Evangelikale Mission – Kinderklau in Haiti


NZZOnline: Rettung aus dem „Land des Teufels“

In Haiti sind zehn Amerikaner festgenommen worden, als sie 33 Kinder illegal über die Grenze schaffen wollten.  In den USA gehen die Medien verschiedenen Spuren nach: Geht es hier um Kinderhandel oder naive religiöse Eiferer?

Isabelle Imhof

«Glauben Sie, ich würde mein Kind weggeben? Mein Ein und Alles?» lässt die «New York Times» eine haitianische Mutter sprechen. Die amerikanischen Missionare, die mit 33 Kindern an der haitianischen Grenze angehalten worden sind, hätten geltend gemacht, dass ihre Schützlinge durch die Erdbeben-Katastrophe zu Waisen geworden seien, schreibt die Zeitung weiter. Dies sei aber offensichtlich nicht der Fall. Mehrere Eltern hätten den Baptisten ihre Kinder freiwillig mitgegeben, da ihnen eine gute Ausbildung in Aussicht gestellt worden sei. Niemals aber hätten sie einer Adoption zugestimmt.

Zudem hätten die Amerikaner auch gegenüber den Medien bestritten, dass sie die Kinder zur Adoption anbieten würden. Ein Blick auf ein Strategiepapier der Organisation zeigt jedoch ein anderes Bild. Zwar will die New Life Children’s Refuge in der benachbarten Dominikanischen Republik ein Waisenheim mit Sportplätzen und medizinischen Einrichtungen errichten, um den Kindern «eine gute Erziehung, Hoffnung, Freude und ein gutes Leben in Jesus Christus» zu bieten. Doch die Organisation stellt adoptionswilligen Paaren auch Villas und Restaurants zur Verfügung, wie es im Papier weiter heisst.

Die «New York Times» hat ferner herausgefunden, dass die New Life Children’s Refuge bereits im November 2009, also mehrere Wochen vor dem Erdbeben, im amerikanischen Gliedstaat Idaho gegründet worden ist. Das Haus, welches als Sitz der Organisation aufgeführt ist, sei von der Leiterin, Laura Silsby, zwei Tage später mit Verlust veräussert worden. Am 2. Februar 2010 sei vor dem Haus eine Tafel aufgestellt gewesen, die es als Zwangsverkaufsobjekt deklarierte.

Vorgewarnt

Das «Wall Street Journal» berichtet, die Regierung Haitis habe die Ausreise von Kinder wieder gestattet, deren Adoptionsverfahren bereits vor dem Beben geregelt war. Betroffen sind rund tausend Kinder, die alle in die USA übersiedeln sollen. Gleichzeitig werde die Befragung der zehn Missionare fortgesetzt, schreibt das Blatt. Eine amerikanische Menschenrechtsaktivistin hat offenbar der Uno am Montag per E-Mail mitgeteilt, sie habe Laura Silsby, die Leiterin der Mission, vor wenigen Tagen in der Dominikanischen Republik getroffen und sie gewarnt.

Sie habe Silsby darauf hingewiesen, dass der Plan, hundert Waisen aus Haiti aufzunehmen und ausser Land zu bringen, illegal sei, solange keine verbindlichen Bewilligungen der haitianischen Regierung vorlägen. Möglicherweise seien schon vor der Verhaftung der zehn Missionare Kinder in das provisorische Waisenhaus in der Dominikanischen Republik geschafft worden.

Der unbekannte Helfer

Der Fernsehsender CNN beruft sich auf drei Personen, welche die Missionarsgruppe als Übersetzer begleiteten. Die Missionare hätten sich zwei Mal mit einem Mann getroffen, der sich als haitianischer Polizeibeamter ausgegeben habe. Er habe die Gruppe darauf hingewiesen, dass ihre Aktion illegal sei, doch habe er seine Hilfe angeboten. Es sei um nicht näher bezeichnete Dokumente gegangen. Das Treffen habe in einem Auto in irgendeiner Strasse stattgefunden. In einem weiteren Bericht kommt eines der betroffenen Kinder zu Wort. Sie sei keine Waise, sagt die Neunjährige. Sie sei gegen ihren Willen in der Nähe ihres Elternhauses in einen Bus gehievt worden. Andere Kinder hätten die Telefonnummern ihrer Eltern bei sich gehabt.

Aus dem Land des Teufels

Die Online-Publikation «Huffington Post» bestreitet nicht, dass einige der beteiligten Missionare gute Absichten gehabt hätten. Offenbar waren einige Mitglieder der Gruppe von tiefer Religiosität getrieben und hielten sich von Gott ausersehen. Viele Evangelikale seien geprägt durch ein Schwarz-Weiss-Bild, das ausserhalb der USA das Land des Teufels ausmachten, spottet die «Huffington Post». Die Missionare hätten die Kinder aus einem Land, das einen Pakt mit dem Teufel eingegangen sei, herausholen sollen.

Naive Missionare

Aus Idaho sind auch Stimmen zu Gunsten der Beschuldigten zu hören. Besonders die religiösen Würdenträger der betroffenen Gemeinden, wie der Central Valley Baptist Church, versuchen die Wogen zu glätten. Doch ändere die Naivität einzelner Missionare nichts daran, dass ihre Aktion illegal gewesen sei, schreibt die «Huffington Post». Und: Man stelle sich vor, das gleiche wäre nach dem Hurrikan Katrina in New Orleans passiert. So etwas wäre undenkbar gewesen.

Die 33 Kinder befinden sich nun in einem SOS-Kinderdorf in Haiti. Sie werden dort professionell betreut. Sozialhelfer suchen nach den Eltern oder anderen Angehörigen, um die Kinder wieder mit ihren Familien zusammen zu bringen.

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