannt, daß solche autokratischen Strukturen zwangsläufig Unterdrückung, Machtmißbrauch und oft Kriege hervorrufen, dies alles Erscheinungen, die sich nicht nur im Dritten Reich oder im Kommunismus beobachten ließen, sondern die auch aus der Geschichte einer jeden ausreichend mächtigen Religion bekannt sind.
Die fromme Intoleranz ist bei polytheistischen Religionen natürlich schwächer ausgeprägt, im alten Rom z.B. wurden nahezu alle Götter und Religionen geduldet – sie mußten nur selbst Toleranz üben und durften die Staatsgewalt nicht destabilisieren. Monotheistische Religionen müssen ihrer eigenen Moral zufolge prinzipiell intolerant sein, soweit es ihnen ohne eigene Nachteile möglich ist. Zumindest monotheistische Religion und Liberalismus sind einander also entgegengesetzt.

weiter

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s