Schulpflicht ist Zwang und Gewalt ??


Der Amoklauf in Winnenden hat eine Lawine an Spekulationen ausgelöst, die alle von Ursachen und entsprechenden Lösungen sprechen.

Es scheint so, als gäbe es in unserem Land unendlich viele Menschen, die ohne genaues Hintergrundwissen und ohne entsprechende psychologische Kenntnisse und Qualifikationen, exakte Einschätzungen tätigen könnten.

Man möchte fast annehmen, dass sich hier die immer größer werdende Akzeptanz von übersinnlichen Fähigkeiten, vermittelt von Esoterikern und Anthroposophen, zu Buche schlägt.

Sei es wie es mag, ich kann jedenfalls mit entsprechenden überbordenden Selbstüberschätzungen rein gar nichts anfangen. Zumal immer eigene subjektive Erfahrungen auf die gesamte Gesellschaft übertragen werden und dadurch Pauschalurteile entstehen, die in der Verbreitung keine Hilfe darstellen, sondern ganz im Gegenteil, nur noch mehr Ängste schüren.

Ganz extrem verwerflich finde ich in diesem Zusammenhang die Forderung die Schulpflicht abzuschaffen, weil sie mit Zwang und Gewalt einherginge und somit Gewalt und auch Amokläufe erzeuge.

Entsprechende „Argumente“ dazu lassen sich in einem langen Thread auf ADS/ADHS Chaos im Kopf nachlesen.

Für mich ist hier jede Toleranz fehl am Platz und ich weigere mich schlicht mit Vertretern dieser Anschauung unendlich zu diskutieren.

Mich würde jedoch interessieren, wie viele Menschen in Deutschland  eine Tendenz dazu haben die Schulpflicht abschaffen zu wollen, bzw. im Extremfall das Unschooling zu fordern?

Kann und darf es wirklich sein, dass Eltern ihren Erziehungsauftrag darin sehen, dass Kindern keine Lernziele vorgegeben werden dürfen, weil Kinder diese selbst bestimmen könnten?

Kann und darf es wirklich sein, dass Eltern ihren Erziehungsauftrag darin sehen, dass Kindern nur gelehrt werden soll, was den Vorstellungen der Eltern entspricht?

Kann und darf es wirklich sein, dass Eltern ihren Erziehungsauftrag darin sehen, dass Kindern Hausunterricht erteilt wird, wobei auf das Erlernen sozialer Kompetenzen bewusst verzichtet wird oder diese Vermittlung nach eigenem Ermessen geschieht durch regelmäßige Treffen mit  ideologisch Gleichgesinnten?

Muss man sich hier nicht unbedingt darüber Gedanken machen, was es bedeutet Kinder zu erziehen, die später als Erwachsene mit den in unserer Gesellschaft bestehenden Voraussetzungen  zurecht kommen müssen?

Bei oben genannten Forderungen zur Abschaffung der Schulpflicht wird immer wieder auf das Recht der eigenen Freiheit verwiesen. Dabei erschließt sich mir jedoch nicht, welche Freiheit für die Kinder gemeint sein sollte, die dabei jeglicher Indoktrination und einseitigen Anschauung der Eltern vollkommen ausgeliefert wären.

Selbst bei nicht ideologisch verhafteten Eltern, liegt die Motivation des Ablehnens  der Schule zutiefst in eigenen negativen Erfahrungen begründet, die im schlimmsten Fall zu Resentiments ausufern, die dazu führen, dass man Lehrer generell nicht respektieren könne, weil sie für den „Schulzwang“ arbeiten würden.

Geht’s da noch? Was um Gottes Willen würde diesen Kindern gelehrt? Die einzige Assoziation, die mir hierzu einfällt, ist der Antisemitismus gegen die Juden.

Wobei ich in keiner Weise annehme, dass sich diese Eltern Gedanken machen, die über ihren eigenen Tellerrand hinausreichen, und dass sie deswegen auch nicht als bewusst gefährlich einzustufen sind.

Was sich jedoch herauskristallisiert, ist die Tatsache, dass man nicht alle Erwachsenen pauschal als mündige und verantwortungsbewusste Bürger bezeichnen kann, die ihren persönlichen Willen in einer demokratischen Gesellschaft durchsetzen dürfen sollten.

Die Freiheit der eigenen Individualität muss dort begrenzt werden, wo sie dem Gemeinwohl schadet. Dies macht eben auch eine Demokratie aus, die auf solidarischen Prinzipien aufbaut. Es gibt keine Rechte ohne Pflichten und wer den Bogen überspannen möchte, der soll sich gerne eine Diktatur suchen, die seinen eigenen dogmatischen Ansprüchen entspricht.

Denn wo liegt denn der Unterschied von Eltern, die pauschal zum Rassenhass, zum Judenhass oder zum Lehrer- und Schulhass erziehen und ihren Kindern jede Möglichkeit der eigenen Erfahrung vorenthalten?

Wie soll man so ein Verhalten ansonsten bezeichnen, wo wir doch wissen, dass wir alle auf ein Gemeinwesen angewiesen sind, das gegenseitige Unterstützung fordert, um jedem möglichst gerecht zu werden.

Singuläre Bedürfnissträger, die sich lediglich auf eine subjektiv zu beurteilende  Individualentfaltung beschränken und gleichzeitig jede Verantwortung für die Gesellschaft ablehnen, können nicht verlangen, dass man ihnen mit Toleranz begegnet. Warum sollte sich denn die verantwortungsbewusste Allgemeinheit darauf einlassen, sämtliche Fehler von Eigenbrödlern irgendwann auch noch ausbaden, bzw. ausbügeln zu müssen?

Für meinen Geschmack ist dies zu viel verlangt und gerade wenn es um Kinder geht, die der Welt im Optimalfall mit offenen Augen begegnen sollten, um später selbstverantwortlich und solidarisch Entscheidungen treffen zu können, ist jede dogmatische Prägung ein Fluch, der nicht selten das gesamte Leben negativ beeinträchtigt.

Auch wenn in unseren staatlichen Schulen noch vieles zu verbessern wäre und ist, kann man ihnen jedoch nicht absprechen, dass sie immer noch die beste Möglichkeit darstellen, um allumfassend zu informieren und fundiertes Wissen zu lehren, das eine einseitig dogmatische Meinungsbildung so gut wie möglich ausschließt.

Davon profitieren durch die Schulpflicht alle Kinder gleichwertig ohne Ausnahme und wenn dies nicht so wäre hätten wir nicht nur geschätzte 4 Millionen Menschen in unserer Gesellschaft, die schlecht lesen und schreiben können, sondern auch noch ganz viele, die zudem verpflichtet würden als Kinder zu arbeiten oder die selbst wählen dürften, was immer sie tun möchten, ganz gleich zu welchem Ziel es führen würde, bzw. zu welchem Ziel  ihre Eltern sie führen möchten.

Ich für meinen Teil finde, dass es in unserer Gesellschaft bereits mehr als genug Parallelwelten gibt, die sich dem Gemeinwohl entziehen und gleichzeitig Anerkennung und Unterstützung vom Staat fordern. Dazu gehören an erster Stelle die Anthroposophen und ihre Waldorfpädagogik, fundamentale Christen, Esoteriker und Scientologen, ihre Weltanschauung und ihre alternativen Heilverfahren, die im Prinzip alle Einfluss auf die Kindererziehung ausüben und es auch schon länger und in steigender Tendenz tun.

Das Plädieren für ein Abschaffen der Schulpflicht öffnet diesen Gruppen zusätzlich Tür und Tor und deswegen sollte sich jeder Einzelne, der dafür andere private Interessen anführt, massive Gedanken machen, ob es wirklich erstrebenswert erscheint dieses Ziel weiterhin zu verfolgen?

Update:

Schauen Sie sich bitte die sechs Videos über folgenden Link zu „Jesus-Camp“ an. Dies sind in der Masse die Kinder, die in den USA zu Hause unterrichtet werden, Kinder von Evangelikalen:

Dazu auch interessant:

9 Gedanken zu “Schulpflicht ist Zwang und Gewalt ??

  1. Pingback: pro Schule - contra Schwachfug « Achter

  2. Obwohl Sie selbst „Pauschalurteile“ verurteilen, habe ich selten einen Artikel gelesen der so voller Pauschalurteile war, wie dieser Post. Ich habe einige kurze Anmerkungen über die es sich m.E. lohnt mal nachzudenken:

    -Klar weigerten sich vor 100 Jahren Bauer ihre Kinder in die Schule zu schicken, weil sie sie als Arbeiter brauchten, aber das ist lange her. Deshalb wurde damals Schulpflicht eingeführt. Das heute noch als Argument anzuführen ist doch recht merkwürdig.

    -Wie wäre es mit einem Recht auf BILDUNG anstatt Schulzwang? Wie die PISA-Studien immer wieder nachweisen, bedeutet Schule nicht unbedingt Bildung!

    -nur in Deutschland ist es verboten, Schüler wo anders als in der Schule zu unterrichten. In den USA gibt es z.B. über 3mio registrierte homeschooling-kids.

    -Kinder die zu Hause unterrichtet werden (z.B. in Finnland, Österreich, Norwegen usw) erbringen im Durchschnitt bessere Leistungen als Gleichaltrige die zur Schule gehen.

    -Nach neuesten Studien lernen Kinder Sozialverhalten VOR ALLEM von den Eltern (vgl. Dr. Neufeld: Hold on to your kind) Das ist also auch kein Argument

    -Ja, die Gefahr mit den Sekten besteht. Allerdings passiert das doch heute auch schon z.B. bei den Zeugen Jehovas, die die Kinder zwar zur Schule schicken, aber danach sozial KOMPLETT isolieren. Da kümmert sich ja auch keiner drum

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  3. ZITAT-Kinder die zu Hause unterrichtet werden (z.B. in Finnland, Österreich, Norwegen usw) erbringen im Durchschnitt bessere Leistungen als Gleichaltrige die zur Schule gehen.
    Es erscheint mir plausibel, daß Eltern, die das Geld haben ihre Kids von guten Lehrern privat beschulen zu lassen dafür auch gute Noten erwarten. Was beweist das schon?
    ZITAT-Nach neuesten Studien lernen Kinder Sozialverhalten VOR ALLEM von den Eltern.
    Nach neuseten Studien wird Sozialverhalten VOR ALLEM genetisch determiniert, der „erlernte“ Rest erledigen Vorbilder, und das sind eher Gleichaltrige als die Eltern. Der wichtigste Einfluss der Eltern auf Persönlichkeit, Sozialkompetenz und Beziehungsfähigkeit findet in den allerersten Lebensjahren statt, zu einer Zeit, wo Schule noch gar keine Rolle spielt.
    Homeschooling (z.B. in den USA) ist legalisierte geistige Inzucht.

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  4. @Daniel
    Sie sollten sich mal etwas eingehender damit befassen, welche Motivation in den USA dazu führt, dass ein viertel der Bevölkerung ihre Kinder zu Hause unterrichtet.
    Die große Masse dieser Menschen zählt zu den Evangelikalen.
    Sie kämpfen gegen Emanzipation und Evolutionslehre, Pornografie, Homosexualität und den Islam: Evangelikale Christen sind auf einem Kreuzzug gegen den Zeitgeist.
    Und wenn Sie nun annehmen, dass diese Strömung in Deutschland vollkommen zu vernachlässigen ist, dann empfehle ich Ihnen folgenden aktuellen Artikel unter „taz.de“; ich zitiere kurz daraus:

    […] „Es sind nunmehr fast eineinhalb Millionen Evangelikale, die sich unter dem Dach der „Deutschen Evangelischen Allianz“ versammeln. Manche Schätzungen kommen sogar auf bis zu 2,5 Millionen Evangelikale in Deutschland. Hunderte neue freikirchliche Gemeinden, die dem evangelikalen Spektrum zugerechnet werden, haben sich in den vergangenen Jahren gegründet.“ […]
    […] „Immer lauter mischen sich die Evangelikalen in Debatten und Wahlkämpfe ein, bombardieren Politiker mit Briefen und Fragen.“ […]

    Desweiteren ist der Kreationismus, der von Evangelikalen sowieso gepredigt wird generell auch auf dem Vormarsch.

    Es ist schon schlimm genug, dass es bereits Einflüsse dieser Gruppierungen in manchen Schulen gibt. Die Schulpflicht und kultusministeriale Bildungspläne können jedoch immer noch an erster Stelle verhindern, dass Kinder ausschließlich entsprechenden Anschauungen aus dem Mittelalter ausgesetzt werden.
    Es sind aber nicht nur die Evangelikalen, für die die Abschaffung der Schulpflicht ein gefundenes Fressen wäre, denn gerade auch esoterische Strömungen,die von den „Kindern der neuen Zeit“ sprechen, dem sogenannten „Indigo-Phänomen“ wünschen sich einen völlig anderen Umgang mit Kindern, was natürlich ebenfalls die Bildung betrifft.
    Alle ideologischen Gruppierungen fordern die Freiheit der Entscheidung über die Lehrinhalte. Sie sind schließlich nicht an einer Bildungspflicht interessiert, die ihnen wiederum vorgeben würde, was gelehrt werden muss.
    Die Abschaffung der Schulpflicht und die Einführung einer Bildungspflicht, würde diese Fundamentalisten bestimmt nicht davon abhalten ihre Kinder in ihrem Sinne zu indoktinieren. Neben dem Heimunterricht gibt es dann zur Sozialisation zum Beispiel ein Bibel-Camp für Evangelikale.
    Eine kritische Anmerkung zum „Jesus Camp“ finden Sie übrigens hier unter hpd.de!

    oder ferner absurd: Kryon-Festivals für Esoteriker.

    Dass sich keiner darum kümmert, was „Zeugen Jehovas“ mit ihren Kindern nach der Schule machen, ist für mich kein Argument. Für diese Kinder wäre es jedoch auch noch schlimmer, gäbe es keine Schulpflicht mehr.

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  5. Weiß ja nicht, wann sich die Elke schon beleidigt fühlt. Anscheinend schon bei sachlicher Kritik an ihrem Artikel. Elke verteilt hier massenweise Beleidigungen und dass sie Gegenstimmen nicht zulassen sagt schon alles.
    Keine Ahnung, was sie unter „kritisch, aufklärend, investigativ“ verstehen, aber Links zum Thema, die die Gegenseite zeigen, scheinen Sie ja nicht abzukönnen.
    Löschen Sie das ruhig. Zensur ist ja ein beliebtes Mittel in manchen Gesellschaften.

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  6. Danke fuer das interessante Blog, ich habe heute bis Seite 6 gelesen.

    Ich moechte hier nicht bashen, aber fuer mich ist Schulpflicht durchaus Zwang und ich wuerde es begrueszen dass es moeglich waere nicht diesem Zwang unterworfen zu sein. Ich wurde ueber 5 Jahre an einer Staatsschule massiv gemobbt und war ueber die ganze Zeit sozial isoliert. Zudem schien es nur die Alternative gegeben zu haben kein Abitur zu machen oder als Sehbehinderte mich irgendwie ohne Support der Schule durchzuwurschteln. Wenn Homeschooling legal waere waeren mir einige Alptraeume erspart geblieben.

    Ja, es wird Leute geben, die Homeschooling fuer ihre Ideen nutzen. Aber diese Leute gruenden jetzt halt Privatschulen dafuer. Ich sehe nicht wie das besser sein soll. Ein Modell wie in .at mit staatlichen, jaehrlichen Tests waere IMHO das beste beider Welten. So schwer es manchmal aber sein mag, IMHO muss man auch den Andersdenkenden Freiheit gewaehren.

    Entschuldigen Sie meine fehlenden Umlaute, ich benutze eine britische Tastatur.

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