Anthroposophie, Homöopathie & Co – Wie verhalten sich dazu Kassen und Politiker in Deutschland?


Nachdem die Schweizer nun mehrheitlich (67%) abgestimmt haben, dass die Komplementärmedizin in ihrer Verfassung verankert werden soll, ist es nicht uninteressant, die Sachlage in Deutschland näher zu beleuchten.

Relevant hierfür ist meines Erachtens die Praxis, bzw. ob gesetzliche Krankenkassen bereits Leistungen von alternativen Heilmethoden übernehmen und wie Politiker, die in unserer repräsentativen Demokratie als Volksvertreter agieren, zu diesem Thema stehen.

Bei meiner Recherche zum ersten Punkt musste ich mit Erstaunen feststellen, dass von den ca. 200 gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland viele die integrierte Versorgung mit klassischer Homöopathie bereits seit 2007 ohne Aufpreis unterstützen.

Laut Krankenkassen.de (Quellenangabe) heißt es:

[…] „Seit 2007 gibt es weitere Möglichkeiten für alternative Behandlungen

Mit der Gesundheitsreform 2007 haben Kassen zusätzliche Möglichkeiten erhalten, ihren Mitgliedern individuelle Angebote zu machen. So steht es ihnen frei Wahltarife für besondere Therapieeinrichtungen anzubieten, bei denen alternative Heilmethoden bezahlt werden. Allerdings bedeutet die Entscheidung für einen solchen Tarif, dass die Kasse für drei Jahre nicht gewechselt werden darf. Anders ist dies bei der Integrierten Versorgung mit klassischer Homöopathie. Eine solcherart strukturierte homöopathische Behandlung wird mittlerweile von vielen Kassen unterstützt. Sie bringt für den Versicherten kaum Einschränkungen, kostet keinen Aufpreis und ist jederzeit kündbar.“ […]

Und ganz konkret erhält man 58 Treffer, wenn es um die Suche nach Kassen geht, die für Homöopathie bezahlen.

Besondere Therapieeinrichtungen im Allgemeinen, wozu  die „Anthroposophische Medizin“ zählt, werden weit weniger bedacht. Hierzu  findet man 21 Kassen.

Dass sich Sympathisanten der alternativen Heilkunde und im Besonderen der antroposophischen damit immer noch nicht zufrieden geben, wird ersichtlich, wenn man Parteiprogramme betrachtet, bzw. wenn Politiker zum Thema befragt werden.

Hier ein paar Beispiele aus verschiedenen politischen Lagern:

Jetzt wird es richtig interessant:

Das Engagement von Konrad Schily, dem Bruder Otto Schilys zum Thema, liegt auf der Hand, denn die ganze Schily Familie ist anthroposophisch geprägt und somit vertritt er schon mal seine persönlichen Interessen.

Birgitt Bender hingegen repräsentiert in ihren Äußerungen das Parteiprogramm der GRÜNEN.

Ferner wird ersichtlich, wenn man weitere Aussagen von Grünen-Politikern liest, dass die Partei ganz speziell und unverblümt Lobby-Arbeit für anthroposophische Interessen betreibt.

Hiltrud Breyer:

„Sehr geehrte Frau Becker,

[…] Meinen Informationen nach sind für die Aktion ELIANT anthroposophische Arzneimittelhersteller, Heilpädagogen, Waldorfpädagogen, Patientenorganisationen, Verbraucher biologisch-dynamischer Produkte und Ärzte sowie Demeter International zusammengeschlossen, die ihre Lobby in Brüssel besser koordinieren wollen. Das finde ich an sich unterstützenswert. Ich sehe in meiner Arbeit immer wieder, welchen schweren Standpunkt alternative und komplementäre Medizin gegenüber der geballten Pharmalobby in Brüssel hat.

Mir geht es einzig und allein um Zukunftsmöglichkeiten für Patienten zu den von ihnen gewünschten Arzneimitteln und Behandlungsformen.“ […]

Mehr zu Hiltrud Breyer und obskuren anthroposophisch-politischen Verflechtungen gibt es auch hier zu lesen:

Somit können wir getrost davon ausgehen, dass es lediglich eine Zeitfrage sein wird, bis die „Anthroposophische Medizin“ im gestzlichen Krankenkassensystem den aktuellen Stellenwert der klassischen Homöopathie  erreicht hat, bzw. beide auch noch viel mehr an Ansehen gewinnen werden.

Ein Fingerzeig auf die direkte Demokratie und die schweizerische Bevölkerung mit ihrer großen Sympathie für Quacksalbermethoden ist somit völlig fehl am Platz, denn in der praktischen Umsetzung sind die Deutschen bedauerlicherweise den Schweizern bereits jetzt um Längen voraus.

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9 Gedanken zu “Anthroposophie, Homöopathie & Co – Wie verhalten sich dazu Kassen und Politiker in Deutschland?

  1. Ein Fingerzeig auf die direkte Demokratie und die schweizerische Bevölkerung mit ihrer großen Sympathie für Quacksalbermethoden ist somit völlig fehl am Platz, denn in der praktischen Umsetzung sind die Deutschen bedauerlicherweise den Schweizern bereits jetzt um Längen voraus.

    Die Tatsache, dass in der Schweiz über Sachgeschäfte abgestimmt werden kann, hat wohl tatsächlich nur begrenzt Einfluss darauf, wie populistisch und faktenresistent sich Politikerinnen und Politiker gebärden wollen.

    Was an der Scheizer Debatte allenfalls besonders war, war die politische Breite der Glaubili-Fraktion. Der parlamentarische Gegenvorschlag zur Initiative – er bestand im Streichen des Wortes „umfassend“ in der Forderung, die Komplementärmedizin sei zu berücksichtigen – war letzlich eine Erfindung der FDP. SP und Grüne sagten ja, weil sich kaum jemand ernsthaft mit den Initianten und von ihnen propagierten Methoden auseinandersetzen mochte, da diese ja angeblich allesamt „sanft“ und „natürlich“ sind. Die CVP ist wohl die typischste Windfahnenpartei der Schweiz und sagte nachdem Umfragen einen Ja-Anteil von 70% prognostiziert hatten, folgerichtig ebenfalls „Ja“. Und auch die rechtspopulistische SVP, die als einzige national bedeutende Partei die Nein-Parole herausgegeben hatte, hat eine ganze Zahl an Esoterikern in ihrer Fraktion.

    Vielleicht besteht in Deutschland noch eine Chance, dass sich die Skeptiker parteiübergreifend zu Wort melden?

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  2. „Vielleicht besteht in Deutschland noch eine Chance, dass sich die Skeptiker parteiübergreifend zu Wort melden?“

    Das kann man nur hoffen, wobei letztendlich immer Wahlumfragen richtungsweisend für Entscheidungen, bzw. Wahlversprechen sind. Schließlich muss man die Stimme des Wählers erst mal gewinnen 🙂

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  3. Ich wollte mich erst über die Schweizer und deren Abstimmungsverhalten bezüglich der Verankerung von komplementär- und alternativmedizinischen Therapien in der schweizerischen Verfassung lustig machen. (Ich darf das, denn ich bin gebürtiger Schweizer und seit 1973 Deutscher Staatsbürger.) Als ich dann aber in diesem Blog las, dass sich alle politisch relevanten Parteien in Deutschland(CDU, SPD, FDP, Die Grünen, die Linke und die Freien Wähler) für die durch nichts bewiesenen antroposophischen und homöopathischen Therapien einsetzen, stockte mir die sprichwörtliche Feder in der Hand !
    Toleranz gegenüber anderen Meinungen und Ansichten hört bei mir an diesem Punkt auf ! Da werden irgendwelche hanebüchenen Thesen und Ansichten eines Samuel Hahnemann und eines Rudolf Steiner zu wissenschaftlichen Disziplinen hochgejubelt, deren Pseudowissenschaftlichkeit längst hinreichend dokumentiert ist ! Da werden uns die Krise und die Finanzprobleme in der Gesundheitspolitik tagtäglich vor Augen geführt und im gleichen Zug soll Geld für mehr als nur fragwürdige Therapien (Homöopathie, Antroposophie, Neuraltherapie, Phytotherapie usw.) zur Verfügung stehen ? Sorry, aber dafür fehlt mir jegliches Verständnis ! Da passt einfach einiges nicht zusammen ! Ich ahnte ja bisher überhaupt nicht, dass einige der „armen“ Krankenkassen schon immer für alternative Therapien Geld – auch mein Geld ! – dafür ausgegeben haben !!! Wir Deutschen waren somit um kein Deut klüger als die 67 Prozent der Schweizer, welche die Pseudowissenschaftlichkeit jetzt sogar in der Verfassung festgeschrieben haben ! Ein Schildbürgerstreich erster Güte !
    Da aber auch unsere Politiker nicht klüger sind,als die Wähler in der Schweiz, sehe ich nicht ein, Lobbyisten der Komplementär- und Alternativmedizin zu wählen ? KNIF, kann ich da nur sagen: Kommt nicht in Frage ! Erstmals in meinem stürmischen Wechselwählerleben werde ich bei den anstehenden Wahlen (Gemeinderatswahlen in BaWü, Europawahl am 7. Juni und den Bundestagswahlen im September 2009) ins Lager der NICHTWÄHLER hinüberwechseln ! Ausgerechnet ich, der bis dato alle Familienmitglieder, Freunde und Bekannte stets dazu animiert hatte, sich an den Wahlen zu beteiligen.
    Es gibt zwar auch noch einige Splitter-Parteien, wie z.B. die „Christliche Mitte“ oder die AUF-Partei. Aber auch deren Parteiprogramme stellen sich ziemlich bescheuert dar. Ganz davon abgesehen, frage ich mich ohnehin, was denn Religion in der Politik überhaupt verloren hat !? Religion ist die Privatsache jedes einzelnen und hat in der Politik -schon gar nicht in einem säkulären Staat – rein gar nichts zu suchen ! Das „C“ ist übrigens einer der Gründe, weshalb ich die CDU noch nie gewählt habe ! Die Religionen – egal welche – haben in der Geschichte der Menschheit schon viel zu viel Unheil angerichtet. Sie sollten sich daher aus der Politik strikt raushalten !

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  4. Hallo Argus7,
    Ich kann auch keine Partei mit reinem Gewissen wählen. Andererseits spielen Nichtwähler Extremparteien wie NPD, DVU und Co. ungewollt Karten zu und das sollte strikt vermieden werden.
    Deswegen müssen wir sozusagen den Weg des geringeren Übels wählen. Für mich kommen zumindest weder oben genannte Extreme, noch GRÜNE, VIOLETTE,FDP oder C-Parteien in Frage.

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  5. 1. Die Rhythmische Massage der Anthroposophischen Medizin stellt ein „neues“ Heilmittel i.S.d. § 138 SGB V dar, auf das erst dann ein Behandlungsanspruch des Versicherten besteht, wenn es von dem Gemeinsamen Bundesausschuss in Form einer Richtlinie nach § 92 Abs. 1 Satz 2 Nr. 6 SGB V positiv bewertet worden ist. Dafür genügt eine reine Binnenanerkennung des Heilmittels innerhalb der Besonderen Therapierichtung nicht.

    2. Die bloße Nichtbefassung des Gemeinsamen Bundesausschusses mit der Rhythmischen Massage bewirkt kein Systemversagen, das zu einer Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenkasse führt. Den Antragsberechtigten steht angesichts der begrenzten Bearbeitungskapazität des Gemeinsamen Bundesausschusses ein Beurteilungsspielraum zu, ob sie ein Behandlungsverfahren der Besonderen Therapierichtungen einer Prüfung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss zuführen.

    Hessisches LSG · Urteil vom 24. November 2011 · Az. L 8 KR 93/10

    https://openjur.de/u/307935.html

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