Wird in der Schweiz die “Komplementärmedizin” in der Verfassung verankert?


Am 17. Mai 2009 hat die schweizerische  Bevölkerung die Möglichkeit, direkt darüber abzustimmen, ob „Alternative Heilmethoden“ zukünftig von der Grundversicherung finanziert werden müssen. Eine Verankerung der Komplementärmedizin in der Bundesverfassung steht zur Debatte. Letzten Umfragen zufolge ist es sehr wahrscheinlich, dass dieses Ziel auch erreicht werden wird.

Dass die entsprechend hohe Zahl von Befürwortern nicht von Ungefähr kommen kann, wird ersichtlich, wenn man betrachtet, wie massiv im Vorfeld Werbung betrieben wurde. Ali Arbia vom ScienceBlog hat das Thema mehrmals näher beleuchtet und erklärt sehr schön, worauf sich die Schweizer damit eigentlich einlassen.

So kurz vor der Volksabstimmung wird immer deutlicher, wie wichtig eine Gegeninitiative ist, um das Ruder eventuell doch noch herumzureißen.

Somit melden sich auch immer mehr Skeptiker, wie zum Beispiel Prof. Ulrich Berger, die GWUP und der schweizerische Immunbiologe Professor Beda Stadler zu Wort, um aufzuklären.

Man kann davon ausgehen, dass es sich hier nicht um ein explizit schweizerisches Phänomen handelt, wenn Eidgenossen mehrheitlich einen Hang zu unwirksamen Methoden wie Homöopathie und Anthroposophische Heilkunst verspüren. Die Wahrscheinlichkeit, dass auch in Deutschland und Österreich große Teile der Bevölkerung nach dem Motto: „Wer heilt hat Recht“ entscheiden würden, dürfte gegeben sein.

Deswegen macht es im höchsten Maße Sinn, die schweizerische Situation zum Anlass zu nehmen, um im gesamten deutschsprachigen Raum kritisch darüber zu berichten. Wer kann schon wissen, welches Land als nächstes versucht Quacksalbermethoden mit der evidenzbasierten Medizin gesetzlich gleichzustellen.

Wir haben bereits mehr als genug unsinnige Ausnahmeregelungen zur Unterstützung und Verbreitung von alternativem Heil-Unfug und in Österreich  sind reine „Placebo-Effekt-Methoden“ bereits an Universitäten salonfähig. Es ist also fünf vor zwölf, dass wir der Uninformiertheit und Ignoranz gemeinsam entgegenwirken.

Für jeden, der immer noch nicht weiß, dass Homöopathie und „Anthroposophische Heilmethoden“ nichts mit Wissenschaft und Medizin zu tun hat, hier noch ein paar Links:

und ferner noch:


Aktuelles Update 17.05.2009:

Die Schweizer Bürger haben sich nun mehrheitlich (67 %!) per Volksabstimmung dafür ausgesprochen, dass die „Komplementärmedizin“ in ihrer Verfassung verankert wird.

Damit soll der Weg frei gemacht werden, dass die im Jahre 2005 aus dem Leistungskatalog der Grundversicherung entfernten „alternativen Heilmethoden“ (hier: Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Phytotherapie, Traditionelle Chinesische Therapie, Neuraltherapie) zukünftig wieder von den schweizerischen Krankenkassen bezahlt werden.

Das die Schweizer ein scheinbar recht eigenwilliges „Völkchen“ sind, ist ja durchaus akzeptabel, aber es stellt sich in dieser Angelegenheit die berechtigte Frage, ob die Mehrheit der jetzigen „Befürworter“ eigentlich wissen, welchen vermeintlichen „Unfug“ sie zukünftig ihrer Krankenversicherung aufbürden wollen?

Ein geringer Trost bleibt aber den Kritikern dieser fragwürdigen „alternativen Heilmethoden“ zunächst, denn es ist noch offen, ob zukünftig die schweizerische Krankenversicherung derartige „Leistungen“ überhaupt bezahlen muss. Dies dürfte entscheidend davon abhängen, ob es bei der jetzigen Rechtslage bleiben wird, dass die Anbieter dieser „alternativen Heilmethoden“ zuerst den Nachweis erbringen müssen, dass ihre Behandlungsmethoden den auch für die Schulmedizin geltenden gesetzlichen Kriterien hinsichtlich Wirksamkeit, Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit entsprechen.

Sofern die derzeit noch bestehende Rechtslage nicht geändert  werden sollte, wird es den Anbietern wohl sehr schwer fallen, diese genannten Kriterien erfüllen zu können.

Weitere ergänzende Informationen zur „Volksabstimmung“ usw. finden Sie z.B. hier.

12 Gedanken zu “Wird in der Schweiz die “Komplementärmedizin” in der Verfassung verankert?

  1. „Baby starb nach Homöopathie
    05. Mai 2009 09.14 Uhr
    Prozess gegen Eltern, die ihr Baby homöopathisch behandeln ließen und nicht in die Klinik brachten. Es starb

    Wegen Verweigerung einer ärztlichen Behandlung für ihr sterbendes Baby steht ein Ehepaar in Sydney vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft machte am Dienstag geltend, das neun Monate alte Mädchen hätte gerettet werden können, wenn es früher ins Krankenhaus eingeliefert worden wäre. Das Kind litt an schweren Ekzemen, die schließlich eine tödliche Blutvergiftung auslösten. Zudem war es infolge häufiger Infektionen stark unterernährt. Die aus Indien stammenden Eltern versuchten jedoch bis zuletzt, die Hauterkrankung mit homöopathischen Mitteln zu bekämpfen. Sie wiesen vor dem australischen Gericht den Vorwurf des Totschlags zurück. Im Falle einer Verurteilung droht ihnen eine Haftstrafe bis zu 25 Jahren.“

    http://www.bz-berlin.de/aktuell/welt/baby-starb-nach-homoeopathie-article447134.html

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  2. […]“Wenn in der kommenden Volksabstimmung in der Schweiz die Alternativ-Medizin verfassungsmässig wieder in die Krankenversicherungen aufgenommen werden wird – die Umfragewerte lassen kaum einen Zweifel daran – dann nicht weil diese wirken, sondern viel mehr, weil diese Therapien die Illusion des sanften Heilens ohne grosse Fragen versprechen. Denn hier geht es um Glauben und Wohlfühlen, die Illusion, dass die Welt sich um den Menschen dreht und so magische Rituale (wie die Herstellung homöopathischer Mittel) verborgene Kräfte beschwören können, die uns helfen.

    So wird das Abstimmungsergebnis vor allem zeigen, wie die Schweizer die Welt gerne möchten: Mit dem Menschen im Zentrum der Natur, in der Medizin-Magier Krankheiten mit Zaubermitteln und Nadeln besiegen. Derweilen werden die Viren weiter mutieren. Ganz reell, eiskalt und getrieben von den wissenschaftlichen Gesetzen der Evolution.“

    http://www.nachrichten.ch/kolumne/384972.htm

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  3. Wusste gar nicht, dass mittlerweile auch schon in Deutschland darüber berichtet wird. Als Schweizer hatte ich gehofft, dass im Ausland niemand von dieser Abstimmung erfährt, denn sie ist mir ehrlich gesagt peinlich. Noch immer hege ich allerdings die (unrealistische?) Hoffnung, das Stimmvolk möge am 17.Mai unser Land nicht noch mehr blamieren 😀 … Liebe Grüsse nach Deutschland, Sebastian

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  4. Hallo Sebastian,

    Dir muss die Situation bestimmt nicht peinlich sein. In Deutschland und in Österreich haben wir den gleichen Trend und wir können uns doch nicht für unsere Länder schämen, weil es Landsleute gibt, die anders ticken, als wir. Ich finde es nur traurig, dass dadurch die Errungenschaften der Medizin keine allgemeine Anerkennung mehr finden und dass durch den Heil-Quark immer auch Kinder gefährdet werden. Mehr als aufklären kann man aber nicht.

    Liebe Grüße in die Schweiz, Elke

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  5. Liebe Elke,
    klar kann man ja nicht für alle seine Landsleute Verantwortung übernehmen, aber ein wenig Fremdschämen ist ja wohl erlaubt 😉 . Als Medizinstudent habe ich gerade letztes Wochenende 2 meiner besten Freunde, beides Akademiker (!) davon zu überzeugen versucht, dass die Homöopathie keinen Wirksamkeitsnachweis erbracht hat (und je erbringen wird), aber irgendwie habe ich 2 Stunden gegen eine Wand geredet und es kommt mir so vor als wisse jeder alles sowieso besser und Schulmedizin ist eh scheisse und die bösen Pharmamultis sind an allem schuld und sowieso, Impfen braucht keine Sau usw… es ist einfach frustrierend! Das schlimmste Argument ist: „Aber heilt nicht ganzheitlich!“ Darauf hin habe ich zurückgefragt: Was heisst ganzheitlich heilen denn? Die Antwort sind sie mir schuldig geblieben.
    Aber klar, ich kämpfe um jede Seele 😀 , meine Familie & Freundin hab ich überzeugen können, fehlen nur noch die restlichen 7.5 Mio Mitbürger. Lg

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  6. Hallo Sebastian,

    Ich verstehe dich sehr, sehr gut. Ganzheitlich bedeutet schließlich nichts anderes, als wenn man seinem Arzt vertraut, dieser sich Zeit nimmt und auch zuhört, neben der eigentlichen Untersuchung.

    Entsprechende Diskussionen, wie du sie führst, die auch hier bis zum Exzess ablaufen:

    http://www.scienceblogs.de/mt/suche.cgi?IncludeBlogs=1%2C3%2C5%2C7%2C8%2C9%2C11%2C12%2C13%2C14%2C15%2C16%2C18%2C20%2C22%2C23%2C25%2C28%2C29%2C30%2C32%2C34%2C35%2C36%2C39%2C40%2C41%2C42%2C43%2C45%2C46%2C48%2C49%2C50%2C51%2C52%2C54&search=Hom%C3%B6opathie&go=GO

    drehen sich in der Regel immer im Kreis, denn gegen die Totschlagargumente „Wer heilt hat Recht“ und „Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde …“ ist kein Kraut gewachsen. Aus Korrelation wird Kausation und somit wird jede persönliche Erfahrung zum objektiven Beweis, der nicht weiter hinterfragt werden muss. Zudem erhält man heute genügend Unterstützung von Pseudowissenschaftlern, die die Quantenmechanik missbrauchen, um „Beweise“ zu liefern.

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  7. Liebe Elke,
    das ist schon so. Punkto Totschagargumente kann ich aber noch einen draufsetzen. Eine Politikerin (Simonetta Sommaruga) hat an einer TV-Diskussion gemeint: Die Schulmedizinischen Methoden reichen nicht aus und sind auch schlichtweg nicht richtig wenn es darum geht, Alternativmedizin zu beurteilen.
    Ich weiss nicht, wie sonst aber damit kann man sich natürlich jeglicher Objektiven Betrachtung verweigern, ist ja klar. Als „Wirksamkeitsnachweis“ wollen die Alternativmediziner in Zukunft bei uns Studien machen, ob der Patient mit der Behandlung zufrieden war oder nicht … KA-TA-STRO-PHE! Oder die Impfgegner welche Argumentieren, es seien mehr Fälle von Autsimus aufgetreten seit der Einführung von Impfungen… ich weiss nicht ob die sich im klaren sind, dass (sic!) die Anzahl von Lungenkrebsfällen statistisch signifikant mit der Einführung des Farbfernsehens korreliert 😀

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  8. Hallo Sebastian,

    „Die Schulmedizinischen Methoden reichen nicht aus und sind auch schlichtweg nicht richtig wenn es darum geht, Alternativmedizin zu beurteilen.“

    Dieses Gequarke habe ich schon so oft gehört, dass es mir aus den Ohren quillt.

    Jeder, der in seiner Argumentation evidenzbasierte Methoden und die Naturgesetze aushebeln will, ist nichts anderes als ein Träumer, der händeringend nach Beweisen für sein Wunschdenken sucht und somit die Realität ignoriert.

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  9. @Sebastian
    Der Zusammenhang zwischen Impfen und Autismus ist schlicht und einfach Nonsens. Die entsprechende Arbeit von Andrew Wakefield aus dem Jahr 1998 enthält nicht nur gravierende Fehler, sie ist inzwischen längst durch andere Arbeiten widerlegt. Wakefield selbst hatte von Anwälten, die Eltern autistischer Kinder vertraten, Geld erhalten … … die Anwälte wollten eine Sammelklage gegen Impfmittelhersteller anstrengen und Schadensersatz kassieren…

    Ansonsten ist der übliche Ruf der Naivmediziner nach anderen „Wirksamkeitskriterien“ natürlich ein Skandal. Mit deren Nachweismethode kann ich sofort beweisen, dass die Erde im Mittelpunkt des Universums fest steht (oder hängt), denn kein Mensch hat bisher die Rotation am eigenen Leib gespürt, aber wir alle sehen doch, dass die Sonne auf und untergeht, sich also um die Erde drehen muss.
    Ich finde übrigens den Spruch „Wer heilt hat Recht“ gar nicht schlecht – allerdings fehlt der wichtige Nachsatz “ … soweit er denn tatsächlich und ursächlich für die Heilung verantwortlich ist und dies auch belegen kann.“

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  10. Liebe Leute,
    ich muß es zu meinem Leidwesen und meiner Schande einräumen, dass ich gebürtiger Schweizer bin ! Diese Laune der Natur habe ich dann korrigiert, indem ich nach Deutschland emigrierte und seit 1973 die deutsche Staatsbürgerschaft erworben habe. Wenn man bedenkt, dass das Frauenstimmrecht erst 1971 (durch Volksabstimmung) eingeführt wurde, bekommt man bereits eine kleine Ahnung, wie es mit dem Fortschrittsdenken und dem Abstimmungsverhalten in der Schweiz bestellt ist ! In kantonalen Angelegenheiten durften die Frauen im Kanton Appenzell-Innerrhoden übrigens erst ab 1990 ihr Stimm- und Wahlrecht ausüben ! Steuern zahlen durften die Schweizerinnen allerdings schon eh und je. Dass es in der Schweiz noch etliche solcher Kuriositäten gibt, lassen wir gnädigerweise mal außen vor. Ich lasse es bei einem Ausschnitt aus einer Rede des schweizerischen Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt bewenden, der anläßlich einer Preisverleihung an den damaligen tschechischen Präsidenten Vaclav Havel zum Thema „Freiheit“ erklärte:
    „Der Schweizer hat…den dialektischen Vorteil, dass er gleichzeitig frei, Gefangener und Wärter ist. Das Gefängnis braucht keine Mauern, weil seine Gefangenen Wärter sind und sich selber bewachen, und weil die Wärter freie Menschen sind, machen sie auch unter sich und mit der ganzen Welt Geschäfte, und wie! und weil sie wiederum Gefangene sind, können sie nicht der UNO beitreten, und die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft bereitet ihnen Sorgen.“
    Nun ja, so kommt es vermutlich dazu, dass sich die Schweizer am 17. Mai die Freiheit nehmen werden, für ihre Wehwehchen auch homöopathische Mittelchen auf Kosten der Allgemeinheit zu konsumieren. Da können wir „Ausländer“ heil froh sein, dass es bei uns keine direkte Demokratie mit Volksabstimmung gibt ! Sollte es nämlich auch in Deutschland oder Österreich zu einer vergleichbaren Volksabstimmung kommen, müßten wir leider davon ausgehen, dass sich auch hierzulande eine Mehrheit für kostenfreie Behandlung mit sog. alternativer Medizin aussprechen würde. (Dummheit, Ignoranz und Unverstand haben noch nie vor Grenzen haltgemacht !)
    Noch schützt uns die viel geschmähte repräsentative Demokratieform vor solchen Fehlentwicklungen, wie sie sich in der Schweiz anbahnen. Denn, der hehre Satz „Alle Macht dem Volke !“ kann sich ganz schön zum Nachteil auswirken.
    Die Schweizer werden es erleben und schwer daran zu knabbern haben, wenn’s darum geht die höheren Gesundheitskosten zu finanzieren.
    Aber, wer weiß !? Vielleicht gleicht sich das ja kostenmäßig aus, wenn die Sterblichkeitsrate durch den Einsatz homöopathischer Mittelchen für ein früheres Ableben sorgt und auf diese Weise zur Kosteneinsparung beiträgt !? Es steht aber auch zu befürchten, dass nach der Abstimmung in der Schweiz die Kosten für Rattenscheiße und Hundekot in die Höhe schnellen werden ! Die Schweizer verstehen es schließlich, wie man selbst mit Sch…. ein Vermögen erwirtschaften kann !
    Übrigens: Böse Zungen behaupten, dass alle guten und vernünftigen Schweizer längst im Ausland leben ! Na, ja, da könnte schon was Wahres dran sein !

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