Misteltherapie bei Krebs – in der ARD beworben


Dass Esoterik und alternative Heilmethoden längst von allen Medien aufgegriffen wurden, habe ich ja bereits schon öfter thematisiert.

Folgende aktuelle Begebenheit schießt jedoch sprichwörtlich den größten Bock ab.

In der Telenovela „Sturm der Liebe“, die seit Jahren täglich von der ARD ausgestrahlt wird, erhält eine schwer Krebskranke die  Empfehlung sich einer Misteltherapie zu unterziehen statt weiterhin der „Schulmedizin“ zu vertrauen.

Dem Zuschauer wird in den Folgedialogen eindeutig vermittelt, dass Mistelpräperate in der Krebstherapie Erfolge erzielen könnten und dass es Nachweise für die Wirksamkeit geben würde.

Weiß man eigentlich, was man hier bewirbt ??? Sicherlich nicht und deswegen erscheint es besonders angebracht jedem Leser zu verdeutlichen, worum es hier geht.

Die Mistel zur Krebsbehandlung findet ausschließlich Verwendung in der Anthroposophischen Heilkunde, deren Begründer Rudolf Steiner alle Erkenntnisse über Therapeutika, die heute vertrieben werden, aus „Schauungen“ bezog. Er war KEIN Mediziner, sondern unter heutigen Gesichtspunkten jemand, der an einer mediumistischen Psychose litt, die ihn glauben machte mit einer „Geistigen Welt“ in Kontakt zu stehen. Anhand seiner „Hellsicht“ kam es eben auch zu allen „Eingebungen“, wie Krankheiten entstehen, welche Bedeutung man ihnen zuschreiben und mit welchen Mitteln man sie therapieren müsse.

Hier seine Begründung,

warum die Mistel bei Krebs verordnet werden solle:

(Der Textauszug stammt aus dem obigen Link zur Anthroposophischen Heilkunde von Colin Goldner)

„Der Glaube an die Wirkkraft der Mistel rührt in erster Linie von einem Analogiedenken: Wie beim Krebs handle es sich auch bei der Mistel um einen Schmarotzer; wie der Krebs, der sich dem normalen Zellwachstum widersetze, widersetze sich auch die Mistel den Gesetzen der Natur: sie blühe im Winter, berühre die Erde nicht und wachse nicht dem Sonnenlicht entgegen.

Von entscheidender Bedeutung soll die indikationsbezogene Wahl der Wirtsbäume sein: Zur Behandlung etwa von Karzinomen des Urogenitaltraktes seien bei männlichen Patienten Mistelpräperate vom Wirtsbaum Eiche zu verwenden, bei weiblichen Patienten dagegen vom Wirtsbaum Apfel.“

Leider ist dies keine Real-Satire, sondern der tatsächliche Hintergrund für die Misteltherapie.

Desweiteren gibt es keinen einzigen wissenschaftlich anerkannten Nachweis für die Wirksamkeit entsprechender Präparate, die von anthroposophischen Firmen vertrieben werden. Erfolge resultieren einzig und allein aus dem Placebo-Effekt.

Es gibt jedoch zunehmend seriöse Hinweise darauf, dass Mistelprodukte das Tumorwachstum stimulieren und somit die Überlebenszeit der Patienten verkürzen.

Da in Deutschland die Anthroposophische Heilkunde sowie die Homöopathie einen Sonderstatus einnehmen, der ihnen erlaubt alle Mittel ohne Wirksamkeitsnachweis zu vermarkten, wird verständlich, warum diese Therapien so populär werden konnten.

Armes Deutschland!

In der FAZ berichtet Stefan Niggemeier von der Werbung für die Misteltherapie in „Sturm der Liebe“. Dort findet sich auch die Kopie des Originaldialogs der Sendung und desweiteren welche Stellung das ARD auf Nachfrage bezieht:

4 Gedanken zu “Misteltherapie bei Krebs – in der ARD beworben

  1. Das bekannteste und marktführende Mistelpräparat in Deutschland ist das Produkt Iscador® der Weleda AG.
    Nach dem Arzneiverordnungsreport 2008 hatte Iscador® 2007 147.000 Verordnungen und einen Umsatz von 10,7 Millionen Euro zu Lasten der GKV, was 4,7 Millionen DDD (definierte Tagesdosen) entsprach.

    Die Konkurrenten:
    Helixor®: 6,05 Millionen Euro (3,5 Millionen DDDs)
    Lektinol®: 4,66 Millionen Euro (2,3 Millionen DDDs)
    Abnobaviscum®: 2,41 Millionen Euro (1,0 Millionen DDDs)

    Dazu interessant:

    inmedia 210:

    – ZULASSUNGSVERBOT FÜR ANTHROPOSOPHIKA IN HOLLAND
    Das oberste Gericht der Niederlande hat das Urteil im Rechtsstreit um die Anthroposophika gefällt. Mit dem Urteilsspruch wird den Anthroposophika in den Niederlanden die Registrierungsmöglichkeit für den Arzneimittelmarkt genommen, da sie weder homöopathisch hergestellt werden noch reguläre Medikamente seien. Von diesem Urteil sind 30 Prozent der anthroposophischen Heilmittel betroffen. Patientenorganisationen, Ärzte und Pharmazeuten hatten für die gesonderte Zulassung geklagt, da die objektive Wirksamkeit anthroposophischer Medikamente nach regulären Zulassungskriterien, die für alle Medikamente gelten, schwieriger zu erbringen sei. Das Gericht verweigert, trotz Fürsprache der Europäischen Kommission die Zulassung, wie sie für homöopathische und Komplementär- oder Phytoarzneimittel besteht, die jeweils weitere 30 Prozent der anthroposophischen Medikamente abdecken.

    Im Original:http://www.antroposana.nl/

    Und: „Rote Zahlen bei Weleda“ (für das Jahr 2008)
    http://www.themen-der-zeit.de/content/Rote_Zahlen_bei_Weleda.891.0.html

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  2. Danke für die Zahlen! 10 Millionen mögen im Verhältnis zum Gesamtbudget der GKV Peanuts sein, aber sie werden an anderer, sinnvollerer Stelle fehlen. Der eigentliche Skandal sind immer noch die Ausnahmeregelungen für einige „alternativmedizinische“ Verfahren im Arzneimittelgesetz. Wie Professor Lambeck in seinem Buch „Irrt die Physik?“ so schön schreibt: Das ist genau so als wenn bestimmte Autofahrer sich ihre TÜV-Plaketten selber malen dürften – in diesem Fall lässt man das mit dem Argument „Verkehrssicherheit“ natürlich nicht zu …

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  3. Wieso werden bei einer Krebsbehandlung die enormen Kosten für eine Misteltherapie von den Krankenkassen übernommen, wenn diese Therapie nach Ihrer Auffassung sinnlos ist?

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  4. @Müller

    Das ist ja gerade der Witz des Jahrhunderts.

    Siehe auch:
    http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/nano/cstuecke/94076/index.html

    Die gesetzlichen Vorschriften sind in keiner Weise vereinbar mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen.
    Der Placebo-Effekt lässt grüßen, bzw. wird die Misteltherapie von den Kassen zusätzlich zur medizinischen Behandlung bezahlt. Wenn es den Patienten dann besser geht, wird subjektiv dem Mistelpräperat die Verbesserung zugeordnet.

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