Waldorf one world ??? – ein weiterer Beitrag der ehemaligen Waldorflehrerin


Da die ehemalige Waldorflehrerin noch einiges zum Thema beitragen kann, möchte ich dies auch veröffentlichen:

Das Thema Anthroposophie und Waldorfschule wird zur Zeit in Deutschland heftig diskutiert. Als Betroffene habe ich mich über viele Jahre mit diesem Themenkomplex beschäftigt und sehe meine Aufgabe vor allem in der Aufklärung.

Ein Thema lässt mich dabei nicht los:

Brisant und gefährlich sind die Beiträge von Rudolf Steiner zum Islam.

Steiner schreibt dazu: „Der Mohammedanismus ist die erste ahrimanische Manifestation, die erste ahrimanische Offenbarung nach dem Mysterium von Golgatha. Der Gott Mohammeds, Allah, Eloha, ist ein ahrimanischer Abglanz der elohistischen Wesenheiten, der Elohim, aber monotheistisch erfasst. …Die mohammedanische Kultur ist ahrimanisch, aber die Gemütsverfassung ist luziferisch.“ (GA 300a, Konferenz vom 9.6.1920, S.130 – GA ist immer die Abkürzung für Gesamtausgabe – Ahriman und Luzifer sind Erscheinungsformen des Bösen [Teufel])

Weiterhin sieht Steiner in der „mohammedanischen Lehre die stärkste Polarität zum Christentum, denn sie hat den Willen zum Beseitigen aller Freiheit für alle Zukunft, den Willen zum Determinismus, wie es nicht anders sein kann, wenn man die Welt nur im Sinne des Vatergottes vorstellt. Und der Apokalyptiker empfindet: Da kann der Mensch sich nicht selber finden. Da kann der Mensch nicht durchchristet werden.“ (GA 346, S.107)

Darüber versteht sich, warum Steiner dem Islam den Status von Religion schlicht aberkennt. Wörtlich heißt es: „Nach dem Christentum, das ist ganz klar für den, der die Begründung des Christentums kennt, kann eine neue Religion nicht mehr begründet werden. Man würde das Christentum unrichtig verstehen, wenn man glauben würde, dass eine neue Religion begründet werden könne.“ (GA 211, S.139)

Die oben angegebenen dezidierten Äußerungen von Steiner gelten vielen als „unfehlbare Ergebnisse geisteswissenschaftlicher Forschung“ ähnlich wie im Rahmen des Unfehlbarkeitsdogmas erlangte Entscheidungen des Papstes.

Ich hätte solche Äußerungen manchmal am liebsten nicht gelesen, doch ist das Werk Steiners veröffentlicht und viele der schlimmen Schriften sind immer noch nicht verboten worden. Die Steinersche Sichtweise zum Islam und zur arabischen Welt sind inzwischen in „Anthrowiki“, einer freien anthroposophischen Internet-Enzyklopädie, nachzulesen.

Das „Frankfurter Memorandum“ von Roman Brüll und Jens Heisterkamp, das erstmals in der „Info 3“ vom Oktober 2008 veröffentlicht wurde, klärt endlich über Rassismus und Antisemitismus bei Steiner auf; die beiden genannten Autoren sind dafür von anthroposophischer Seite heftigen Angriffen ausgesetzt. Ihnen wird der Rückzug von Steiner und die Beschäftigung mit amerikanischen esoterischen Praktiken und Traditionen vorgeworfen und auf ihre spirituellen Lehrer als anthroposophische Vorbilder verwiesen. (siehe Artikel: Visionen, Traditionen – oder gar Auflösung? Ein Kommentar von Andreas Neider in „Anthroposophie weltweit – Mitteilungen Deutschland“ vom November 2008)

Die andere (christliche) Sicht Steiners zeigt nun christlich-praktische Aspekte auf, zeigt einen Weg, auf dem (konsequent freiheitlich gedacht) auch Menschen aus der arabisch-islamischen Welt zum Heil durch Christus finden können, so dass der scheinbare Widerspruch zu oben im Individuum auflösbar ist:

Der „Christus-Impuls“ ist nach Auffassung Steiners für jeden Menschen unabhängig von Religion zugänglich: „Das ist … der große Fortschritt, der sich nach und nach … vollzogen hat, dass die Menschenseele sozusagen zur „Selbsteinweihung“ reif wurde, …, aber ohne  Zutun äußerer Tempelleiter oder Mysterienleiter. Dasjenige aber, was sich sonst im Inneren der Mysterientempel abgespielt hat, …, trat durch die Begründung des Christentums auf den großen Plan der Weltgeschichte. … Die Vorschriften darüber, was er durchmachen musste von einem gewissen Vorgang, der als >Taufe<, und einem anderen, der als >Versuchung< bezeichnet wurde, bis zu dem, wo die Seele hinausgeführt wurde zu einem Wahrnehmen der geistigen Welt, waren beschrieben, bildeten sozusagen das Ritual der Einweihung. Wenn man solche Ritualien nimmt und mit der Hauptsache in den einzelnen Evangelien vergleicht – … – so sieht man, wie uns in den Evangelien die wiedererstandenen Beschreibungen der alten Einweihungszeremonien entgegentreten, nur angewendet auf das große geschichtliche Individuum des Jesus von Nazareth. Man sieht dann, wie … der Jesus von Nazareth bis zu dem Punkte geführt wurde, … wo er sich mit einer Wesenheit vereinigt hatte: mit der Christuswesenheit.“ (Wendepunkte des Geisteslebens, Kapitel VI [Christus und das 20.Jahrhundert, Vortrag gehalten in Berlin 25.1.1912], Taschenbuchausgabe Nr. 609, S.151/152)

Weiterhin fasst Steiner zusammen: „Den Gott und die göttliche Urwesenheit nicht in der Seelenhülle, sondern in dem eigentlichen Ich zu suchen, das war es, was das Christentum, …, der Menschheitsentwicklung gebracht hat.“ (ebda. S.154) und: „Der Eintritt des göttlichen Bewusstseins, das durch das Ich spricht, ist das Wesen des Christus-Impulses. … Willst du erkennen, wo sich dir das tiefste Göttliche, das alle Welt durchlebt, enthüllen kann, so schaue in dein eigenes Ich, denn durch dein Ich spricht der Gott zu dir.“ (ebda. S.154)

Praktisch gilt: „Der Gott …, der in dem Christus den Menschen entgegentrat, ist ein solcher, welcher den Menschen über alle sonstigen Unterschiede hinweg zu dem bringt, was der Mensch nur dadurch ist, dass er >Mensch< ist.“ (ebda. S.156)

Dieser letzte Satz ist sozusagen das „Credo“ der Christengemeinschaft.

(anthroposophische Christengemeinschaft, eine Freikirche)

Ich habe ganz bewusst die Extreme des Spektrums anthroposophischer Ansichten herausgestellt – Steiner polarisierte gerne.

Steiners Auffassung vom Christus-Impuls ergibt praktisch umgesetzt nun das auf den individuellen Menschen bezogene zutiefst christliche Motiv zu helfen, weshalb ungeachtet möglicher politisch-religiöser Konflikte in Deutschland weitere Interkulturelle Waldorfschulen wie in Mannheim gegründet werden sollen. Ziel ist die Integration von Muslimen (s. dazu auch Märzheft „Info 3, 2008). Unter anderem kommen im Unterricht auch die von Steiner als wichtig erachteten Märchen, hier also orientalische Märchen, zum Einsatz.

Da Waldorfschulen auf die begleitende empirische Forschung setzen, von der sie sich auch im Falle der Interkulturellen Waldorfschule Unterstützung versprechen, steht diesem pädagogischen Abenteuer nicht mehr viel im Weg. Mutig ist es schon. Beim Thema Sicherheit wird es kritisch.

Viele Mitglieder der Christengemeinschaft sind sich der Gefahren, die von weltweit verbreitetem anthroposophischem Gedankengut ausgehen, nicht bewusst, sie sind darüber nicht aufgeklärt oder bauen auf ihre eigene Sichtweise. Sie verteidigen dabei „ihren“ Steiner, der ihnen vielleicht selbst ihr Unglück bringt. Da Deutschland das dichteste Netz an Waldorfschulen besitzt, ist dies ein absolutes Sicherheitsrisiko.

Mitglieder der Christengemeinschaft sind oft medienfeindlich, sie schaffen sich eine eigene „heile“ Welt, die wenig mit dem öffentlichen Leben kommuniziert. So ist z.B. die offizielle Zusammenarbeit mit staatlichen Behörden nicht üblich, Waldorfschulen kooperieren nicht mit staatlichen Schulen etc.

Noch ein paar Fragen dazu:

Elke REIHL:

Sehr geehrte ehemalige Waldorflehrerin, wie würden Sie aufgrund Ihrer Äußerungen die Situation in der Waldorfpraxis  sehen? Erwartet man von Muslimen, dass sie sich missionieren lassen, wenn sie eine Waldorfschule besuchen?

LEHRERIN:

Eine Zustimmung zur Missionierung kann man von niemandem erwarten, die Missionierung ist jedoch konzeptionell intendiert wie bei vielen christlichen Einrichtungen.

REIHL:

Welchen Einfluss hat die Christengemeinschaft auf Waldorfschulen, bzw. Waldorfkindergärten?

LEHRERIN:

Die Christengemeinschaft ist meist Mitträger dieser Einrichtungen. Waldorfeinrichtungen verstehen sich selber als (christliche) Anwendung der Anthroposophie.

REIHL:

Sind die Anhänger der Christengemeinschaft die „Fundis“ unter den Anthroposophen?

LEHRERIN:

Fundamentalisten finden sich vor allem in der Christengemeinschaft, wobei „Fundi“ zu sein vergleichsweise harmlos ist, denn die größere Gefahr im Rahmen der Anthroposophie ist der Faschismus; diese Scheidewand ist dünn. Daher kläre ich auf und fordere die Modernisierung der anthroposophischen Welt und eine Bekenntnis zur Demokratie, der Rückzug ins Private löst keine Probleme.

REIHL:

Ich danke Ihnen.

INFO: 

Am 17. November 2008,  diskutieren um 17.05 Uhr im SWR 2 Forum (Radio)  Michael Grandt und Henning Kullak-Ublick, Vorstand des „Bundes der Freien Waldorfschulen“, über die Grundlagen der Waldorfpädagogik.


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