Wie funktionieren klinische Studien als Wirksamkeitsnachweis für medizinische Therapien?


Die Diskussionen zum Thema „Alternative Heilmethoden“ scheinen kein Ende zu nehmen. Es sieht ganz so aus, als wenn man sich unendlich im Kreis bewegt, bei jedem Versuch zu erläutern, warum entsprechende „Heilverfahren“ bis heute immer noch jeglichen Wirksamkeitsnachweis schuldig geblieben sind. Siehe z.B. hier

Verantwortlich  für die ständig wiederkehrenden gleichen Argumentationsabläufe ist einerseits eine hartnäckige Ignoranz von Alternativ-Anhängern für evidenzbasierte Fakten und Quellenverweise und andererseits die Annahme, bzw. die Überzeugung, dass Fallbeispiele, ergo Anekdoten, die von erfolgreichen Alternativ-Behandlungen berichten, Beweis genug wären eine Wirksamkeit zu manifestieren.

Ich möchte hier deswegen nochmals dezidiert erläutern, worum es eigentlich geht.

Jeder Erlebnisbericht, der von einer positiven Erfahrung mit alternativen Heilmethoden erzählt, unterliegt einer subjektiven Einschätzung.

Genauer gesagt, wird die gefühlte Verbesserung des Gesundheitszustandes automatisch auf die alternative Behandlung zurückgeführt. Es wird ein Zusammenhang zwischen einer angenommenen Ursache und der eingetretenen  Wirkung konstruiert ohne zu hinterfragen, ob andere Faktoren als Ursache gelten könnten. Der Fehlschluss von Korrelation auf Kausation ist immer dann gegeben, wenn die Kausalität zwischen Ursache und Wirkung nicht eindeutig geprüft und nachgewiesen wurde.

Somit lässt es sich eben nicht ausschließen, dass die Verbesserung auf die Nachwirkung einer medizinischen Therapie, den ganz normalen Selbstheilungsprozess oder den Placebo-Effekt zurückzuführen sein könnte.

Solange dies so ist, kann man darüber spekulieren, ob die alternative Behandlung, unabhängig vom Placebo-Effekt, geholfen hat. Der Begriff Beweis ist hier jedoch ersichtlich vollkommen fehl am Platz.

Nun ist es aber der Fall, dass wissenschaftliche Meta-Studien existieren, die alternative Heilverfahren auf Herz und Nieren überprüft haben und die zu dem Ergebnis kamen, dass jegliche Wirksamkeit fehlt.

Um näher zu erläutern, wie ausgefeilt diese klinischen Studien funktionieren, hier dazu eine Erklärung des Physikers Jörg Rings, der sich auch im Scienceblog „diax’s rake“ rege engagiert:

„Eine klinische Studie hat zum Ziel, die Wirkung einer Behandlung zu ermitteln. Da eine Fallgeschichte genau das ist, eine Geschichte, kann eine Bewertung eigentlich nur unter kontrollierten Bedingungen erfolgen. Und zusätzlich nur mit ausreichend vielen Patienten, nicht nur einem.

Es geht darum, mögliche Einflüsse auszuschalten um zu einer nüchternen, quantifizierbaren und reproduzierbaren Erkenntnis zu gelangen.

Dazu bedarf es (mindestens) zweier Standards:

Die Kontrollgruppe ist eine Gruppe von Menschen, die gleich groß ist wie die Gruppe der Menschen, die das Präparat erhalten und möglichst gleich zusammengesetzt (Altersstruktur, Krankheitsverlauf, etc.) ist. Sie erhält aber kein Präparat, sondern ein Placebo ohne Wirkstoff.

Dadurch erhält man eine Nullhypothese, mit der man statistisch auswerten kann, ob das Präparat wirkt.

In der Ausrechnung berechnet man die Wahrscheinlichkeit, dass die Stichprobe in der Gruppe der wirklich Behandelten, durch die Verteilung der Nullhypothese gegeben ist. Liegt dieser Wert i.A.: unter 5%, spricht man von einem statistisch signifikanten Ergebnis.

Anders gesagt: Man schaut, wie wahrscheinlich es ist, dass es den Behandelten genauso geht wie der Kontrollgruppe. Ist die Wahrscheinlichkeit dafür gering (und geht es diesen Patienten besser als der Kontrollgruppe), ist das ein Hinweis dass das Präparat wirkt.

Der zweite Standard ist die Verblindung.

Um zusätzliche Placebo-Effekte bzw. nicht-spezifische Wirkungen so gut wie möglich auszuschließen, erfährt der Patient nicht, welcher Gruppe er angehört. Weiß auch der Arzt das nicht (denn sonst könnte er zum Beispiel bei der Vergabe einer Zuckerkugel statt des Wirkstoffes weniger überzeugend sein), spricht man von doppelter Verblindung.

Studien zur Akupunktur sind z.B. nur schwer verblindet durchzuführen. Einfache Verblindung geht aber mittlerweile – und siehe da die Abweichung zwischen behandelter und Kontrollgruppe wird immer kleiner, sodass es jetzt einfach am wahrscheinlichsten ist, dass es beiden Gruppen gleich gut geht.

Jetzt sind das aber immer noch einzelne Studien mit einer bestimmten Zielbehandlung, mit einer bestimmten Verteilung der Patienten in den Gruppen, mit vielleicht kleinen handwerklichen Mängeln oder Problemen und schließlich und endlich mit einer begrenzten Teilnehmerzahl.

Es fehlt meistens am Geld, um eine wirklich riesige Studie mit allen Schikanen durchzuführen – daher gibt es die Meta-Studie.

Eine Meta-Studie fasst mehrere, am besten nur qualitativ hochwertige Einzelstudien zusammen und wertet sie statistisch aus.

Das hat die Vorteile:

a) eine Überblickstudie zu haben, denn schließlich kann nicht jeder alle Einzelstudien genau lesen

und man

b) viel mehr Statistik (Patienten) hat, also quasi eine Riesenstudie, die viel verlässlichere Wahrscheinlichkeitsaussagen zulässt (so man denn sorgfälltig vorgeht).

Berühmt und meistens geschätzt für solche Meta-Studien ist z.B. die Cochrane Collaboration.

Letztendlich kann Wissenschaft nur dann eine Aussage treffen, wenn mehrere, unabhängige Untersuchungen das gleiche Ergebnis zeigen. Ob das ein experimentalphysikalisches Ergebnis ist oder die Bewertung der Effektivität einer Methode – nur die reproduzierte Untersuchung führt zu Wissen.“

Mit Dank an Jörg Rings für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.

Zu guter Letzt möchte ich zur Abwechslung noch auf eine Seite aufmerksam machen, die sich voll und ganz der Satire verschrieben hat. Hier geht es ganz gezielt um Homöopathie

(Es lohnt sich dort auch andere Suchbegriffe wie z.B. „Waldorfschule“ einzugeben und zu lesen. Selten so gelacht 😆 )

Wer sich zum Thema Wissenschaft und kritisches Denken noch seriös weiterbilden möchte, dem empfehle ich Carl Sagan und seine Texte:

  • „Der Drache in meiner Garage oder die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven“ und
  • „Gott und der tropfende Wasserhahn“ 

Beides gibt es als kostenlosen Download hier.

7 Gedanken zu “Wie funktionieren klinische Studien als Wirksamkeitsnachweis für medizinische Therapien?

  1. Ich bin der Ansicht, dass man mit wissenschaftlichen Methoden der Wirksamkeit von alternativen Heilmethoden nicht näher kommt. Die komplentäre Medizin orientiert sich am Mensch, indes die Schulmedizin (die ich auch sehr schätze) sich eher wissenschaftlich nähert. Auf das Ergebniss kommt es letztlich an. Und das liegt in beiden Fällen in der Hand des Patienten.

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  2. Zu Jan:
    Man kann vielen Ansichten sein. Solange sie nicht der Realität entsprechen sollen. Ich kann jedenfalls dieses Geschwafel „orientiert sich am Mensch“ im „Gegensatz zur Wissenschaft“ nicht mehr hören. Dummes Gesülze. Woran orientiert sich denn die wissenschaftsbasierte Medizin? An Steinpilzen, russischen Ikonen oder was?
    Wissenschaft ist eine Methode, ein Werkzeug, und zwar in der Medizin das humanste, welches wir haben. Denn es berücksichtigt im Gegensatz zu dem Komplementärquatsch unglaublich ganzheitlich alle Fälle, die mit einer Behandlungsmethode auftreten und kehrt im Gegensatz der angeblich so am Menschen orientierten „komlementären Medizin“ die misslungenen Heilversuche nicht unter den Teppich.

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  3. Jan,

    Den alternativ-heil Anhängern bleibt schließlich nichts anderes übrig, als wissenschaftliche Methoden als unbrauchbar für unwirksame Therapien abzustempeln.

    Wo nichts ist, lässt sich auch nichts nachweisen. Nur zu dumm, dass viele Menschen so leichtgläubig sind und sich euren Standardbären der Unüberprüfbarkeit aufbinden lassen.

    Auch nochmal zur Erinnerung wie wissenschaftliche Studien funktionieren:

    http://blog.ebook-insel.de/2009/06/09/wie-funktionieren-klinische-studien-als-wirksamkeitsnachweis-fur-medizinische-therapien/

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  4. Verehrte Frau Reihl,

    Ihr Einsatz für die EBM (evidence based medicine) in allen Ehren! Entgegen Ihrer allgemeinen Darstellung in diesem blog, ist die Medizin keine Naturwissenschaft im Sinne einer Mechanik oder Physik des Menschen. Nicht alles hinsichtlich der komplexen Physiologie des Menschen lässt sich messen, wiegen, zerteilen und berechnen, und das ist auch gut so! Ein platter naturwissenschaftlicher Positivismus, den Sie hier vertreten, wird dem Wunder Mensch und dem Leben an sich nicht gerecht.

    Gesegnete Weihnachtszeit!

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  5. Tja, lieber Herr Wissenschaftler, leider steigt die Anzahl nicht ernstzunehmender Wissenschaftler auch stetig, zu meinem großen Bedauern.

    Leute wie sie tragen enorm dazu bei, dass Quacksalber und Co unbehelligt agieren können, denn der Mainstream lässt sich ja sehr gut durch Pseudowissenschaftlichkeit manipulieren.

    Ihre Homepage zu verlinken, hätten Sie lieber lassen sollen.

    „Bei Fragen oder Anregungen zu Interdis
    kontaktieren Sie bitte Herrn Ekkehard Friebe“

    http://www.esowatch.com/index.php?title=Ekkehard_Friebe

    „Nur detaillierte Äußerungen an die INTERDIS-Zentraladresse:
    Postfach 1168, D-51556 Windeck / Sieg

    oder an den INTERDIS-Schriftführer:
    Gerd Zesar“

    http://www.esowatch.com/index.php?title=Gerd_Zesar

    http://www.esowatch.com/index.php?title=INTERDIS

    Da befinden Sie sich ja in bester Gesellschaft.

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  6. Frau Reihl,
    laut Ihrer Angaben im Internet waren Sie einst Anhängerin der esoterischen Plastikreligion, gegenwärtig agieren Sie im Stil einer Jeanne d’Arc für die „Gesundheitsreligion“, mit deutlich erkennbar misanthropischen Grundzügen.
    Ein Sprichwort lautet: Was lange gärt, wird endlich Wut! Und diese Wut offenbaren Ihre Zeilen quer durch diesen Internetauftritt. Was oder wer hat Sie dermaßen gekränkt, dass Sie Menschen, die nicht in Ihrem „Fahrwasser“ mitschwimmen, dermaßen herabwürdigend behandeln? Das Problem sind sicher nicht die Quacksalber, die Kirchen, nicht ernstzunehmende Wissenschaftler wie ich etc.
    Gesegnete Weihnachtszeit!

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  7. Es ist ja grundsätzlich ein Problem, dass viele Patienten selbst nach neuen Heilungsmethoden und Therapie-Ansätzen in der klinischen Forschung suchen. Diese sind dann aber meistens schwer aufzufinden und hat der potentielle Proband eine geeignete klinische Studie gefunden, dann muss er diese auch noch richtig verstehen und hier kommt meist hinzu, dass die Beschreibung der Studie oftmals eine sehr fachorientierte Sprache verwendet.

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