Eine Klientin glaubte, Jesus getötet zu haben


Infosekta, die einzige unabhängige Fachstelle für Sektenfragen in der Schweiz, feiert ihr 20-jähriges Bestehen. Gründungsmitglied und Leiterin Susanne Schaaf über Gurus, Wunderheiler und Sekten.

Frau Schaaf, seit 20 Jahren gibt es die Sektenberatungsstelle Infosekta. Braucht es diese überhaupt noch?

Ja, denn die Szene der Sekten, Weltanschauungen und selbsternannten Heiler ist im Laufe der 20 Jahre nicht kleiner geworden. Das zeigt sich auch daran, dass wir jährlich ähnlich viele Anfragen von Ratsuchenden erhalten wie vor 10 Jahren. Die Sektenthematik ist unverändert aktuell, wenn auch nicht mehr so sichtbar in der Öffentlichkeit.

Zwei Jahrzehnte lang hatten Sie es mit selbsternannten Predigern, Wunderheilern und Gurus zu tun. Was fasziniert Sie so daran?
Bei mir haben schon immer die Alarmglocken geläutet, wenn Wunderheiler und Gurus ihre übersinnlichen Dienste anboten. Mit Sekten in Berührung kam ich an der Universität als junge Studentin in den neunziger Jahren. Damals waren gerade der Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (VPM) und Scientology aktuell. Zu Beginn hatten wir als Psychologen noch das Gefühl, man könne mit diesen Leuten sachlich reden. Schnell merkten wir, dass das naiv war. Mit Menschen, die von sich behaupten, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein, ist das unmöglich. Es beschäftigt mich immer noch stark, wie kaltblütig manche Menschen das Vertrauen und die Leichtgläubigkeit anderer ausnützen und missbrauchen. So hat sich meine Arbeit in den zwei Jahrzehnten nicht gross verändert: Es geht immer noch darum, Menschen darin zu unterstützen, sich aus ihren Verstrickungen zu befreien.

Waren Sie je in Versuchung, selber einer Sekte beizutreten?
Nein, das war bisher nie ein Thema. Wir sehen aber, dass Sekten und dubiose Heiler in Krisen- und Umbruchphasen für Betroffene attraktiv werden können. Sie versprechen Halt und absolute Lösungen. In diesem Sinn gibt es das typische Sektenmitglied nicht. Es ist vielmehr so, dass jemand in Zeiten seelischer Not an die Falschen gerät. Und genau hier setzt Infosekta an. Es geht uns nicht darum, die Welt zu retten oder für den richtigen Glauben zu missionieren.

Sondern?
Wir zeigen Strukturen und Mechanismen auf, welche die Selbstbestimmung des Einzelnen sehr stark beschneiden und in seelische Abhängigkeit führen.

Wenn Sie die 20 Jahre Revue passieren lassen, welcher Fall ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Viele Fälle haben mich berührt. Ich erinnere mich beispielsweise an eine Klientin, die auf Grund einer Rückführung überzeugt war, sie hätte in einem früheren Leben Jesus getötet und dadurch an extremen Schuldgefühlen litt. Oder an die Tochter einer Mutter, die zur Heilerin gezogen ist und mit der Mutter von einem Tag auf den anderen nichts mehr zu tun haben wollte. Daneben gibt es auch Entscheidungsanfragen, ob und unter welchen Bedingungen beispielsweise ein Kind in eine streng evangelikale Pflegefamilie platziert und wie das Wohl des Kindes garantiert werden kann …

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