Kirche – Diakonie – außen hui, innen pfui


Es gibt Dinge in unserem Staat, die sind so unfassbar, dass man es einfach gar nicht glauben mag. Wenn folgende Artikel nicht dazu führen, dass sich auch noch der Allerletzte für eine konsequente Trennung von Kirche und Staat einsetzt, dann ist endgültig Hopfen und Malz verloren!:

Undercover in Alten Eichen

Die ARD-Panorama-Sendung über die Geschäftspraktiken eines Unternehmensverbundes, der an der „Diakonie-Klinikum-Ham- burg GmbH“ beteiligt ist.

„Undercover im Luxus-Altenheim: außen hui, innen pfui“ war der Titel einer Sendung des ARD-Politmagazins „Panorama“ am 2. September 2010 um 21:45 Uhr. Ort der Handlung war eines der Altenheime des Firmenverbundes „Diakonie Alten Eichen“. Damit ist erstmals ein am „Diakonie-Klinikum Hamburg“ beteiligtes Unternehmen negativ in die Schlagzeilen geraten.


Die Holding „Diakonie Alten Eichen“ – unter diesem nicht sehr infor- mativen Namen firmieren (siehe oben) rund 15 gewöhnliche Kapitalgesellschaften steuergünstig unter dem Dach einer „gemeinnützigen Stiftung“ – ist normalerweise vor öffentlicher Kritik sicher. Denn Torsten Schweda, der unanfechtbare Herrscher von Alten Eichen – er ist dort Geschäftsführer, administrativer Leiter und „spiritueller“ Obervorbeter in Personalunion – ist zugleich auch Vorsitzender des Aufsichtsrats des mächtigen und politisch gut vernetzten Unternehmerdachverbandes „Diakonisches Werk Hamburg.“ Da muss man sich keine Sorgen machen, dass das staatstragende „Hamburger Abendblatt“ auf die verrückte Idee kommen würde, investigativ im Machtbereich „der Diakonie“ zu recherchieren.
Und der Rest der Hamburger Medienwelt besteht ohnehin vor allem aus Anzeigenblättern, die alles wegdrucken, was die PR-Abteilungen „der Diakonie“ unter die Leute bringen wollen. Vor diesem Hintergrund ist es schon eine mittlere Sensation, dass jetzt das ARD-Magazin „Panorama“ die Firma, die sich „Diakonie Alten Eichen“ (DAE) nennt, ins Visier nahm.

Es war durchaus ein Zufall, dass der Reporter Breitscheidel, als er über Pflegheime recherchieren wollte, in einer Zweigniederlassung der DAE landete. Aber so ein richtiger Zufall war es dann doch wieder nicht, denn der Journalist wurde von einer Leiharbeitsfirma geschickt, die regelmäßig an DEA-Betriebe vermittelt. Es dürfte sich dabei um die (oben auf dieser Seite bereits erwähnte) „DAH Dienstleistungs-GmbH für Altenhilfe in Hamburg“ gehandelt haben (Geschäftsführer: Torsten Schweda), eine Gemeinschaftsgründung von Alten Eichen mit einergroßen Reinigungsfirma aus Hannover (1500 Beschäftigte), die auf den „Gesundheits- und Sozialmarkt“ spezialisiert ist und sich inzwischen auf weiteren Geschäftsfeldern tummelt: Gebäudemanagement, Catering, Leiharbeit und Unternehmensberatung.

Breitscheidel wurde zur Auguste-Viktoria-Stiftung [*] in Hamburg-Ottensen geschickt, ein zum AE-Geschäftszweig „Altenhilfe- einrichtungen“ gehörendes Pflegeheim, das als Luxus-Altenheim gilt, weil man dort laut Preisliste vom 1. Juli 2010 für einen Platz zwischen 2570 und 4080 Euro zahlen muss. Das Heim, ein „Millionen-Objekt“ (Abendblatt 28.6.1994) mit 78 Zimmern und einem von uns auf mindestens 3,5 Millionen Euro geschätzten Jahresumsatz, firmiert als „gemeinnützige Stiftung des privaten Rechts“. Stiftungsvorsitzender und zugleich Geschäftsführer ist selbstverständlich wieder der „diakonische“ Multi-Manager-Pastor Torsten Schweda.

[*] Die Stiftung (oder auch „Pfründe„) ist nach der „evangelischen Kaiserin“ und Königin von Preußen, Viktoria, (1858-1921) benannt, die wegen ihrer sieben Kinder und ihrer Förderung des „Evangelisch-Kirchlichen Hilfsvereins zur Bekämpfung des religiös-sittlichen Notstands“ im klerikalen Milieu bis heute als Idealbild einer erweckungsbewegten Mutter gilt. Auguste-Viktoria ihrerseits verehrte den bekannten antisemitischen Hofprediger Adolf Stoecker.

Diese Auguste-Viktoria-Stiftung, die sogar eine Hauswirtschaftsleiterin auf 400-€-Basis beschäftigt, unterhält einen Kooperationsvertrag mit dem 2005 gegründeten Entlassungsmanagement-Verbund „Pflegepart- ner Diakonie GbR“ zwecks Kundenvermittlung. Außerdem gibt es diverse Firmen, die im Zusammenhang mit der Auguste-Viktoria-Stiftung auftauchen, etwa die Detmolder Firma Exclusiv Catering GmbH, die ihren Hamburger Geschäftssitz direkt im Viktoria-Heim hat (Elbchaussee 88).

Die Firma, die ihre Bilanzsumme zuletzt für 2006 ausgewiesen hat (518.000 Euro), sucht regelmäßig „Küchenhilfen in Teilzeit“ für die Küche der Viktoria-Stiftung. Zuletzt am 25. August 2010 suchte die Exclusiv Catering GmbH zwecks „Vorbereitung der Speisen für die Heimbewohner, Abwasch und Reinigung der Küche“ eine Teilzeitkraft für die Viktoria-Stiftung. Außer „Teamfähigkeit“ gab es keine Einstellungsvoraussetzungen: In diesen Bereichen ist den „diakonischen“ Firmen, die sonst in allen Stellenausschreibungen eine Kirchenmitgliedschaft fordern, der „günstige“ Lohn“ wichtiger.
Ob es zwischen der „Exclusiv Catering GmbH“ und der „Alten Eichen Exclusiv Catering GmbH“ (AEEC) eine Querverbindung gibt, ist vorerst unklar, weil es von der AEEC-GmbH noch keinen Geschäftsbericht gibt.

Der Journalist Markus Breitscheidel fand als Pflegekraft in dem AE- Altenheim „mitunter unhaltbare Zustände“ vor, die er in der ARD-Sendung ausführlich schildert. Und nicht nur das: Das TV-Team stattete auch der AE-Zentrale in Stellingen einen Besuch ab. Durch diese Fernsehbilder, die an diesem Abend von 11,8 Millionen Zuschauern gesehen wurden, wurde wohl erstmals allgemein bekannt, dass es sich bei der am „Diakonieklinikum“ der Agaplesion AG beteiligten „Diakonie Alten Eichen“ um einen verzweigten Unter- nehmensverbund mit Standorten in vielen Stadtteilen und einer eigenen Leiharbeitsfirma handelt. Breitscheidels Enthüllungen lassen zudem erahnen, dass hinter den angeblichen „Einzelfällen“ (so hieß es später in einer AE-Presseerklärung) System steckt.

Die für das Königreich Schweda so ungewohnt schlechten Nachrichten begannen schon am Morgen des 2. September, als die ARD-Sendung „EinsExtra“ zwecks Ankündigung der Panorama-Sendung einStudiogespräch mit dem Journalisten Breitscheidel sendete, über das wiederum NDR-Info unter dem Titel „Hamburger Altenheim in der Kritik“ berichtete:

Zustände in Hamburger Altenheimen: „Da finde ich keine Worte mehr“
02.09.2010 | EinsExtra 11:00 Uhr.http://www.tagesschau.de/inland/pflege134.html

Der Journalist Markus Breitscheidel ließ sich als Pflegekraft in einem Hamburger Altenheim anstellen. Dort fand er mitunter unhaltbare Zustände vor – obwohl das Heim die Gesamtnote 2,1 bekommen hat.

Die Auguste-Viktoria-Stiftung [ist] ein Altenheim der Diakonie, in das eine Leiharbeitsfirma Markus Breitscheidel als Pflegehilfskraft ver- mittelt hat. Überlastete Pfleger und manch verwahrloste Zimmer hat er gesehen: „Überall liegen gebrauchte Pflegeutensilien in den Zimmern herum. Du siehst dreckige Handtücher, beschmutzte Matra- tzen, beschmutzte Bewohnerwäsche, die in der Ecke liegt, gebrauchte Inkontinenzmittel, die mit Kot und mit Urin voll sind, vergessen in den Mülleimern.“ Als neuer Pfleger sei er den Bewohnern noch nicht einmal vorgestellt worden: „Als fremder Mensch komme ich in ein Zimmer rein zu einer Bewohnerin und sie kennt mich nicht und ich soll sie dann auf die Toilette bringen und den Intimbereich saubermachen.“

Für die umfassende Pflege und Betreuung der häufig dementen Bewohner fehle den Pflegern die Zeit. Zum Beispiel, um ihnen genug zu trinken zu geben: „Ich habe dieser Bewohnerin, obwohl sie Schluckbeschwerden hat, nur mal den Becher angesetzt und sie hat daran gesaugt und hat innerhalb von wenigen Minuten den kom- pletten Becher nahezu ausgesaugt. Und der ganze Mund war ausgetrocknet, die Zunge war schon belegt.“ Und obwohl es gesetzlich verboten ist, habe er als Pflegehilfskraft einer Bewohnerin auch noch eine Tablette geben sollen. Der ehemalige Leiter einer Altenpflege-Einrichtung kritisiert den vor einem Jahr eingeführten Pflege-TÜV, mit dem Heime geprüft werden: Schlechte Noten – etwa für die Betreuung von Demenzkranken – können durch gute wie bei- spielsweise einen schönen Garten ausgeglichen werden. Die Auguste-Viktoria-Stiftung [*] hat die Gesamt-Note 2,1 bekommen.

Dass es sich bei der Auguste-Viktoria-Stiftung um ein AE-Unter- nehmen handelt, wurde in dieser Vorab-Sendung nicht erwähnt. Für die meisten Redakteure ist „die Diakonie“ immer noch eine Art ehrenamtliche Helfertruppe, „irgendwas mit Kirche“ jedenfalls. Die EinsExtra-Redaktion ahnte aber wohl auch nicht, dass der hinsichtlich der Eigentumsverhältnisse nicht gerade präzise Satz: „Die Auguste-Viktoria-Stiftung ist ein Altenheim der Diakonie“, in diesem Fall dem Sachverhalt trotzdem sehr nahe kommt, denn Schweda, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Viktoria-Stiftung, ist zugleichVorsitzender des Aufsichtsrats des DW-Hamburg!

An der Redewendung „die Diakonie“ sind die dem Dachverband DW angeschlossenen Firmen und der Dachverband selbst normalerweise sehr interessiert, weil dadurch niemand nach den genauen Besitzverhältnissen und Kapitalströmen fragt. Nur in seltenen Fällen, zum Beispiel als Anfang August bei Anne Will „die Diakonie“ mit KiKverglichen wurde, beeilt man sich, auf die rechtliche und ökonomischeUnabhängigkeit der beteiligten Konzerne zu verweisen und sich – um die anderen Firmen aus der Schußlinie zu nehmen – von „schwarzen Schafen“ abzugrenzen. In der Anne Will-Sendung bestand der anwesende Ex-DW-Chef Nikolaus Schneider darauf, dass das DWkeinerlei Einfluss auf seine Mitgliedsunternehmen habe.

In Hamburg aber ist alles ganz anders. Hier veröffentlicht der Unternehmerdachverband, dem eben Torsten Schweda vorsitzt, umgehend eine Presseerklärung zur Verteidigung der Viktoria-Stiftung(„Diakonie weist Vorwürfe über angeblich unhaltbare Zustände im Pflegeheim zurück“), deren Tenor weitgehend identisch ist mit der Presseerklärung „Haltlose Vorwürfe gegen die Auguste-Viktoria-Stiftung“, [*] die wenige Stunden zuvor vom Viktoria-Vorstands- vorsitzenden Schweda auf einer (nur von Taz, Morgenpost und NDR besuchten) Pressekonferenz verlesen wurde.

[* Alten Eichen versucht die Sache so darzustellen, als hätte der ARD-Reporter, der sich mit „mit gefälschten Papieren“ einen Einblick verschaffte, die Szenen, die er filmte, vorher selbst drapiert. Nach dem Motto: Er sollte ja den Dreck wegmachen, statt ihn zu filmen und er sollte den vertrockneten Patienten doch Wasser geben, statt ihren Zustand zu dokumentieren. Er hat übrigens beides getan. Außerdem sei es ganz normal, dass eine Arbeitskraft 15 Patienten betreut, weshalb von Personalmangel keine Rede sein könne. Abgesehen von diesen Frechheiten, versucht man alles als „Einzelfälle“ abzutun: „Es handelt sich, wenn überhaupt, um einen Einzelfall und nicht um ein systematisches Fehlverhalten des Heimes“].

Diese Abwehrstrategie entspricht vollkommen den lokalen Machtverhältnissen, denn die „Diakonie Alten Eichen“ bildet zusammen mit dem „Diakonieklinikum“ des Agaplesion/Bethanien-Netzwerkes eine mächtige Gruppe im mächtigen Hamburger DW. In der Lokalpresse wäre deshalb eine mit der Panorama-Sendung vergleichbare Enthüllungabsolut unmöglich. Als die mit Schweda und der DKH GmbH gut vernetzte DW-Funktionärin Jepsen noch Bischöfin war, hätte sie persönlich den Kopf jedes verantwortlichen Redakteurs gefordert, der so etwas gewagt hätte. „Pflege-Siegel für Viktoria-Stiftung“, „Oase mit Tradition“ – so lauten dann auch alle lokalen Meldungen über die Alten-Eichen-Firma „Viktoria-Stiftung“.

„Panorama über das miese Geschäft mit der Pflege“ – mit dieser Ankündigung hat es das Polit-Magazin immerhin gewagt, die Tätigkeit der „diakonischen“ Pflegefirmen als das zu bezeichnen, was sie ist: ein Geschäft, bei dem für den hohen Lebensstandard und die Macht einer stetig wachsenden „diakonische“ Führungsschicht nur dann genug heraus springt, wenn vor allem die Lohnkosten gedrückt werden. Dass das auch für die „Zielgruppen“ dieser Unternehmen – Kranke und Alte – nicht gut ist, versteht sich. Letztlich muss es daher darum gehen, den „diakonischen“ Firmen den Zugriff auf den Gesundheitsektor unmöglich zu machen und diesen Bereich unter kommunal-öffentliche Kontrolle zu stellen.

Die Mini-Jobs des Firmenverbundes „Diakonie Alten Eichen“


13. September 2010: Warnstreik in den drei Krankenhäusern der Agaplesion AG-Filiale „Diakonie-Klinikum-Hamburg gGmbH“. Der Unternehmensverbund Alten Eichen (rechts) ist daran mit 20 Prozent beteiligt. Laut ver.di verdient eine OP-Schwester dort jährlich 4100 Euro weniger als bei Asklepios. Zahlreiche AE-Beschäftigte sind zudem Teilzeitkräfte und Minijobber. Um die Auswirkungen solcher Arbeitsbedingungen auf die Pflege ging es auch in der Panorama-Sendung, allerdings ohne Details über Bezahlung und Arbeitszeiten.

Mini-Jobs, auch 400-Euro-Jobs genannt, sind eine geringfügige Be- schäftigung. Eine geringfügige Beschäftigung ist im Vergleich zu einem Normalarbeitsverhältnis ein Arbeitsverhältnis mit einem nied- rigen Lohn und meistens kurzer Dauer. Hier gelten andere Regeln als für Normalarbeitsverhältnisse. 2009 gab es in Deutschland etwa 5 Millionen ausschließlich geringfügig Beschäftigte. Die pauschalen Beiträge der Arbeitgeber an die Krankenversicherung begründen für den geringfügig Beschäftigten kein Versicherungsverhältnis. Aus der geringfügigen Beschäftigung folgt keine Versicherung in der Gesetzlichen Rentenversicherung. In Stellenanzeigen für Mini-Jobs wird oft mit dem Hinweis „Teilzeit bis 35 Std. oder 400 € -Basis“ der Eindruck erweckt, es gäbe auch die Alternative einer sozial- versicherungspflichtigen Tätigkeit. Bei der Vorstellung stellt sich dann meistens heraus, dass es nur 400 € Jobs gibt.

Alten Eichen-Stellenanzeigen

• 11.08.10: Gesundheits- und Krankenpfleger, Altenpfleger (m/w) zum nächstmöglichen Zeitpunkt, in Teilzeit (bis 35 Std. /Woche) oder auf 400-Euro-Basis. Wir wünschen uns engagierte Persönlichkeiten mit Berufserfahrung und Freude an der Tätigkeit, mit Führerschein Klasse B. (Diakoniestation Alten Eichen GmbH).

• 02.08.10: Gesundheits- und Krankenpfleger, exam. Altenpfleger (m/w). In Teilzeit (bis 35 Std. /Woche) oder auf 400-Euro-Basis. Kirchenzugehörigkeit ist erwünscht. (Diakoniestation Wellings- büttel/Bramfeld GmbH)

• 02.08.10: Gesundheits- und Krankenpfleger, exam. Altenpfleger (m/w). Zum nächstmöglichen Zeitpunkt, in Teilzeit oder auf 400-Euro-Basis. (Altersheim am Rabenhorst Wellingsbüttel GmbH)

• 01.08.10: Sozialpädagogische Assistentin (m/w). Wir erwarten: Identifikation mit unserem Konzept. Zugehörigkeit zu einer christlichen Kirche. (AE-Kindertagesstätte, Rechtsform nicht bekannt).

• 02.05.10: Zuverlässiger Fahrer (m/w) zum nächstmöglichen Termin auf 400-Euro-Basis. Wir erwarten: Erfahrung im Umgang mit pflegebedürftigen Senioren. (Tagespflege Ottensen GmbH)

• 02.05.10: Fahrdienstmitarbeiter/in. Zum nächstmöglichen Termin. als geringfügige Beschäftigung (400 € Basis ). Wir suchen engagierte, flexible Mitarbeiter. Der Einsatz erfolgt im Frühdienst, Nach- mittagsdienst und Teildienst. (Tagespflege Wellingsbüttel GmbH)

• 02.05.10: Hauswirtschaftsleitung/Wirtschafterin zum nächstmög- lichen Zeitpunkt auf 400 €-Basis für Leitungs- und Sonderaufgaben. (Auguste-Viktoria-Stiftung)

• Wir suchen für den Einsatz in den Altenhilfe-Einrichtungen auch Zivildienstleistende und junge Menschen, die ihr Freiwilliges Soziales Jahr bei uns absolvieren möchten.

Undercover in Alten Eichen: gesperrt

Ein Lehrstück über Macht & Einfluss von
Amtskirche & Diakonischem Werk


(20.09.2010) Links oben: Gesperrte Seite des NDR-Panorama-Teasers. Darunter: Gesperrte Panorama-Seite. Rechts oben: Gesperrte Tagesschau-Seite. Darunter: Gelöschte ARD-Mediathek-Seite. Unten: Gelöschter Podcast auf NDR-Media. Groß

„Ein Fehler ist aufgetreten. Die gesuchte Seite wurde leider nicht gefunden (Fehlernummer 404). Falls ein veralteter Link Sie hierher geführt haben sollte, bitten wir um Ihr Verständnis“http://www.tagesschau.de/inland/pflege

„Leider konnte die von Ihnen angeforderte Seite nicht aufgerufen werden. Möglicherweise ist sie umgezogen oder gelöscht worden. Eventuell ist Ihnen beim Eingeben der URL ein Tippfehler unterlaufen.“
http://www.ndr.de/regional/hamburg

Auf insgesamt sieben Websites haben ARD und NDR am 20. Septemberalle Informationen über das DAE-Altenheim „Auguste-Viktoria-Stiftung“gelöscht. Sogar die redaktionelle Zusammenfassung des vorab gesendeten „EinsExtra“- Studiogesprächs mit dem Journalisten Breitscheidel wurde entfernt. Die Begründung für diese Komplett- löschung aller Spuren, die zu einem kritischen Beitrag führten, ist eineZumutung: Man sei sozusagen in Vorleistung getreten, um den „Dialog“ mit dem klerikalen Unternehmen nicht zu gefährden. Zu diesem Zweck hat man den Dialog der Zuschauer gleich mit unterbunden und nach 149 Beiträgen auch den Panorama-Blog zu diesem Thema gesperrt.

Panorama tritt im Namen der Aufklärung auf, doch hier geht es umVerdunkelung. Eben noch war dieses Altenheim-Unternehmen ein Beispiel für das „miese Geschäft mit der Pflege“. Jetzt wird es alsPartner in einem Dialog dargestellt, aus dem sich das Publikum gefälligst heraus zu halten hat. Statt die Öffentlichkeit über die Hintergründe der Internet-Sperre zu informieren, einigt man sich hinter dem Rücken des Publikums mit den Betreibern und sperrt die überraschte Öffentlichkeit aus. Notwendig wäre eine solche Politik auch dann nicht, wenn sie, was anzunehmen ist, einen juristischen Hintergrund hat. Man könnte dann sagen: Wir können gerade nicht so wie wir wollen. Dass es so nicht gesagt wird, deutet darauf hin, dass der Konflikt noch eine politische Komponente hat.

(2)

Der erste investigative Journalist war der amerikanische SchriftstellerUpton Sinclair. In seiner 1905 unter dem Romantitel The Jungleerschienenen Sozialreportage geht es um die Ausbeutung der Arbeiter und die hygienischen Missstände in den Schlachthöfen und Konservenfabriken in den Union Stock Yards Chicagos. Zwecks Recherche hatte Sinclair sieben Wochen lang in einer der größten Fleischfabriken Chicagos, gearbeitet. Nach dem Erscheinen des Buches sank der Fleischkonserven-Absatz schlagartig, als man von den kriminellen und hygienischen Zuständen in den Schlachthöfen las. Einen seiner Anklagepunkte konnte Sinclair später nicht belegen, nämlich dass ein Arbeiter, der in einen Bottich gefallen war, einfach eingedost wurde. Trotzdem kann man das Buch jederzeit im Internet finden, zum Beispiel bei Google Books.

Bei Markus Breitscheidel, einem der wenigen deutschen investigativen Journalisten, wird die Geschichte nicht so gut ausgehen wie bei Upton Sinclair, denn Breitscheidel hat für Panorama in einem „diakonischen“ Unternehmen recherchiert – wohl ohne zu ahnen, dass er sich mit einem klerikalen Netzwerk anlegte, das mächtiger ist, als es die Union Stock Yards damals waren.

Jetzt ist seine Recherche – nur drei Wochen nach ihrer Ausstrahlung – komplett aus dem Internet verbannt worden. Alle Links zu seinem Thema führen ins Leere. Stattdessen gibt es im Netz zwei Stellungnahmen des von ihm kritisierten Unternehmensverbundes Alten Eichen (DAE). In einer davon wird Breitscheidel als Scharlatan dargestellt, der sich seine Beweise selbst organisiert hat. Die andere berichtet von einem Treffen der Unternehmensführung mit Breitscheidels Vorgesetzten und Auftraggebern. Zwischen denen und dem Unternehmensverbund gäbe es, so heißt es nun, einen „sachlichen und umfassenden Dialog“. Auf Breitscheidels Kosten.Worum es in diesem „Dialog“ geht, wird nicht gesagt und es wird, das steht offenbar schon fest, auch niemand erfahren. Aber was dabei herauskam, wurde bereits umgesetzt: die vollständige Eliminierung von Breitscheidels Recherche, eine Entscheidung, der sich der Autor freudig „angeschlossen“ habe.

(3)

Diese Geschichte ist ein Lehrstück über Macht und Einfluss des klerikalen Apparates inmitten einer säkularen Gesellschaft: Ein Autor, dessen Recherche nicht widerlegt ist – die Abschlussstatements von Panorama und Alten Eichen gehen darauf überhaupt nicht mehr ein – wird unter dem zynischen Titel „Dialog“ beruflich ruiniert, weil er jetzt als unseriös dasteht. Der Chefredakteur des TV-Magazins musste persönlich in Hamburg zum „Gespräch direkt im Pflegeheim“ antanzen. Und auch der mit unüberhörbarer Ironie als Herr „Undercover-Journalist“ bezeichnete Reporter, musste selbst zum Dialog antreten, bevor seine Sendungen aus der Welt geschafft wurden.

Was für eine Demütigung! Ein totaler Triumph für die einen, während die anderen im Wortsinn zu Kreuze kriechen. Das Gesetz des Handelns ist jetzt ganz auf der Seite des klerikalen Unternehmensverbundes. Erdiktiert die Bedingungen. Die Löschung der Undercover-Reportageersetzt ihre Widerlegung. Es geht nicht mehr darum, ob dieses oder jenes Detail umstritten ist, der gesamte Beitrag erscheint nun als unwahr; er ist vollständig entwirklicht.

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Niemand weiß momentan genau, wie der Unternehmensverbund das geschafft hat (wir recherchieren noch), aber es ist bereits klar, dass die Tatsachen keine Rolle mehr spielen sollen: „Eine redaktionelle Planung für weitere Berichte gibt es nicht“, verkünden erleichtert jene, die unter dem Titel des „Dialogs“ die Löschung herbeiführten, während ihre Darstellung weiterhin im Netz ist.

Einen Dialog dürften Stephan Wels, Leiter der NDR-Abteilung „Panorama“ (und stellvertretender Chefredakteur beim NDR-Fernsehen) und Ben Bolz, der für die Sendung verantwortliche Redakteur, vor allem mit ihrem Intendanten Lutz Marmor geführt haben. Das kommt zwar öfters vor, weil Panorama-Sendungen wiederholt Ziel von „Interventionen“ derjenigen waren, um die es in einer Sendung ging.
Aber nur in wenigen Fällen war der Druck von außen so erfolgreich wie jetzt beim Thema „Undercover im Luxus-Altenheim“. Der bekannteste Fall mit einer hinsichtlich der Kontrahenten vergleichbaren Konstellation, liegt immerhin 36 Jahre zurück:

1974 setzten die Amtskirchen durch, dass eine Panorama-Sendung über Abtreibungen nicht ausgestrahlt wurde. Als damals vorab der Trailer gesendet wurde, intervenierte sofort der Vorsitzende der Bischofskonferenz beim Intendanten und verlangt ultimativ die Absetzung des Beitrages. Zugleich erstattete er Strafanzeige. Auch die Kirchenkanzlei der EKD intervenierte über alle Kanäle. Daraufhin wandten sich mehrere von den Kirchen mobilisierte Landes- rundfunkanstalten an die ARD-Gremien und forderten ihrerseits die Absetzung der Sendung. Während einer Telefonkonferenz entschieden schließlich sieben von neun ARD-Intendanten, die Panorama-Sendung zu stoppen. Dem TV-Publikum wurde der Beschluss unmittelbar vor der geplanten Sendung in der Tagesschau mitgeteilt.

(5)

In solchen Fällen kommt der Druck nicht nur von außen: In der ARD und in den Landesrundfunkanstalten selbst stellen die Amtskirchen, denen per Gesetz kostenlose Sendungen in erheblichem Umfang zustehen, rund zehn Prozent der Rundfunkräte. Tatsächlich sind sie dort durch Besetzung anderer Proporz-Sitze noch weitaus stärker präsent. Vor allem an der Spitze. Vorsitzende des ARD- Programmbeirates ist Petra Zellhuber-Vogel. Sie wurde von katholischen und evangelischen Frauenverbänden in diese Position gehievt. Zellhuber-Vogel ist auch Mitglied in der Gremienvorsitzenden-Konferenz der ARD (GVK), wo sie u.a. neben Jörn Dulige sitzt, dem von der Evangelischen Kirche entsandten Vorsitzenden des HR-Rund- funkrats und neben Johannes Jenichen, dem ebenfalls von der Evangelischen Kirche eingesetzten Vorsitzenden des MDR-Rund- funkrats.

Torsten Schweda, der allgegenwärtige Chef des Unternehmens- verbundes Alten Eichen, sitzt in keinem Rundfunkbeirat. Aber als Vorsitzender des Aufsichtsrats des mächtigen Unternehmer- dachverbandes Diakonisches Werk Hamburg sitzt er nebenAnnegrethe Stoltenberg, die nicht nur Leiterin des Diakonischen Werkes Hamburg ist, sondern auch zwei einflussreiche Jobs beim NDR hat: Sie ist dort Mitglied im Rundfunkrat und im Programmausschuss. Der NDR-Rundfunkrat entsendet wiederum Vertreter in den Programmbeirat des Deutschen Fernsehens. Zum Beispiel Hans-Peter Strenge von der Nordelbischen Evangelisch-Lutherische Kirche.

(6)

Bei einem Enthüllungsmagazin wie Panorama ist es normal, dass nach einer Sendung Anwaltspost der erwähnten Firmen und Personen eingeht. Panorama hat ein Millionen-Publikum und deshalb einen ziemlich großen Etat, mit dem man eine ganze Rechtsabteilung finanzieren kann. Juristische Drohungen allein müssen dort niemand erschrecken. Auseinandersetzungen um andere Panorama-Sendungen zeigen, dass juristische „Gegendarstellungen“ meistens nur wirksam werden, wenn sie mit politischem Druck kombiniert werden.

„Ob gegen Panorama und Breitscheidel vorgegangen wird, ist noch nicht entschieden“, schrieb die Taz nach der Pressekonferenz desUnternehmensverbundes Alten Eichen am 3. September, auf der mehrfach Breitscheidels „gefälschte Papiere“ und die „rechtswidrigzustande gekommenen Bildaufnahmen“ erwähnt wurden. Die Forderung: „Solche Berichte sollten verboten werden“ tauchte am selben Tag auf dem Panorama-Blog auf, erhoben von einer anonymen „Fachkraft in der Pflege“, die ihre Forderung mit indirekten Zitaten aus der DAE-Gegendarstellung würzte. Nach zahlreichen ähnlich aggres- siven Forums-Beiträgen, in denen Breitscheidels Kritik an den Arbeitsbedingungen auf bösartige Weise als Kritik an den Beschäftigten interpretiert wurde, hatten bereits am 9. September andere Diskutanten den Eindruck, dem womöglich nicht ganz so „unabhängigen Politmagazin“ den Rücken stärken zu müssen. Einer schrieb: „Nochmals: Vielen Dank an Panorama und Herrn Breitscheidel, dass diese Veröffentlichungen trotz aller Bemühungen des Trägers, dieses zu verbieten, erfolgten.“

Tatsächlich geht aus der ersten DAE-Erklärung hervor, dass man schon im Vorfeld (am 24. August erhielten wir den ersten internen Hinweis) versucht hatte, in einen „intensiven Dialog mit der Redaktion“ zu treten, an dessen Ziel es keinen Zweifel geben kann: „Dennochhat Panorama einen Teil [!] der Vorwürfe aufrechterhalten und in der gestrigen Sendung zusammen mit rechtswidrig zustande gekommenen Bildaufnahmen von Bewohnern unseres Hauses ausgestrahlt.“

(7)

Panorama nahm Breitscheidels Beitrag mit der Begründung aus dem Netz, man wolle einen „mit der Leitung der Auguste-Viktoria-Stiftung“ geführten „sachlichen Dialog“ nicht „erschweren“. Solche Rücksichten muss die Gegenseite nicht nehmen. Den Satz: „Die Leitung der Auguste-Viktoria-Stiftung befindet sich mit der Panorama-Redaktion in einem sachlichen Dialog. Um diesen nicht zu erschweren, stellen wir unsere Gegendarstellungen offline“, gibt es nicht!

Das Verhalten der Panorama-Redaktion ist das Gegenteil von Aufklärung. Statt den Hintergrund ihrer Entscheidungen offenzulegen, dreht sie dem Publikum die Informationsbasis und die Diskussionsplattform ab. Begleitet wird das von einer windigen Erklärung, deren Wahrheitsgehalt alle, die am „Dialog“ mit der klerikalen Firma nicht interessiert sind, umgehend austesten könnten, indem sie den Film wieder ins Netz stellen. Wir wetten, dass eine Abmahnung seitens DAE die Folge wäre. Wenn dem so ist, hätte Panorama die Pflicht, diejenigen zu warnen, die eine Weiterverbreitung der Sendung wünschen.

Der Unternehmensverbund Alten Eichen spricht davon, er habe nun erreicht, dass der Beitrag per 20. September aus dem Internet entfernt wurde“, dass die „Dialog“ genannte Auseinandersetzung „aber fortgeführt werde“. Da Panorama jedoch „weitere Berichte“ laut DAEnicht plant, könnte es sich bei dem, was DAE am 20. September „erreicht“ hat, um eine „Einstweilige Verfügung“ handeln, sodass eine endgültige Entscheidung noch aussteht. In der Panorama-Formulierung, man habe Breitscheidels Recherche „offline gestellt“, schwingt womöglich ein „vorläufig“ mit. Was nur offline ist, ist nicht endgültig gelöscht. Undercover gefilmte Dokumentationen von professionellen Journalisten werden von den Gerichten meistens legitimiert, wenn bestimmte Sachverhalte auf anderem Weg nicht in Erfahrung zu bringen sind. Die knappe Erklärung von Panorama deutet andererseits nicht darauf hin, dass man vorhat, dieser „Intervention“ offensiv zu begegnen. Das bestärkt uns in der Vermutung, dass es hier auch einen politischen Hintergrund gibt. Wenn es in der Sendung um den Textil-Discounter KiK GmbH gegangen wäre, würde Panorama die nachfolgende Auseinandersetzung wohl kam als „Dialog“ verharmlosen.

(8)

Vor drei Wochen hatten wir auf dieser Seite (s. oben) geschrieben:„In der Hamburger Lokalpresse wäre eine mit der Panorama-Sendung vergleichbare Enthüllung absolut unmöglich. Als die mit Schweda und der DKH GmbH gut vernetzte DW-Funktionärin Jepsen noch Bischöfin war, hätte sie persönlich den Kopf jedes verantwortlichen Redakteurs gefordert, der so etwas gewagt hätte.“

Jetzt ist der Kopf ab. Wir dachten wirklich, der öffentliche Rundfunk sei für den langen Arm des „diakonischen“ Netzwerkes etwas schwerer zu erreichen als eine Lokalzeitung aus dem Hause Springer. Jetzt wissen wir es besser.

(Anhang)

Under Suspicion statt Undercover.

Die totale Kontrolle über Medieninhalte nennt man Zensur. Jeder dieser öffentlich-rechtlichen Links führt seit dem 20. September ins Nirvana, während die klerikale Gegenseite mit „Gegendarstellungen“ und einer eigenen Interpretation dieses Löschvorgangs zur Stelle ist.Verdächtig ist jetzt nicht mehr die klerikale Altenheimfirma, sondern der Panorama-Beitrag. Under Suspicion statt Undercover! Um die Dinge so auf den Kopf stellen zu können, braucht man Einfluss. Und der wird im öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch ausgeübt.

• Zitat Panorama

„Am 2. September berichtete Panorama über die Situation der Altenpflege in Deutschland. Gegenstand der Berichterstattung war auch die Auguste-Viktoria-Stiftung in Hamburg. Die Redaktion Panorama befindet sich mit der Leitung der Auguste-Viktoria-Stiftung in einem sachlichen Dialog über unsere Berichterstattung. Um diesen nicht zu erschweren, stellen wir den Beitrag offline. Aus diesem Grund beenden wir auch die Diskussion hier im Blog.“

• Zitat Unternehmensverbund AE

„21.09.10. Panorama reagiert auf Gegendarstellung. Am 2. September 2010 hatte das Magazin Panorama über angebliche Pflegemängel in der Auguste-Viktoria-Stiftung berichtet. Durch einen sachlichen und umfassenden Dialog zwischen der Leitung der Auguste-Viktoria-Stiftung und der Redaktion des Magazins Panorama wurde nun erreicht, dass der Beitrag per 20. September aus dem Internet entfernt wurde. Unser Anliegen war es von Anfang an, die Vorwürfe sorgfältig und sachlich zu prüfen und sie dann entsprechend zu beheben oder zu widerlegen. Vor diesem Hintergrund haben wir den Kontakt zu der Redaktion von Panorama auch nach der Ausstrahlung des Beitrages gehalten und sind zu einem sachlichen und intensiven Dialog gekommen. Auch unsere Einladung zu einem Gespräch direkt im Pflegeheim der Auguste-Viktoria-Stiftung wurde angenommen. Dazu kamen der Chefredakteur des Magazins, ein Redakteur sowie auch der„Undercover-Journalist“ Herr Markus Breitscheidel in unser Heim. Von unserer Seite nahmen die verantwortlichen Leitungskräfte an dem Gespräch teil. Im Ergebnis hat die Redaktion sich entschlossen, den Beitrag aus dem Internet zu entfernen. Eine redaktionelle Planung für weitere Berichte gibt es nicht. Der Dialog soll aber fortgeführt werden. Auch der Journalist Herr Breitscheidel hat sich diesem Vorgehen angeschlossen. Wir begrüßen diese Entwicklung sehr.“

Ganz normale Geschäfte

Wie funktioniert ein „diakonisches“ Altenheim-Unternehmen?

„Diakonische“ Firmen sind doppelt definiert: Als klerikale Heils- unternehmen gehören sie zur materiellen Machtbasis „spiritueller“ Organisationen. Meistens besteht die komplette Geschäftsführung aus Kadern dieser ideologischen Gruppen, die ihre Leute auf diese Weise finanzieren. Öffentlich treten Sie als säkulare Geschäftsführer und Arbeitgeber auf, was ihnen eine kommunal-politische Einflussnahme ermöglicht und sie in die Lage versetzt, Macht über zahlreiche Arbeitnehmer auszuüben. Auch die Geschäftstätigkeit selbst ist nach den üblichen betriebswirtschaftlichen Regeln organisiert. Meist als Kapitalgesellschaft verfasst, konkurriert man mit anderen Anbietern auf demselben Markt. Wenn man sich verkalkuliert, ist aber meistens der gesamte kirchliche Apparat zur Stelle, was den Zugang zu Krediten erleichtert. Meist hat die lokale Gemeinde ein Interesse daran, dass eine solche Firma weiter besteht, weil sie diese als Teil des klerikalen Gesamtangebots sieht, sozusagen als Kundenbringer: Ohne das Firmennetzwerk hätte man auch sonst weniger Einfluss- möglichkeiten.

Über die Internas solcher Unternehmen ist meistens wenig zu erfahren. Einen genaueren Einblick in das geschäftliche Kalkül erhält man jedoch im Fall einer drohenden Insolvenz, weil die Banken dann detailliertere Auskünfte verlangen, die später im Jahresabschluss auftauchen. Daher das folgende Beispiel eines „diakonischen“ Altenheims in der Nähe von Siegen.

Altenheim ELIM GmbH
Jahresabschluss und Lagebericht

Entwicklung der Branche

Die demographische Entwicklung führt grundsätzlich zu einer kontinuierlich steigenden Nachfrage nach Pflegedienstleistungen. In stationären Einrichtungen sind Bewohner heute aber betagter als früher, weil sie sich länger selbst versorgen können. Dadurch verkürzt sich die Verweildauer. Eine höhere Fluktuation durch mehr Sterbefälle verbunden mit der Notwendigkeit kurzfristiger Wiederbelegungenist die Folge.

Wirtschaftliche Entwicklung der Altenhilfe

Es gibt 72 Pflegeplätze [Einzelzimmer und Appartements bis 75 m² in einem sehr großen Gebäude]. Die Gesamtbelegung lag um 1.357 Pflegetage niedriger als im Vorjahr. Durch eine hohe Anzahl an Sterbefällen musste entsprechend nachbelegt werden. Obwohl mit den Kassen eine 1,6%ige Steigerung der Pflegesätze vereinbart werden konnte, sind die Umsätze aufgrund der Belegungsrückgänge gesunken. Die leicht gesunkene Mitarbeiterzahl [zum Kirchentarif] konnte durch Überstunden ausgeglichen werden.

Im Einzugsgebiet der Altenheim ELIM GmbH gibt es weitere Alten- und Pflegeeinrichtungen. In der Nähe hat die AWO ein Haus. Im nächsten Jahr wird ein neu erbautes Haus (Investorenmodell) ebenfalls in der Nähe betrieben werden. Weiterhin gibt es eine Pflegeeinrichtungen im Nachbarort. Auch im benachbarten Landkreis gibt es zahlreiche Einrichtungen. Der Leitung ist bewusst, dass eine guteÖffentlichkeitsarbeit durch enge Kontakte zu Krankenhäusern, Ärzten, Apotheken und ambulanten Diensten von großer Bedeutung für dieAuslastung der Einrichtung ist.

Lagedarstellung

Bei einer Bilanzsumme von 8.940.000 Euro und einem Rohergebnis von 2.350.000 Euro beträgt der Jahresfehlbetrag 1.844.000 Euro. Die fälligen Verbindlichkeiten aus dem operativen Geschäft konnten ausschließlich wegen der mit den Banken vereinbarten zeitlich befristeten Tilgungsaussetzung bezahlt werden. Der Kapitaldienstgegenüber den Banken kann aber nicht vollständig aus eigener Kraft aufgebracht werden. Im Dezember wurde ein Insolvenz- antragsverfahren eingeleitet. Der Insolvenzantrag wurde im Februar zurückgenommen, nachdem durch umfangreiche Verhandlungen mit den Gläubigern die Insolvenztatbestände der Zahlungsunfähigkeit beseitigt werden konnten. Im März wurde zwischen der Altenheim ELIM GmbH, dem Verein für Mission und Diakonie, der NRW Bank, der Wohnungsbauförderungsanstalt Nordrhein-Westfalen, der Bank im Bistum Essen und der [evangelischen] KD-Bank eine Sanierungs- vereinbarung getroffen. Aufgrund der fortgeschrittenen Verhandlungen mit den Banken wird derzeit vom Fortbestand der Gesellschaft ausgegangen.

[Diese Altenheim ELIM GmbH gehört nicht zu den norddeutschen Elim- Unternehmen. Bezeichnungen wie „Elim“ oder „Bethanien“ werden bundesweit von hunderten „diakonischen“ Unternehmensgruppen geführt, die nichts miteinander zu tun haben. Man behält diese „biblischen“ Ortsnamen bewusst bei und versteckt so die diversen GmbHs hinter einem Samariter-Vorhang].

Grenzen des investigativen Journalismus
Eine Nachbemerkung

(1) Der Enthüllungsjournalismus legt seine Voraussetzungen und normativen Grundlagen meistens nicht offen. Unausgesprochen geht er davon aus, dass alles besser würde, wenn die Leute nur wüssten wie schlimm es ist. Tatsächlich skandalisiert er jedoch meistens Verhältnisse, die Millionen Menschen bereits bekannt sind, weil sie deren Leidtragende sind.

Bekannte Sachverhalte können zum Skandal nur werden, indem man noch einmal jenen Maßstab bekräftigt, der diese Sachverhalte erst möglich macht: Das Ideal der Chancengleichheit im Rahmen einergrundsätzlich akzeptierten Konkurrenz um bessere Chancen, bei der jedoch stets jene im Vorteil sind, die dafür besser gerüstet sind: „Arbeitgeber“, Vermieter, Angehörige der politischen Klasse etc.

Beispiel Leiharbeit: Dass die 600.000 Leiharbeiter weniger verdienen als die Stammbelegschaften, ist gesetzlich gewollt (Tarif- öffnungsklausel im Arbeitnehmerüberlassungsgesetz), seit 2003 noch leichter möglich, wird allgemein praktiziert und gilt daher bislang als „normal“. Dass die Lohnunterschiede von den Betroffenen als „ungerecht“ empfunden werden, trifft zwar den Kern des gültigen Gerechtigkeitsideals, aber nur sehr eingeschränkt, denn billigere Zeitarbeit (sie wäre selbst bei gleicher Bezahlung billiger) gilt als „Jobmotor“, der Konjunkturschwankungen ausgleicht, die Unternehmen flexibler macht und deshalb mehr „Wachstum“ ermögliche. Außerdem seien 62 Prozent der Leiharbeiter zuvor arbeitslos gewesen. Jetzt haben sie nach dieser Lesart – gerade weil sie billiger sind – eine „Chance“. Und die anderen auch, denn eine gesetzliche Rückkehr zu Vollzeit-Arbeitsplätzen würde doch dazu führe, dass Firmen die Produktion ins Ausland verlagern.

Solange die Frage verboten ist, was eine Gesellschaftsveranstaltung soll, die jeden gegen jeden ausspielt und den Erfolg privatwirtschaftlicher Unternehmen, von denen alle abhängig sind, zum obersten Gerechtigkeitsmaßstab macht, wird die Kritik an der Leiharbeit überwiegend in der Forderung nach einem Mindestlohn stecken bleiben. Doch das kann der Enthüllungsjournalismus so nicht sagen. Er kann Schlecker anklagen, wenn ganze Stammbelegschaften gegen Leiharbeiter ausgetauscht werden, aber wenn nur 10 Prozent ausgetauscht werden, darf schon nicht mehr von „Missbrauch“ gesprochen werden.

Markus Breitscheidel zum Beispiel hat nach eigenen Worten nichts gegen Leiharbeit. Er fordert aber, wie jüngst der Juristentag, „gleiches Geld für gleiche Arbeit“. Doch dieser Gerechtigkeitsdiskurs hat die Frage nach den Gründen und Voraussetzungen des Leiharbeits-Booms schon hinter sich gelassen. Es wäre die Frage nach den Abhängigkeitsverhältnissen, durch die eine hegemoniale „Gesamtmeinung“ entsteht, nach der Leiharbeit unverzichtbar ist.

Der investigative Journalismus lüftet kein Geheimnis, wenn er „enthüllt“, dass viele Leiharbeiter auf ALG II angewiesen sind. Deshalb haftet dem Enthüllungsjournalismus, der sich diesen Verhältnissen im Selbstversuch aussetzt, statt denjenigen bessere Sprechmöglichkeiten zu verschaffen, die ohnehin so leben müssen, etwas eigenartig Philanthropisches an: „Hartz IV-Betroffene werden aus dem Buch nicht viel Neues erfahren können“, heißt es in einer Amazon-Besprechung von Breitscheidels Buch „Arm durch Arbeit“. Zu empfehlen sei es daher „für alle Hartz IV Befürworter“. Wenn die wüssten!

(2„Die Kosten sind in der Pflege so hoch, dass es nur mit Billiglöhnen geht. Würden Kassen und Staat mehr Geld für die Pflege zahlen, wären sicher auch die Löhne höher.“ Davon sind oft auch Leute überzeugt, die von den Zuständen in Altenheimen nicht begeistert sind. Auch viele Journalisten denken so. Grundlos unterstellt man, die Pflegefirmen würden eine Erhöhung der Pflegesätze direkt an die Beschäftigten weitergeben. Doch die Altenpflege ist einGeschäftszweig privatwirtschaftlicher Unternehmen (zu denen auch die „diakonischen“ Firmen gehören). Mehr Geld für die Pflege bedeutet zunächst nur eines: mehr Geld für diese Firmen. Was davon bei den Beschäftigten landet, hängt allein davon ab, wie gut diese sich durchsetzen können. Deshalb verdienen die Beschäftigten trotz einheitlicher Pflegesätze unterschiedlich. Die Spanne reicht von Dumpinglöhnen bis zu einer an den Öffentlichen Dienst angelehnten Entlohnung. Zu welcher Seite die DAE-Löhne tendieren, haben wir oben dargestellt.

Die Qualität der Pflege steht und fällt mit den Arbeitsbedingungen der Pflegenden, insbesondere mit der Entlohnung. In Hamburg gibt es (ohne Arbeitslose) rund 20.000 Pflegekräfte. Etwas mehr als die Hälfte davon arbeitet in 177 Altenheim-Unternehmen, die anderen bei einer der 334 ambulanten Pflegedienste-Firmen. Fachkräfte bekommen oft nur zwischen 10 und 11 Euro, andere meist nur 5 bis 8 Euro. Viele kommen schon vor Dienstbeginn und an freien Tagen, weil sie die von ihnen geforderte Fließbandpflege sonst nicht schaffen. Nachts sind oft nur zwei Pfleger für 100 Bewohner da. Arbeitszeiten von zehn Stunden sind verbreitet. Mehr als zwei bis drei Jahre halten nur wenige durch.

Die Leiharbeiterfirma „DAH Dienstleistungs-GmbH für Altenhilfe in Hamburg“ ist ein gewerbliches Tochterunternehmen der „diakonischen“ Holding Alten Eichen. Praktischerweise ist der Geschäftsführer der Holding zugleich Geschäftsführer dieser Verleihfirma. Werden Beschäftigte des Unternehmensverbundes Alten Eichen, wenn ihr Arbeitsverhältnis auf Grund einer Befristung endet, bei der Leihfirma weiterbeschäftigt, und um welchen Betrag sinkt dann ihr ohnehin mäßiges Gehalt? Wie viele Jobs werden auf diese Weise ersetzt? Mehr als zehn Prozent aller Jobs in DW-Firmen sind outgesourcte Arbeitsplätze. Leiharbeit ist nur eine Variante davon. Wie ist das bei der „Viktoria-Stiftung“?

Was der Leiharbeiter Breitscheidel in dem DAE-Altenheim verdiente und welcher Lohn den dort Beschäftigen bezahlt wird, wurde in der Panorama-Sendung nicht erwähnt. Die wenigen Journalisten, die – ohne irgendetwas über den Unternehmensverbund zu wissen – zu der DAE-Pressekonferenz am 3.9. kamen, hätten danach fragen können: Personalstärke? Stundenlohn? Leiharbeit? Minijobs? Arbeitszeiten? Es hat sie nicht interessiert.

Enthüllungsjournalismus kann „Missstände“ benennen, über die abhängig Beschäftigte lieber schweigen, um ihren Job nicht zu gefährden. Eine Veränderung können aber nur die Betroffenen bewirken. Panorama kann nicht die Gewerkschaft und den Druck der Beschäftigten ersetzen. Man versucht jetzt aber den Eindruck zu wecken, man sei dort als eine Art kritischer Unternehmensberater tätig. Tatsächlich geht es bei dem „Dialog über unsere Berichterstattung“ allein um deren Relativierung.

Und hier gibt es noch eine lange Zusammenstellung über die vielen Ungereimtheiten und Verfehlungen innerhalb der Diakonie aus den letzten Jahren.

Nehmt Euch bitte die Zeit und lest die komplette Recherche.

7 Gedanken zu “Kirche – Diakonie – außen hui, innen pfui

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  2. Auf der Suche nach Berichten über den Konzernverbund, der sich „die Diakonie“ nennt, habe ich diesen Text entdeckt. Eine ungewöhnlich gründliche Recherche. Wieso kommt so etwas nicht in den großen Zeitungen? Nun, die Antwort kann man sich nach der Lektüre selber denken.

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      • Meine unmittelbare „Diakonie-Erfahrung“ liegt schon lange zurück. Ich war dort nur gelandet, weil sie in meinem Beruf seinerzeit den lokalen Arbeitsmarkt beherrschten. Es gab damals keine Alternative. Um an den Job zu kommen, musste ich wieder der Kirche beitreten, aus der ich mit 18 ausgetreten war. Nur ein Umzug in eine andere Stadt rettet mich. Sie arbeiten ausschließlich mit öffentlichen Geldern und üben mit diesen Mitteln einen umfassenden Druck aus – ideologisch und durch Lohndumping. Viele meiner Bekannten sind heute gegenüber der Kirche kritisch eingestellt, aber wenn von „der Diakonie“ die Rede ist, wissen sie meistens nichts viel und denken das sei eine Art Hilfsorganisation. Ich halte dieses Firmennetz für gefährlicher als die Kirche. Die Kirchen verlieren rasant an Mitgliedern, während ihre Konzerne rasant wachsen. Dabei könnte das einfach dadurch geändert werden, dass das gesamte Gesundheitswesen wieder in kommunale Hand gegeben wird.

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    • Ich habe dord gearbeitet in alten aichen das war die grueste Frechheit was ich dort erlebt habe nur betrug ich leide heute noch sehr
      Nur versicherung betrug und das ist kirche fui Dr schweder wegen hin hat mein Freund sich das leben genommen

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  3. @Petra

    Ich war auch einige Jahre bei der Diakonie angestellt, drei Jahre davon in der Dauernachtwache als Altenpflegehelfer. Entlohnt wurde ich mit dem Hauswirtschaftstarif und dagegen konnte weder VERDI, noch die leitende Diakoniestelle etwas ändern, weil dies hausintern entschieden wird und die Hausleitung darauf verwies, dass kein Pflegetarif frei sei und dass ich auf einer Warteliste stehen würde.

    Ich habe dort selbst gekündigt, nicht nur aus diesem Grund.

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