Rhetorik der Pseudomediziner und Vermarkter zweifelhafter Produkte


Der folgende Artikel aus dem EsowatchWiki ist äußerst wichtig, um zu verstehen, wie es dazu kommt, dass Esoterik und damit einhergehend „Alternative Heilmethoden“ so viel Zuspruch erhalten.

(Das Quellenverzeichnis finden Sie auf der Originalseite)

„Rhetorik der Pseudomediziner und Vermarkter zweifelhafter Produkte“

Inhaltsverzeichnis

Aufbau eines Feindbildes

Zur Rhetorik von Impfgegnern und (anderen) Pseudomedizinern gehört ein Feindbild. In der Regel sind dies die Schulmedizin und die Pharmaindustrie. Die Vorwürfe an diese reichen von der angeblichen Unterdrückung von Innovationen bis hin zu diversen Verschwörungeneinzelner Gruppen gegen den Rest der Menschheit. So behauptet z.B. Ryke Geerd Hamer, die Juden würden ihresgleichen nach derGermanischen Neuen Medizin (GNM) behandeln, Nichtjuden hingegen mit Chemotherapie töten. Und Frank Dammasch meint, ADHS sei erfunden worden, um Ritalin zu vermarkten. Neben solch offensichtlich kruden Behauptungen kann man meist hören, dass die „Schulmedizin“ den Menschen nicht als solchen ganzheitlich wahrnimmt, Krankheiten nicht heilen kann oder aus purer Gewinnsucht handelt.

Beispiele:

  • Hans Tolzin suggeriert, die STIKO (Ständige Impfkommission der Bundesrepublik Deutschland) wäre korrupt und von der Industrie beeinflusst[1]: „Die 17 Mitglieder der STIKO werden vom Bundesgesundheitsminister berufen, um öffentliche Impfempfehlungen auszusprechen. Ein großes Problem stellt die Industrienähe der Mehrheit der STIKO-Mitglieder dar. Insbesondere ihr Vorsitzender Prof. H.J. Schmitt von der Kinderuniklinik Mainz arbeitet im Rahmen von Impfstoffstudien sehr eng mit verschiedenen Herstellern, insbesondere aber mit GlaxoSmithKline (GSK), zusammen.
  • Martin Hirte über Wissenschaftler im Bereich Impfstoffforschung: „Die im Bereich der Impfforschung tätigen Wissenschaftler stehen in einem ganz deutlichen Interessenskonflikt, da Impfstudien nahezu ausschließlich im Auftrag der Pharmaindustrie durchgeführt werden.“ und „Auch die ärztlichen Leitlinien, die mehr und mehr Diagnostik und Therapie von Krankheiten diktieren, unterliegen einem starken Einfluss der Pharmaindustrie. Praktisch alle Leitlinien,die in einer Studie von Choudry (2002) unter die Lupe genommen wurden, waren in Abhängigkeit von pharmazeutischen Unternehmen entstanden; die Leitlinienautoren waren in ihrer großen Mehrheit Berater, Aktieninhaber oder direkte Angestellte der Pharmaindustrie.
Der Arzt ist schlimmer als die Krankheit. Überhaupt gibt es gar keine Krankheiten, sondern nur Auswirkungen falscher Lebensführung!
  • Reinhard Voß meint in „Keine Pillen für den Zappelphilipp, rororo 2000″, dass ADHS von Medizinern als „neuer Krankheitsbegriff“ geschaffen wurde:
Die medizinische Behandlung sozialbedingter Auffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter («aggressiv», «hyperaktiv», «unkonzentriert» etc.), die Anpassung auf Rezept, hat in Deutschland schon eine gewisse Tradition. Immer wieder werden von Medizinern für diese sozialbedingten Verhaltensauffälligkeiten neue Krankheitsbegriffe geschaffen, die die Legitimation für Medikamentenverordnungen, i. b. für das Ritalin schaffen.“

Überhöhte Selbstdarstellung

Zu einem Feindbild gehört die Darstellung der eigenen Methoden als Gegenteil davon, also als etwas „Gutes“. Dabei bedient man sich spezieller Begriffe wie: „ganzheitlich„, „sanft„, „natürlich„, „individuell“ usw. Die beworbenen Mittel sind angeblich „ohne Chemie„, „ohne Nebenwirkungen“ oder basieren auf „altem Wissen“ möglichst exotischer Völker. Nahrungsergänzungsmittel, besonders Superfrüchte werden mit Verweis auf exotische Herkunft und angeblich jahrtausendelange Verwendung in der Volksmedizin vermarktet. Auch die Vorsilben „bio-“ und „öko-“ finden eine vielfältige Verwendung.

Oft werden diverse Mittel und Methoden im Zusammenhang mit einer Verschwörungstheorie angepriesen, in der Art, dass die Pharmaindustrie oder die „Schulmedizin“ diese aus Gründen der Gewinnsucht unterdrückt.

Hinterfragt man allerdings diese Worte, entdeckt man, dass es sich um hohle Phrasen handelt, da keine wissenschaftliche Belege für diese Behauptungen existieren. Stattdessen wird auf die psychologische Wirkung solcher Begriffe bei der Zielgruppe gesetzt.

Verunsicherung, Schüren von Ängsten

Eine weitere Taktik ist die Verunsicherung und das Schüren von Ängsten bei der Zielgruppe vor der wissenschaftlichen Medizin einschließlich der Medikamente und deren Nebenwirkungen einerseits und vor schweren Erkrankungen andererseits.

Beispiele:

Impfungen verursachen plötzlichen Kindstod[2]
  • Friedrich Graf, Impfgegner und Homöopath, besonders dreist über Impfungen[3]: „Impfungen machen immer krank
  • Ritalin – die verkannte Gefahr„, unter diesem diesem Slogan veröffentlichten die Psychotherapeutin Judith Barben und der Kinderarzt Andreas Bau einen Artikel auf der Website http://www.adhs-schweiz.ch[4]
Durch frühes Einbringen von Impfstoffen in den kindlichen Organismus kann es passieren, dass Impfstoffe jetzt nicht als fremd erkannt werden und der Körper nicht darauf reagiert, da das zelluläre Immunsystem noch nicht die nötige Reife entwickelt hat. Diese Fälle nennt man dann Impfversager. Der Körper toleriert jetzt u.U. die eingebrachten Viren als eigen und greift sie nicht an. Die Viren können unbehelligt in Körperzellen weiterleben und später zu Veränderungen an Zellen und Erbgut führen.
  • Subtiler geht Steffen Rabe vor, indem er sich nicht direkt äußert, sondern potentielle Gefahren von Impfungen sowie einen angeblichen Nutzen von Infektionskrankheiten lediglich andeutet. Außerdem betont er die Seriosität seiner Aussagen, indem er wissenschaftliche Studien zitiert[6]:
Das Durchleben von Mumps vermindert bei Frauen signifikant das Risiko, im Erwachsenenalter an Eierstockkrebs zu erkranken (West 1966, Newhouse 1977)“
So haben Erwachsene, die als Kinder Masern erlebten als Erwachsene ein vermindertes Risiko, an Multipler Sklerose zu erkranken (Albonico 1998)'“
Eine hochaktuelle amerikanische Studie zeigt, dass Masernviren die Vermehrung von HIV im Körper hemmen (Margolis 2005)'“
  • Martin Hirte zu Impfnebenwirkungen:
Für etliche Impfreaktionen ist der Entstehungsmechanismus nicht geklärt. Dennoch ist der Zusammenhang mit Impfungen durch den engen zeitlichen Zusammenhang wahrscheinlich oder gesichert. Zu diesen Akutreaktionen gehören vor allem das schrille Schreien, die hypotonehyporesponsive Episode, der Krampfanfall und der Atemstillstand. Beim schrillen Schreien handelt es sich um ein mehrere Stunden oder sogar Tage anhaltendes Schreien, das kaum zu stillen ist, und sehr an das Schreien von Kindern während einer Enzephalitis erinnert oder, kurz auf den Punkt gebracht: „Vermutlich wird durch Impfungen das sich entwickelnde Immunsystem junger Säugling aus dem Tritt gebracht.[7]

Siehe auch: FUD-Strategie

Suggerieren von Eigenverantwortlichkeit

Nach der Verbreitung der oft einseitigen bzw. falschen und als Aufklärung getarnten Desinformation soll die Zielgruppe sich nun eigenverantwortlich für oder gegen eine bestimmte Maßnahme entscheiden können. Das wird von den Pseudomedizinern aller Coleur gern als Eigenverantwortlichkeit getarnt. Dieses Stilmittel dient, oft als scheinbar positiver Gegenpol zur angeblichen Entmündigung des Patienten durch Ärzte, der eigenen Aufwertung.

Beispiel:

  • Steffen Rabe: „Es ist Ihre Entscheidung!“ über das Impfen von Kindern
  • viele Impfgegner verwenden den Begriff „individuelle Impfentscheidung
  • Ursula Homm auf ihrer Internetseite, auf der sie Diagnosen und Therapien nach der lebensgefährlichen Germanischen Neuen Medizinanbietet[8]:
Aber Vorsicht: Wenn Sie lieber Ihre Verantwortung abgeben möchten, sich lieber Dogmen unterwerfen oder wenn Sie ganz und gar der Schulmedizin vertrauen möchten, dann sind Sie hier falsch.
Sie verbindet hier den Apell an die Eigenverantwortlichkeit mit einer subtilen Warnung vor der wissenschaftlichen Medizin, also einer Verunsicherung ihrer Zielgruppe.
  • Friedrich Graf: „Wer eine andere Gesunderhaltung von Geburt an bei seinen Kindern und bei sich selbst pflegt, als heute vorgesehen ist, für den ist Masern kein Problem, sondern eine Chance gegen die modernen erregerlosen Krankheiten (Allergien, Krebs, Autoimmunkrankheiten)“ und „Die Impfung ist eine Körperverletzung, für die es eine freiwillige Bereitschaft gibt. Jeder kann seine persönlichen Gründe haben, nicht daran teilzunehmen.“[9]
  • Dagmar Braunschweig-Pauli auf ihrer Website „www.Jod-Kritik“:“Denken Sie aber beim Lesen dieser Website daran, daß Sie völlig frei sind, sich zu entscheiden. Sie haben die Wahl, sich für oder gegen jodierte Lebensmittel zu entscheiden. „

Spekulationen über unbewiesene Zusammenhänge, Suggestivfragen

Ein weiteres Mittel zur Manipulation der Zielgruppe sind Spekulationen über das Bestehen unbewiesener Zusammenhänge. So bringen Impfgegner immer wieder nicht belegte Zusammenhänge zwischen Impfungen und später auftretenden chronischen Krankheiten. Besonders beliebt sind hier Allergien und andere chronische Erkrankungen, da diese sehr häufig auftreten, ohne erkennbare kausale Ursache beginnen und nahezu immer zuvor geimpfte Personen betreffen, allerdings ohne kausalen Zusammenhang, wie Studien über die Häufigkeit von Allergien und die Durchimpfungsrate in der Bevölkerung der DDR kurz nach der „Wende“ zeigen. Epidemiologische Vergleiche zeigen beispielsweise, dass Allergien erst nach der „Wende“ in der DDR in der Bevölkerung der ehemaligen DDR, in der eine Impfpflicht bestanden hatte (und eine nahezu 100-prozentige Durchimpfungsrate bestand), signifikant zunahmen – zeitgleich mit einem Rückgang der durchgeführten Schutzimpfungen[10][11][12].

Beispiele:

  • Martin Hirte, der seine zunächst suggestiv vorgebrachte Aussage danach sorgfältig relativiert: „Es könnte ja sein, dass alle die chronischen Probleme, die bei Kindern in letzter Zeit vermehrt auftreten wie ADHS, Neurodermitis oder Diabetes, irgendeine Beziehung zu den frühkindlichen Impfungen haben. Das wird nicht systematisch untersucht.“[13]

Persönliche Ansprache

Ein weiteres rhetorisches Mittel ist die persönliche Ansprache der Zielgruppe, um dieser ein Gefühl der individuellen Zuwendung und Empathie zu vermitteln.

Steffen Rabe verwendet hier die persönlichen Ansprache[14]:

Für Sie als Eltern ist es ausgesprochen schwierig, sich zum Thema Impfungen umfassend geschweige denn objektiv zu informieren.

Übertreibungen

Übertreibungen sollen Zweifel bzw. Angst vor den Methoden der wissenschaftlichen Medizin bei der Zielgruppe erzeugen. Meist werden Nebenwirkungen von Medikamenten und Impfungen (Impfschäden) maßlos übertrieben. Dieser Methode bedienen sich auch Vertreter derAntipsychiatrie mit dem Slogan „Psychiatrie tötet“, Ritalinkritiker mit der Bezeichnung von Methylphenidat als „Kokain für Kinder“ oder „Psychodroge“ und nicht zuletzt Anhänger der Germanischen Neuen Medizin mit der Behauptung, Chemotherapie bei Krebserkrankungen würde 95% der Betroffenen töten.

Beispiele:

  • Martin Hirte über die Anzahl schwerer Impfnebenwirkungen: „Meldungen sind ausschließlich abhängig von der Motivation und Mitwirkung der Meldenden. Die Erfassungsquote schwerer Impfreaktionen ist unbekannt, dürfte aber zwischen 5 und 10 % liegen. Wir müssen daher alle Häufigkeitsangaben von Impfnebenwirkungen um etwa eine Zehnerpotenz nach oben korrigieren (Lasek 1991, Göttler 1999).[15]

Übertreibungen finden auch Anwendung bei der Vermarktung von Nahrungsergänzungsmitteln. Hier wird der gesundheitliche Nutzen um ein Vielfaches übertrieben dargestellt, wenn nicht sogar von vornherein erfunden.

Relativierungen, Verharmlosungen von Krankheiten

Im Gegensatz zu den Übertreibungen wird der Nutzen der Methoden der wissenschaftlichen Medizin heruntergespielt oder sogar geleugnet. Ein beliebtes Argument bei den Impfgegnern ist z.B. die Behauptung, dass der Nutzen von Impfungen wissenschaftlich nicht gesichert ist, weil kontrollierte Doppelblindstudien fehlen. Beliebt ist auch die Verharmlosung schwerer Krankheiten, wie z.B. Masern.

Beispiele:

Masern ist bei guter Ernährung und Versorgungslage ungefährlich, kann intensiv ablaufen, ist aber zumutbar.
  • Friedrich Graf über gefährliche und durch Impfungen vermeidbare Infektionskrankheiten:
Krankheiten wie Keuchhusten, Polio, Masern, Mumps, FSME, Rotavirusinfektion, Grippe, Hepatitis A und B sind in ihrem Verlauf generell abhängig von der Immunlage, überwiegend harmlos und werden nur wegen den seltenen unzumutbaren Komplikationen beimpft[17].
  • Steffen Rabe über Polio: „[…]auch eine Ansteckung mit Kinderlähmung gehört für ein in Deutschland oder Westeuropa aufgewachsenes Kind innerhalb der ersten Lebensjahre sicher nicht zu den häufigsten und bedeutsamsten Krankheitsrisiken.“[18] Rabe verschweigt hier, dass eine niedrige Durchimpfungsrate und ein später Impfzeitpunkt auch Säuglinge und Kleinkinder gefährdet.

Umdeutung von wissenschaftlichen Fachbegriffen

Um die Behauptungen der Pseudowissenschaft zu erklären und ihnen einen wissenschaftlichen Anstrich zu verleihen, aber auch, um die Falschaussagen zu verschleiern, werden Begriffe, auch die seriösen Wissenschaften verwenden, im Sinne der Pseudowissenschaft umgedeutet. Dabei werden die neuen Bedeutungen dieser Begriffe allerding nicht fest umrissen oder klar definiert, sondern der Interpretation der Zielgruppe überlassen. Gerne verwendete Begriffe sind z.B „Energie“, „„Immunschwäche“, „Frequenz„, „Schwingungen“ und „Quantenphysik“.

So wird z.B. versucht, eine Wirkung homöopathischer Mittel mit Hilfe der Quantenmechanik zu erklären, wobei diese Erklärungen höchst vage und unwissenschaftlich sind. Der Begriff „Energie“ wird nicht im Sinne einer physikalischen Größe verwendet, sondern als eine nicht klar definierbare Art von Kraft, mit der man Gesundheit eines Menschen („Lebensenergie“) verbessern und besondere Eigenschaften von Materialien und Gegenständen, z.B. „energetisiertes Wasser“ und Heilsteine hervorrufen will. Die Vertreter der Germanischen Neuen Medizin stellen Hamers Erfindung als 5 biologische Naturgesetze dar, also gleichrangig z.B. mit den Hauptsätzen der Thermodynamik oder dem Gravitationsgesetz, obwohl Hamers Behauptungen nicht einmal den Rang einer Hypothese haben, also vollkommen unwissenschaftlich sind.

Selektives Zitieren, Weglassen von Informationen

Während in der Wissenschaft 100%ige Sicherheiten selten vorkommen, versuchen Vertreter der Pseudowissenschaften ihre Behauptungen möglichst als unumstößliche Tatsachen darzustellen. Dazu bedienen sie sich u.a. auch wissenschaftlicher Veröffentlichungen, aus denen allerdings nur die Textstellen zitiert werden, die in das eigene Weltbild passen. Passagen, die dem widersprechen werden hingegen weggelassen. Oft werden auch wissenschaftliche Studien zitiert, aber Autor, Jahr der Veröffentlichung, federführende Institution der Forschung und Medium, in der die Veröffentlichung nachzulesen ist, fehlen. Damit soll möglichst verhindert werden, dass Kritiker den Wahrheitsgehalt der Aussage überprüfen können.

Beispiel:

Hans Tolzin interpretiert auf seiner Seite http://www.impfkritik.de einen Artikel von Tobias Maier über den adjuvanzfreien Impfstoff gegen Schweinegrippe AFLURIA von CSL Biotherapies in den Scienceblogs in seinem Sinne um:

Ein Impfstoff, der deutlich weniger als Pandemrix und andere EMEA zugelassene Impfstoffe getestet wurde und explizit nicht für Schwangere empfohlen wird, wird von den Ländern eingekauft um damit bevorzugt Schwangere zu impfen? Wegen dem Adjuvans und dem Thiomersal in Pandemrix? Was ist das den für ein Schnellschuss?[19]

Allerdings ist das Zitat unvollständig. Denn bei Scienceblogs heißt es weiter:

Nicht falsch verstehen. Der angepasste AFLURIA Impfstoff von CSL Biotherapies ist wahrscheinlich nicht gefährlicher oder weniger gefährlich als Pandemrix, aber nur weil Squalen und Thiomersal in den letzten Wochen durch einen Haufen profilierungsgieriger Impfgegner in den Medien war, werden jetzt alle sonst angebrachten Bedenken über den Haufen geworfen, nur um einen adjuvantienfreien Impfstoff anbieten zu können?

Verdrehen von Tatsachen

Eine weitere beliebte Methode ist das Verdrehen von Tatsachen. Aussagen aus wissenschaftlichen Veröffentlichungen werden dabei falsch oder in falschem Zusammenhang wiedergegeben. Besonders gerne wird das bei fremdsprachigen Texten praktiziert, weil sich potentielle Kritiker erst die Mühe der Übersetzung machen müssen. So behauptet z.B. Hans-Reinhard Schmidt, dass die Wirkungsweise von Methylphenidat völlig ungeklärt wäre, wobei in der Literatur zu lesen ist, dass der Wirkmechanismus nicht vollständig geklärt ist. Impfgegnerbehaupten, dass Infektionskrankheiten bereits schon vor der Einführung der jeweiligen Impfungen zurückgegangen sind, also die Impfung nicht ursächlich dafür wäre. Genaue Auswertungen der Daten zeigen jedoch, dass das nicht stimmt.

Beispiele:

  • Steffen Rabe über die Entwicklung der Erkrankungsraten von Diphterie in Deutschland: „So findet sich bei der Diphtherie in Deutschland nach dem Beginn der aktiven Schutzimpfung 1925 ein zunächst mäßiger, dann dramatischer Anstieg der Erkrankungszahlen bis zu einem Maximum um das Jahr 1945 herum; dieser Umstand ist vor dem historischen Hintergrund betrachtet sicher eher der Weltwirtschaftskrise und dem 2. Weltkrieg zuzuordnen, als der Schutzimpfung selbst.“ [20]Allerdings ist anzunehmen, dass während der Zeit der Weltwirtschaftskrise, des 2. Weltkrieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit alle Schutzimpfungen regulär stattfanden und dokumentiert wurden. Das hat nichts mit der – wie Rabe suggierieren will – Unwirksamkeit der Impfung zu tun, sondern damit, dass die Gesundheitsvorsorge in jener Zeit vernachlässigt wurde.
  • Steffen Rabe über den Anstieg der Erkrankungsraten an Diphterie in den Nachfolgestaaten der ehemaligen UdSSR: „Trotz damit eindeutig unzureichender Populationsimmunität kommt es in Deutschland in der aktuellen sozioökonomischen Situation zu keinen Epidemien (z.B. durch Diphtherie oder Polio) trotz entsprechender Diphtherieepidemien in benachbarten Ländern wie Weißrussland oder der Ukraine Mitte der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts also lange nach dem Fall des eisernen Vorhanges (RKI 2002).“ Weißrussland und die Ukraine sind keine Nachbarländer von Deutschland.
  • Steffen Rabe über Masern und SSPE: „Die zunehmende Erkrankungshäufigkeit junger Säuglinge an Masern mit deren bekannt hohem Risiko der schrecklichsten aller Masernkomplikationen, der so genanten SSPE ist doch nicht Folge der vermeintlichen Impfmüdigkeit heute, sondern unmittelbare Konsequenz unserer Impfpolitik: Kinder maserngeimpfter Mütter sind im ersten Lebensjahr eben nicht geschützt, da ihre Mütter (anders als diejenigen, die Masern in der Kindheit durchlebten), ihnen eben keinen Nestschutz vermitteln können.“ Anders herum ist es richtig. Bei einer hohen Durchimpfungsrate (Kohortenschutz) kommt es nicht zur Ansteckung von jungen Säuglingen. Indirekt fordert er damit, dass alle Frauen mit Kinderwunsch Masern durchgemacht haben müssen, damit flächendeckender Nestschutz gewährleistet ist. Zudem ist der Nestschutz nicht ausreichend, da dieser nicht 100%ig sicher ist und sich innerhalb von ca. sechs Monaten völlig abbaut. Daher sind Säuglinge keineswegs vor Ansteckungen geschützt.
  • Hans Tolzin verbreitet auf seiner Website „www.impfkritik.e“ falsche Tatschen über die Zusammensetzung eines Impfstoffes gegen die Schweinegrippe und versucht zu suggerieren, dass darin gefährliche Stoffe enthalten sind:
Kalium: sehr reaktionsfreudiges Element.“ Kalium ist nur als elementares Metall sehr reaktionsfreudig. Im Impfstoff liegt es jedoch in Ionenform gelöst vor.
Natrium: sehr reaktionsfreudiges Element.“ Natrium ist nur als elementares Metall sehr reaktionsfreudig. Im Impfstoff liegt es jedoch in Ionenform gelöst vor.
Dinatriumphosphat (wasserfrei): steht im Verdacht, ADHS zu verursachen.“ Die Behauptung entbehrt jeglicher Grundlage. Natriumphosphat kommt unter natürlichen Bedingungen in Mineralwasserquellen vor. Es ist in der EU als Lebensmittelzusatzstoff der Nummer E 339 zugelassen.[21]
Kaliumchlorid: giftig, wird in den USA für die Todesspritze verwendet‘.'“ Kalium-Salze sind im menschlichen Körper sehr häufig. Erst in sehr hohen Überdosierung führen sie zum Herzstillstand, wie das z.B. bei Hinrichtungen in den USA ausgenutzt wird. Eine Impfstoff-Dosis enthält weniger Kalium, als mit der täglichen Nahrung aufgenommen wird[22]. Früchte enthalten relativ viel Kalium und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) gibt eine Empfehlung für Jugendliche und Erwachsene von 2.000 mg Kalium pro Tag (Schätzwert der DGE für eine minimale tägliche Kaliumzufuhr). Der Begriff „Todesspritze“ soll noch einmal die angebliche Gefährlichkeit von Kaliumchlorid in reißerischer Manier untermauern.
Kaliumdihydrogenphosphat: giftig.“ Kaliumdihydrogenphosphat ist eine Puffersubstanz und Lebensmittelzusatzstoff (E 340) und in den verwendeten Konzentrationen nicht giftig.[23]
Kalziumchlorid: giftig.“ Kalziumchlorid ist ein Salz und wird als Festigungsmittel, Geschmacksverstärker und Stabilisator eingesetzt (unter anderem bei der Trinkwasseraufbereitung, Oberflächenbehandlung von Obst). Es ist in der EU als Lebensmittelzusatzstoff der Nummer E 509 zugelassen. Es ist in den verwendeten Konzentrationen nicht giftig.[24]

Erzeugen von Elitebewusstsein

Oft kann man beobachten, dass sich die Anhänger diverser Ideologien/Pseudowissenschaften als eine Art bessere Menschen darstellen und Nichtanhänger oder Kritiker diffamieren und polarisieren.

Beispiel:

  • Brigitte Rondholz bezeichnet Menschen, die sich normal ernähren, verächtlich-herablassend als Muggel[25]: „Die armen Muggel, wenn doch auch sie ihre körperlichen Ausfälle so kompensieren könnten!
  • Anhänger der Urkost bezeichnen eine normale, ausgewogene Ernährung als „Schlechtkost„.
  • Der Begriff „kritisch“ wird oft im Zusammenhang mit der Ablehnung wissenschaftlicher Methoden erwähnt. Dabei wird dieser Begriff nicht im Sinne einer echten wissenschaftlichen Auseinandersetzung (Gegenüberstellung von Nutzen und Risiken) gebraucht, sondern als generelle Ablehnung.
  • Martin Hirte: „Eigentlich bin ich jedoch der Meinung, man müsste Leute wie mich unter Artenschutz stellen“.[26]
  • Einige radikale Veganer bzw. Tierrechtler bezeichnen sich normal ernährende Menschen als „Tierleichenfresser„, während sie sich selbst als moralisch höherwertig betrachten.

Sonstige

Um an ihre Zielgruppe heranzukommen, wenden Pseudowissenschaftlcher weitere Methoden an:

  • Emotionalisierung: Appell an die Gefühle der Zielgruppe
  • Schwächen, Fehler, unerforschte Bereiche der Wissenschaften werden als Beleg für das Funktionieren der Pseudowissenschaft herangezogen
  • Schwarz-Weiß-Denken und Verwendung von Begriffsgegensätzen: natürlich – chemisch, ganzheitlich – Symptombekämpfung, sanft – „Chemiekeule“, individuell – Massenabfertigung
  • Lügen
  • Speziell in der Anthroposophie: Darstellung von Krankheiten als karmisch notwendiger Prozess.
  • Der Einzelfall (Fachsprache: Anekdote) wird zum Beweis hochstilisiert.
  • Die Anwendbarkeit wissenschaftlicher Methodologie, insb. statistischer Untersuchungen, wird bestritten

9 Gedanken zu “Rhetorik der Pseudomediziner und Vermarkter zweifelhafter Produkte

  1. Pingback: Rhetorik der Pseudomediziner » Von admin » Fachbegriffen, Selektives, Zitieren, Umdeutung, Krankheiten, Ansprache » Kidmed

  2. Wenn man eine nicht heilbare chronische Krankheit hatte, und diese mit verschiedenen alternativen Methoden geheilt wurde, dann ist einem der obige blog piepegal.

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    • Das kann ich nachvollziehen, das mit dem piepegal.

      Aber:
      Skeptisch macht mich das „verschiedene“ alternative Methoden. Kann doch nur heißen, verschiedene probiert. Das tut man aber nur, wenn die bisherigen nicht geholfen haben. Also hat nach vielen Versagern die letzte, die eine Methode geholfen? Oder doch irgendwelche anderen Dinge?

      Denn jetzt wird es interessant. Wenn diese Methode oder Methoden eine chronische unheilbare Krankheit heilen können, dann muss es auch bei anderen Patienten funktionieren!!!! Die Krankheit dürfte ab sofort nicht mehr als unheilbar klassifiziert werden! Das wäre eine Sensation! Wo sind die Berichte, die Studien, wo bleiben die Medien?

      Sollte die Methode aber NUR bei Ihnen funktionieren, dann ist sie für den Rest der Menschheit wertlos. Und das tolle Ergebnis war nur Zufall, Spontanheilung oder was weiß ich was.

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  3. Pingback: Pseudowissenschaft – falsche Wissenschaft – Scheinwissenschaft | Ratgeber-News-Blog

  4. Ich, das macht doch nichts, solche Kommentare sind zeitlos und könnten täglich kommen. Deine Antwort ist ja gut und richtig und das wird schon gelesen. Zum Glück haben die Esos mittlerweile aufgegeben hier zu schreiben.

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  5. Stimmt, wurde gelesen 🙂
    Vielen Dank fürs erneute Aufmerksam machen … Der Artikel verdient das wiederholte Lesen aber auch … und ich hatte doch fast vergessen, dass ich den RSS- Feed abonniert hatte.

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